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Mittwoch, 23. Oktober 2019

Strawinsky, Igor - Psalmensinfonie

Musikalische Säulengänge


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Brillant legt eine gute Einspielung von Strawinskys 'Psalmensinfonie' vor. Und auch die Kombination mit Lili Boulanger ist gelungen.

Das Cover ist gut gewählt – es zeigt einen Säulengang. Stellt nicht auch Igor Strawinskys 1930 uraufgeführte 'Psalmensinfonie' einen – musikalischen – Säulengang dar? Aber es sind schlanke Säulen. Zumindest in der Interpretation des Monteverdi Choir und des London Symphony Orchestra unter der Leitung von John Eliot Gardiner. Wie es dazu kommt, dass die hochrangige Aufnahme, vor wenigen Jahren erst noch im Hause Deutsche Grammophon erschienen, nun für einen Spottpreis bei Brilliant Classics zu haben ist – man weiß es nicht. Aber man freut sich drüber. Denn so viel Qualität war nie für den Preis. Zumal das monumentale, Strawinskys neoklassizistischer Periode zuzuordnende Werk mit faszinierenden Psalmvertonungen der früh verstorbenen Lili Boulanger (1893–1918) gekoppelt wurde. Ein Fest also (nicht nur) für Freunde spiritueller Musik. Da nimmt man auch die karge Ausstattung des Booklets hin, das aber immerhin einen knappen Einführungstext sowie die englische Übersetzung der vertonten Texte bietet.

Der erste Satz ‘Exaudi orationem meam’ ist statuarisch, aber nicht statisch. Weil immer das pulsierende Metrum zu spüren ist, latent unter der starren Klangoberfläche. Der stimmlich bestens aufgestellte Chor deklamiert geschmeidig. Das Lamento des zweiten Satzes gerät ihm ebenso ausdrucksstark wie im letzten Satz die harmonisch gespannten Schwebeklänge über den Wechselnoten der tiefen Streicher. Diesen allerdings fehlt es ausgerechnet an dieser Stelle an Leichtigkeit. Das Orchester musiziert luzide; da sind polyphone Gewebe stets durchhörbar, bleibt die innere Spannung im wechselhaften Geschehen des ‘Alleluia’ auch in den zurückgenommenen Passagen aufrechterhalten. Die rhythmische Energie von Chor und Orchester beeindruckt, besonders nach der kunstvoll evozierten Archaik des ‘Alleluia’-Beginns, als dann doch noch der Strawinsky der 'russischen' Periode deutlich hervortritt. Es entsteht eine Monumentalität von einiger Eleganz.

‘Welche Freude bereitet es’, so der Komponist, ‘Musik zu einer Sprache zu schreiben, die seit Jahrhunderten unverändert besteht, die fast rituell wirkt und dadurch allein schon einen tiefen Eindruck hervorruft.’ Diesen tiefen Eindruck vermittelt Gardiners Interpretation; wagemutig hingegen ist sie nicht (und will es auch gar nicht sein). Einziger – und gerade bei diesem Werk ins Gewicht fallender – Makel der Aufnahme: Es fehlt ihr an Präsenz. Die eigentliche Wucht der Musik verliert sich bisweilen in der Weite des Klangraums.

Nach der halbstündigen 'Psalmensinfonie' folgen immerhin drei der sechs Psalmvertonungen der französischen Komponistin. Der Männerchor agiert zupackend, beherrscht aber auch die lyrischen Verschattungen. Julian Podgers exponierter Tenor kommt auf Samtpfoten daher. Chor und Orchester werden der fesselnden Klangsprache gerecht, ihrem harmonischem Farbenreichtum ebenso wie der gregorianisch anmutenden Melodik.

Bei Strawinsky waren es die Säulen eines griechischen Tempels. Bei Boulanger sind es die Säulen eines Kreuzgangs. Den Weg hindurch sollte man gehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strawinsky, Igor: Psalmensinfonie

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
13.02.2009
Medium:
EAN:

CD
5029365901529


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