> > > Strawinsky, Igor: Psalmensinfonie
Mittwoch, 27. Mai 2020

Strawinsky, Igor - Psalmensinfonie

Musikalische Säulengänge


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Brillant legt eine gute Einspielung von Strawinskys 'Psalmensinfonie' vor. Und auch die Kombination mit Lili Boulanger ist gelungen.

Das Cover ist gut gewählt – es zeigt einen Säulengang. Stellt nicht auch Igor Strawinskys 1930 uraufgeführte 'Psalmensinfonie' einen – musikalischen – Säulengang dar? Aber es sind schlanke Säulen. Zumindest in der Interpretation des Monteverdi Choir und des London Symphony Orchestra unter der Leitung von John Eliot Gardiner. Wie es dazu kommt, dass die hochrangige Aufnahme, vor wenigen Jahren erst noch im Hause Deutsche Grammophon erschienen, nun für einen Spottpreis bei Brilliant Classics zu haben ist – man weiß es nicht. Aber man freut sich drüber. Denn so viel Qualität war nie für den Preis. Zumal das monumentale, Strawinskys neoklassizistischer Periode zuzuordnende Werk mit faszinierenden Psalmvertonungen der früh verstorbenen Lili Boulanger (1893–1918) gekoppelt wurde. Ein Fest also (nicht nur) für Freunde spiritueller Musik. Da nimmt man auch die karge Ausstattung des Booklets hin, das aber immerhin einen knappen Einführungstext sowie die englische Übersetzung der vertonten Texte bietet.

Der erste Satz ‘Exaudi orationem meam’ ist statuarisch, aber nicht statisch. Weil immer das pulsierende Metrum zu spüren ist, latent unter der starren Klangoberfläche. Der stimmlich bestens aufgestellte Chor deklamiert geschmeidig. Das Lamento des zweiten Satzes gerät ihm ebenso ausdrucksstark wie im letzten Satz die harmonisch gespannten Schwebeklänge über den Wechselnoten der tiefen Streicher. Diesen allerdings fehlt es ausgerechnet an dieser Stelle an Leichtigkeit. Das Orchester musiziert luzide; da sind polyphone Gewebe stets durchhörbar, bleibt die innere Spannung im wechselhaften Geschehen des ‘Alleluia’ auch in den zurückgenommenen Passagen aufrechterhalten. Die rhythmische Energie von Chor und Orchester beeindruckt, besonders nach der kunstvoll evozierten Archaik des ‘Alleluia’-Beginns, als dann doch noch der Strawinsky der 'russischen' Periode deutlich hervortritt. Es entsteht eine Monumentalität von einiger Eleganz.

‘Welche Freude bereitet es’, so der Komponist, ‘Musik zu einer Sprache zu schreiben, die seit Jahrhunderten unverändert besteht, die fast rituell wirkt und dadurch allein schon einen tiefen Eindruck hervorruft.’ Diesen tiefen Eindruck vermittelt Gardiners Interpretation; wagemutig hingegen ist sie nicht (und will es auch gar nicht sein). Einziger – und gerade bei diesem Werk ins Gewicht fallender – Makel der Aufnahme: Es fehlt ihr an Präsenz. Die eigentliche Wucht der Musik verliert sich bisweilen in der Weite des Klangraums.

Nach der halbstündigen 'Psalmensinfonie' folgen immerhin drei der sechs Psalmvertonungen der französischen Komponistin. Der Männerchor agiert zupackend, beherrscht aber auch die lyrischen Verschattungen. Julian Podgers exponierter Tenor kommt auf Samtpfoten daher. Chor und Orchester werden der fesselnden Klangsprache gerecht, ihrem harmonischem Farbenreichtum ebenso wie der gregorianisch anmutenden Melodik.

Bei Strawinsky waren es die Säulen eines griechischen Tempels. Bei Boulanger sind es die Säulen eines Kreuzgangs. Den Weg hindurch sollte man gehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Strawinsky, Igor: Psalmensinfonie

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
13.02.2009
Medium:
EAN:

CD
5029365901529


Cover vergössern

Brilliant classics

Brilliant Classics steht für hochwertige Klassik zu günstigen Preisen!

Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Brilliant classics:

  • Zur Kritik... Mozarts Vorbilder und Zeitgenossen : Mozarts Klavierkonzerte dominieren unsere Sicht auf diese Gattung zwischen 1770 und 1790. Diese drei CDs mit Concerti seiner hier überwiegend italienischen Zeitgenossen bieten kompakt eine breitere Perspektive in solider interpretatorischer Wiedergabe. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Resoluter Impressionismus: Auf ihrer neuen CD mit Violinsonaten französischer Komponisten präsentieren Klára Würtz und Kristóf Baráti drei wenig ausschweifende, aber doch unverwechselbare Interpretationen. Weiter...
    (Susanna Morper, )
  • Zur Kritik... Leicht verdaulich: Der Opernkomponist Francesco Cilea zeigt sich auf dieser Einspielung als Meister nicht allzu anspruchsvoller Klaviermusik. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Brilliant classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Dennis Roth:

  • Zur Kritik... Zu verbindlich: Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller und die chinesische Geigerin Tianwa Yang widmen sich Wolfgang Rihms Werken für Violine und Orchester. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Monumentaler Mahler: Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks präsentieren Mahlers Zweite Sinfonie auf höchstem Niveau. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Ausdruckstiefes Meisterwerk: Wolfgang Rihms 2017 uraufgeführte 'Requiem-Strophen' in einer geradezu mustergültigen Interpretation unter der Leitung von Mariss Jansons. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Dennis Roth...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Faszinierende Cellosonaten: Der Cellist Daniel Müller-Schott überzeugt auf seinem neuen Album auf ganzer Linie. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Explosive Impulse: Das BRSO und Mariss Jansons erreichen mit dieser frühen Interpretation noch nicht ganz die Durchdringungstiefe späterer Bruckner-Aufnahmen. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Vollendet austarierter Anschlag: Das Duo Genova & Dimitrov hat sämtliche Werke von Sergej Rachmaninow für Klavierduo aufgenommen. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2020) herunterladen (3000 KByte) Class aktuell (1/2020) herunterladen (4180 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich