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Mittwoch, 18. Mai 2022

Moszkowski, Moritz - Sämtliche Klaviertranskriptionen

Verpasste Chance


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In der von Christof Keymer vorgelegten Gesamteinspielung bleiben Moritz Moszkowskis pointiert-virtuose Klaviertranskriptionen leider zu blass und zu statisch.

Selbst eingefleischten Klavier-Fans ist der Name Moritz Moszkowski (1854–1925) bis heute nicht unbedingt ein Begriff, und selbst einschlägige Musikführer unterschlagen ihn mitunter noch immer gänzlich. Am ehesten mag er einem vielleicht noch in den Sinn kommen, erinnert man sich an Vladimir Horowitz´ legendäres Moskauer Recital, anlässlich dessen er Moszkowskis fulminante Etüde mit dem Titel ‘Etincelles’ (zu Deutsch: Feuerfunken) zum Besten gab und damit das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss. Mit der Einspielung sämtlicher Klaviertranskriptionen dieses zu seinen Lebzeiten sehr wohl namhaften Komponisten, Pianisten und Pädagogen beim Label Berlin Classics in Zusammenarbeit mit dem Sender NDR1 hat Christof Keymer also durchaus so etwas wie Pionierarbeit für dessen Rehabilitierung und die Wiederentdeckung seines Werks geleistet. Immerhin zwei CDs füllen diese Stücke, die von Händel bis Wagner einem breit gefächerten Spektrum an Altmeistern Referenz erweisen.

Am Beginn stehen Brahms’ zehn Ungarische Tänze WoO 1. Nicht ohne Grund wird sich an dieser Stelle manchem wohl sogleich die Frage nach dem Sinn und Zweck einer solchen Bearbeitung aufdrängen, hatte doch Brahms selbst diese Werke ihres großen Erfolgs wegen bereits für das Klavier transkribiert. Der Unterschied zur eigenen Version des Komponisten liegt hier darin, dass die Fassung Moszkowskis in puncto technischer Schwierigkeitsgrad etwas abgespeckt ist, um sie zur damaligen Blütezeit der Salonmusik einem breiteren Kreis von aktiven Liebhabern zugänglich zu machen. Nicht an der vereinfachten Ausgabe des Notentextes, sondern an Keymers Spiel liegt es indessen, dass schon diese Stücke leider recht farblos bleiben und infolge recht statischer Dynamik und Agogik kaum nennenswerten Esprit versprühen. Recht hölzern und behäbig geraten bedauerlicher Weise auch die Transkription der Romanze aus Mozarts Klavierkonzert KV 466 sowie diejenigen einiger Beethoven-Stücke (darunter des Mittelsatzes aus dessen fünftem Klavierkonzert), so dass die Vorfreude auf so viele höchst ausgefallene und originelle Bearbeitungen zumindest auf der ersten CD relativ schnell getrübt wird. Kaum besser ergeht es zu Beginn des zweiten Tonträgers dem ‘Chanson bohème’ aus Bizets ‘Carmen’, bei dem man erneut unweigerlich an Horowitz und seine halsbrecherischen Variationen erinnert wird, die in jüngerer Zeit auch Arcadi Volodos und Jewgenij Kissin mit brillant funkelnden Darbietungen wieder aufgegriffen haben. Technisch nicht ganz so anspruchsvoll, gleichfalls aber voll rasanter und energiegeladener Passagen präsentiert sich Moszkowskis Transkription, der Keymer wiederum nur bedingt gerecht wird. Weitaus besser gelingen ihm hingegen die beiden Paraphrasen über Wagners ‘Venusberg-Szene’ aus dem ‘Tannhäuser’ sowie ‘Isoldens Liebestod’ aus dem ‘Tristan’, in denen er es endlich doch versteht, Klangwelten von höherer musikalischer Dichte und Spannung zu entwerfen. Leider bleibt es jedoch nur bei einem kurzen Lichtblick, denn im weiteren Verlauf – insbesondere bei den abschließenden musikalischen Parodien über ein Thema im Stil verschiedenster Komponisten von Bach bis Rubinstein – bleiben Keymers Interpretationen wieder etliches an Vitalität und Pointenreichtum schuldig. Oder um noch einmal die eingangs erwähnten ‘Etincelles’ aufzugreifen: Der vorliegenden Gesamtbeleuchtung von Moszkowskis Klaviertranskriptionen fehlt es entschieden an musikalischem Funkenflug und Inspiration, so dass die Chance auf eine adäquate Wiederbelebung – bei aller verdienstwürdigen Absicht – leider vertan wurde.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Thomas  Gehrig Kritik von Thomas Gehrig,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Moszkowski, Moritz: Sämtliche Klaviertranskriptionen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
31.10.2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
782124164027
0016402BC


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"Klaviertranskriptionen bieten die Möglichkeit, die Farbigkeit und klangliche Vielfalt eines ganzen Orchesters auf einem Klavier darzustellen. Schillerndes Beispiel hierfür sind die Klaviertranskriptionen Moritz Moszkowskis. Der zu Lebzeiten gefeierte Komponist und Virtuose geriet nach seinem Tode, zu unrecht, immer mehr in Vergessenheit, denn Moszkowski vereint in seinen Transkriptionen alle Facetten eines virtuosen Bearbeiters. Er fertigte sowohl Transkriptionen von Klavierwerken als auch von Orchesterwerken und Opern an. Mit der Gesamtaufnahme aller Transkriptionen Moszkowskis belegt Christof Keymer eindrucksvoll die kompositorische Finesse dieser unterschiedlichen Bearbeitungen, die denen des großen Franz Liszt in nichts nachstehen. Als Bonus befinden sich auf der CD2 die musikalischen Parodien Moszkowskis in denen er humoristisch den Kompositionsstil von Komponisten wie Chopin, Brahms und Bach imitiert."


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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