> > > Janacek, Leos: Aus einem Totenhaus
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Janacek, Leos - Aus einem Totenhaus

Dramatik, ausgelagert


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leo? Janáčeks großartig unopernhafte Oper 'Aus einem toten Haus' in einer überzeugenden Einspielung.

Ihre Dramaturgie macht Leoš Janáčeks letzte, 1930 posthum uraufgeführte Oper ‘Aus einem toten Haus’ zu einem ungewöhnlichen Werk des Musiktheaters. Denn der Tscheche librettisierte mit Dostojewskis Roman ‘Aufzeichnungen aus einem toten Haus’ (1862) einen epischen Text, in dem kaum etwas geschieht. Alles bleibt Episode, was zählt, ist der Augenblick, nicht das große Ganze. Mit Blick auf die Musik kann man, wie Egon Voss es tat, mit guten Gründen gar von einer ‘Emanzipation des Details’ sprechen und dies als Zeichen von Modernität anerkennen. Es gibt zwar Motive, aber diese sind nicht eindeutig auf eine Person oder Situation festgelegt. So episodisch – nicht: fragmentarisch – die Musik auch ist, so entsteht doch ein Spannungsbogen, aufgrund inhaltlicher und musikalischer Bezüge und der formalen Symmetrie ein Zusammenhalt innerhalb dieser flüchtigen, kurzen (drei Akte in 100 min.), so wenig opernhaften Oper.

Die vorliegende Einspielung dokumentiert die Inszenierung des Prager Nationaltheaters von 1964, die als Gastspiel in Edinburgh den internationalen Siegeszug der Oper initiierte. Ladislav Štros inszenierte, Bohumil Gregor stand damals am Pult. Das Orchester agiert schneidend scharf und beherrscht den derben Tonfall (wie beim Osterfest) ebenso wie lyrische Linienbildung. Das oft hervortretende Blech macht seine Sache gut. Der insgesamt unsentimentale Zugriff des Orchesters entspricht ganz der herben und doch auch empathischen Musik.

Das ‘Spiel von Kedril und Don Juan’ stellt, als Theater auf dem Theater, den Höhepunkt der spärlichen Handlung dar. Hier erzählt die Musik das, was sich nahezu wortlos auf der notdürftig zusammengeflickten Gefängnisbühne ereignet. Dass Don Juan im zweiten Stück über ‘Die schöne Müllerin’ kurzerhand aus der Hölle zurückkehrt, wird dann nicht ausgekostet, der Triumph einer absoluten Freiheit und ungebändigten Lebenslust ist kurz – und findet nur auf der Bühne statt. Danach geht das Gefängnisleben weiter seinen schleppenden Gang, aufgelockert nur durch Geschichten aus dem Leben draußen. Daher ist das eigentlich Dramatische verlagert in die Erzählungen von vier Lagerinsassen, ereignet sich also indirekt im Epischen. Dort gibt es Liebe und Eifersucht, Mord und Totschlag. Man hört Mördern zu (denen Janáčeks Musik die Menschlichkeit nicht abspricht, getreu dem der Partitur vorangestellten Motto, dass in jedem Geschöpf ein Funke Gottes wohne). Ihre Erzählungen geraten dabei höchst lebendig – was nicht nur an der kompositorischen Meisterschaft liegt, mit der Janáček im erzählten Dialog die unterschiedlichsten Intonationen darzustellen weiß, sondern auch an den guten, freilich nicht überragenden Darbietungen der Sänger. Beno Blachut evoziert die Dramatik der Messerstich-Szene, die zur Gefangennahme seiner Figur Luka führte, überaus packend. Ivo ?ídek hingegen agiert in der Rolle des Skuratoff allzu forciert und ist in den Höhen nicht immer sattelfest, nichtsdestotrotz ausdrucksstark. Milan Karpíšek schließlich gestaltet die Registerwechsel in der Rede des Shapkin besonders überzeugend. Eine reine Männeroper, wäre da nicht die Hosenrolle des Alej. Dies ist dramaturgisch ebenso schwach wie die letzte, Schischkoffs Erzählung, die deutlich zu lang gerät. Das optimistische Ende ist nicht vom Komponisten authorisiert, denn Janáček starb 1928 über der Arbeit. Da besingt der stimmlich bestens aufgestellte Chor den Flug des zuvor lahmen Adlers in die Freiheit.

Das Booklet liefert sowohl den soliden Einführungstext als auch das Libretto in vier Sprachen; gesungen wird in der Originalsprache. Die Aufnahme erscheint nun erstmals auf CD (beim tschechischen Label Supraphon) und wurde bereits 1978 mit dem Grand Prix du disque lyrique ausgezeichnet – nachvollziehbar.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Janacek, Leos: Aus einem Totenhaus

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
2
20.02.2009
Medium:
EAN:

CD
099925395322


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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