> > > Suk, Josef: Sinfonie c - Moll op. 27 ´Asrael´
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Suk, Josef - Sinfonie c - Moll op. 27 ´Asrael´

Todesengel


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Helsinki Philharmonic Orchestra unter Vladimir Ashkenazy hat Josef Suks 'Asrael'-Sinfonie eingespielt und liefert damit einen nicht unwichtigen Beitrag zur Neuentdeckung eines ebenso monumentalen wie vielschichtigen Werkes.

Gemeinsam mit der E-Dur-Sinfonie von Hans Rott (1858–1884) und der 'Natursinfonie' Siegmund von Hauseggers (1872–1948) teilt die c-Moll-Sinfonie für großes Orchester op. 27 mit dem Beinamen 'Asrael' des Tschechen Josef Suk (1874–1935) das bis in die Gegenwart andauernde Schicksal eines Schattendaseins. Zwar hat sich in den letzten Jahren in Bezug auf Suks monumentalen Fünfsätzer hinsichtlich der Aufführungshäufigkeit einiges zum Positiven gewandelt, doch davon zu sprechen, dass sich die 'Asrael'-Sinfonie in Deutschlands Konzertsälen mittlerweile etabliert habe, wäre übertrieben. Insofern überrascht es nicht, wenn die wenigen Einspielungen dieser Sinfonie von rund einer Stunde Länge bislang mehrheitlich mit tschechischen Orchestern und tschechischen Dirigenten zustande gekommen sind. Eine lobenswerte Ausnahme bilden Kirill Petrenko und das Orchester der Komischen Oper Berlin, die nun dank einer neu bei Ondine erschienenen SACD, auf der Vladimir Ashkenazy und das Helsinki Philharmonic Orchestra zu hören sind, keine mehr ist. Ashkenazy, seit 2009 Chefdirigent des Sydney Symphony Orchestra, und das 1882 gegründete Orchester der finnischen Hauptstadt legen hier eine durchaus gelungene Interpretation von Suks düsterem, komplexem Werk vor, dem man häufig die Nähe zu Anton Bruckners oder Gustav Mahlers Sinfonik nachgesagt hat.

Solche Vergleiche mit den Werken berühmter Komponisten sollen in erster Linie natürlich eine Orientierungshilfe bieten, erscheinen bei genauerem Hinsehen aber in der Regel als wenig fruchtbar. Sicher gibt es hinsichtlich der sich oft im tonalen Grenzbereich bewegenden Harmonik, den unvermittelten orchestralen Ausbrüchen, der weiten Anlage der Sinfonie und der reichen Instrumentation gewisse Parallelen zu besagten Komponisten. Doch hört man die perkussive Behandlung der Pizzikati gleich zu Beginn der Sinfonie oder die zuweilen in sehr hoher Lage geführten Holzbläser, dann denkt man viel eher an Dimitri Schostakowitsch. Am Ende bieten derartige Vergleiche nur die bequeme Ausflucht vor der Tatsache, dass Suk als Komponist über einen unvergleichlichen Individualstil verfügt, mit dem man sich eingehender auseinandersetzen muss, um zu Ergebnissen zu gelangen. Hinzu kommt: Suk war nicht nur Antonín Dvořáks Schüler am Prager Konservatorium, an das er selbst 1922 berufen wurde, sondern auch dessen Schwiegersohn. Nach der, zugegeben, relativ leicht zugänglichen Sinfonik Dvořáks aber klingt 'Asrael' (arabisch für 'Todesengel') ganz und gar nicht.

Nichtsdestotrotz spielt im zweiten Satz, einem von der Orchestration her recht ausgedünnten 'Andante sostenuto', ein Zitat aus Dvořáks 'Requiem' eine wichtige Rolle. Der Grund hierfür ist zugleich der Anlass für die Entstehung von 'Asrael', Dvořáks Tod im Jahr 1904. Suk hatte bereits drei Sätze seiner sinfonischen Würdigung vollendet und saß am vierten, als er auf einer Konzerttournee auch noch die Nachricht vom Tod seiner Frau Otylka erhielt. Daraufhin strich Suk den Entwurf des vierten Satzes und komponierte zwei Adagios, mit denen die Sinfonie abschließt.

So berechnend das klingen mag, so sehr ist das Werk von einer unüberhörbar dunklen Grundstimmung geprägt. Man kann es durchaus programmatisch verstehen, dass Suk das alle Sätze deutlich verknüpfende Todesthema aus seiner eigenen Schauspielmusik zu 'Raduz und Mahulena' entnahm, um es zum Gegenstand einer Art sinfonischen Metamorphose zu machen. Ganz am Schluss verhallt dieses Thema, das die Sinfonie in den tiefen Streichern eröffnet und einen ausgedehnten kompositorischen Prozess in Gang setzt, leise und wunderschön, nach Dur aufgehellt wie ein Choral in den Blechbläsern.

Ashkenazy und das Helsinki Philharmonic Orchestra gestalten die weiten Bögen und das teils jähe Umschlagen der musikalischen Charaktere souverän und mit adäquater Emphase. Besonders die tiefen Streicher und Blechbläser agieren klangstark, wohingegen die Violinen in den Höhen etwas abgeschnitten wirken, was die Komposition so von den Orchesterfarben her vielleicht kälter erscheinen lässt als sie eigentlich ist. Ebenso hätte manches Detail eventuell noch stärker herausgearbeitet werden können. Das sind allerdings Kleinigkeiten in einer insgesamt klar gegliederten, auch vom Klangbild überzeugenden Interpretation, die der Monumentalität und Komplexität von 'Asrael' durchaus gerecht wird.

Das Booklet fällt mit zwei Seiten englischem Einführungstext jedoch viel zu bescheiden aus. Außerdem sind sowohl auf der Rückseite der SACD-Hülle als auch im Booklet die Lebensdaten von Josef Suk mit '1974-1935' absurd falsch angegeben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Suk, Josef: Sinfonie c - Moll op. 27 ´Asrael´

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
29.03.2010
Medium:
EAN:

SACD
761195113257


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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