> > > Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 7
Dienstag, 18. Februar 2020

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 7

Das Lied der Nacht


Label/Verlag: Octavia
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Interpretation der Siebten Sinfonie von Mahler überzeugt interpretatorisch völlig und weist klanglich eine enorme Transparenz auf, bei der jedoch künstlich nachgeholfen wurde, zu Lasten der Natürlichkeit. Stereo-SACD!

Von den Sinfonien Gustav Mahler (1860–1911) haben die rein instrumental gehaltenen Sinfonien 5 bis 7 lange Zeit keine rechte Anerkennung gefunden – selbst bei Mahler-Fans wurden sie unterkühlt aufgenommen. Die Siebte Sinfonie in e-Moll, die dem Musikfreund wegen ihrer zwei ‚Nachtmusiken’ und eines ‚schattenhaften’ Scherzos ab und an unter dem Titel ‚Lied der Nacht’ begegnet, hat eine symmetrische Bogenform. Um das erwähnte Scherzo gruppieren sich die beiden Nachtmusiken; diese drei Sätze verdienten deutlich mehr Aufmerksamkeit, enthalten sie doch eine Fülle herrlicher Gedanken. Der wegen seiner nur sporadisch einmal unterbrochenen Unruhe etwas strapaziöse Kopfsatz sowie das mit einigen erschreckend trivialen Gedanken aufwartende Jubel-Finale sind da problematischer. Am Schluss der Sinfonie erscheint das markante Hauptthema des ersten Satzes und führt das Gesamtwerk so zu einer zyklischen Abrundung, wie sie bei Mahler eher die Ausnahme ist.

Eigenartig: Stereo-SACDs

Der Mahler-Zyklus des japanischen Labels Exton mit dem von Zdenek Macal geleiteten Czech Philharmonic Orchestra, dessen Folgen stets ein Livemitschnitt aus dem Prager Rudolfinum und eine ergänzende Studio-Sitzung zugrunde liegt, ist nun um eine auf zwei SACDs herausgegebene Aufnahme der Siebten Sinfonie von 2007 reicher. Die bisherigen Folgen zeichneten sich neben überzeugenden Interpretationen durch ein faszinierend räumliches Klangbild aus, das seine Plastizität insbesondere im Mehrkanalmodus entfaltete. So ist die Reihe gerade für audiophile Sammler und Besitzer von High-End-Geräten interessant. Wer ein ähnliches Erlebnis nun auch im vorliegenden Fall erhofft (bei Mahler ja nun wirklich nicht abwegig), sei jedoch gleich gewarnt: Es handelt sich bei der hier besprochenen Produktion um zwei reine Stereo-SACDs, denen der dritte Layer schlichtweg fehlt – und das mit voller Absicht. Wer jedoch ohnehin nur Stereo hört, kann diese Aufnahme bedenkenlos erwerben und dabei immer noch in den Genuss der – in einer höheren Auflösung begründeten – Vorzüge der SACD kommen.

Schoßgeiger

Denn der Klang der Aufnahme ist auch in Stereo immer noch beeindruckend. Puristen werden jedoch den Kopf schütteln, denn (wie auch bei früheren Folgen schon beobachtet) auch hier wurde an der Balance geschraubt, was im schlimmsten Fall das akustische Phänomen der sich quasi auf dem Schoß des Hörers befindlichen Solisten der Fächer Violine (Konzertmeister) und Bratsche nach sich zieht. Zu dominant sind auch die – im Normalfall eher untergehenden – Instrumente Gitarre und Mandoline und einige Bläsersoli. Abgesehen davon punktet die Aufnahme mit einer herausragend guten Durchhörbarkeit und Tiefenstaffelung, welche keine Nebenstimme untergehen lässt. Es lassen sich tatsächlich Details ausmachen, die unter normalen Bedingungen kaum zu hören wären. Mit der ‚naturbelassenen’ Akustik des Konzerts hat das aber nicht mehr viel zu tun. Ob es generell angemessen ist, einen unerreichten Meister der Instrumentation wie Gustav Mahler auf diese Weise verbessern zu wollen, sei einmal dahingestellt.

Gründliche Arbeit

Da aber die beste Klangqualität zur Nebensache verkommt, wenn die Interpretation nicht überzeugt, muss dieser Punkt noch eingehend beleuchtet werden. Wie bereits in früheren Folgen weiß das hoch motiviert zu Werke gehende und aus technischer wie musikalischer Sicht meisterhaft agierende tschechische Orchester sofort für sich einzunehmen. Perfektionisten könnten kleinste Unstimmigkeiten – etwa bei der Gleichzeitigkeit einiger weniger Einsätze – monieren; selbige vermitteln aber meiner Meinung nach erst das lebendige Flair des ursprünglichen Konzerterlebnisses. Auch Zdenek Macals Zugang zum Werk zeugt wieder einmal von seiner gründlichen Beschäftigung mit der Partitur. Mahlers unzählige Anweisungen werden gewissenhaft umgesetzt, ohne dass das in Pedanterie abdriftete und Musikalität und Fluss darunter leiden würden. Jeder der unzähligen Takte der Mammut-Sinfonie wirkt durchdacht und beseelt. Insbesondere gilt das auch für den Schlusssatz, in dem Macal tatsächlich ungeahnte Qualitäten offen legt. Wo der Satz sonst nur zu oft in lustloser Eintönigkeit ermüdet, wird hier die Aufmerksamkeit durch lebendige Kontraste und großen Farbreichtum wach gehalten. Einzige Frage: Müssen Streicher bei der Anweisung 'molto espressivo’ gleich in ein an Weinerlichkeit grenzendes Vibrato verfallen? Abgesehen von der Enttäuschung über den fehlenden Mehrkanallayer und einige zu massive Manipulationen an der Balance ist hier eine rundum überzeugende Interpretation zu erleben, die ein deutliches Plädoyer für das bislang nach wie vor vernachlässigte Werk darstellt und ein perfektes Klanggewand verdient hätte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Octavia
2
20.02.2009
Medium:
EAN:

CD SACD
5425008376738


Cover vergössern

Octavia

EXTON & TRITON sind zwei audiophile Reihen von Octavia Records aus Japan, die sich vornehmlich auf europäische Sinfonik, Klaviermusik und Kammermusik spezialisiert haben.

Die Zusammenarbeit mit so bedeutenden Orchestern wie Sydney Symphony, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Pittsburgh Symphony Orchestra, Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und so berühmten Dirigenten und Künstlern wie Vladimir Ashkenazy, Manfred Honeck, Sakari Oramo, Pascal Rogé, Jaap van Zweden u.v.a. zeugen von derem hohen Anspruch.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Octavia:

  • Zur Kritik... Verbindung zweier Welten: Manfred Honecks Einspielung von Mahlers Fünfter Sinfonie ist ein nicht so herausragender Wurf wie die Erste, kann aber durch die stringente Umsetzung des interpretatorischen Konzepts für sich einnehmen. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Bestechende Virtuosität: Der junge ukrainische Pianist Alexander Gavrylyuk widmet sich Prokojews Klavierkonzerten Nr. 3 und 5. Auch wenn hier und da noch einiges im Ausdruck differenziert werden kann: Gavrylyuks pianistische Brillanz ist bestechend. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Brillante Umsetzung: Der junge ukrainische Pianist Alexander Gavrylyuk widmet sich Prokofjews Klavierkonzerten Nr. 1, 2 und 4. Das Ergebnis ist von bezwingender Brillanz. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Octavia...

Weitere CD-Besprechungen von Christian Vitalis:

  • Zur Kritik... Bretonische Legende auf der Opernbühne: Ordentliche Aufnahme aus Liège der heute recht unbekannten Oper 'Le Roi d'Ys' von Édouard Lalo. Zwar nicht Referenzklasse-Niveau, angesichts der geringen Auswahl aber dennoch empfehlenswert, sofern man sich für die Oper interessiert. Weiter...
    (Christian Vitalis, )
  • Zur Kritik... Homogener als erwartet: Eine Gegenüberstellung von Orgelwerken finnischer Komponisten und solchen von J. S. Bach und Buxtehude bietet Kari Vuola mit dieser Platte. Faktisch fallen die im Titel versprochenen Kontraste geringer aus als erwartet. Weiter...
    (Christian Vitalis, )
  • Zur Kritik... Stille und Einkehr: Es sind hier drei Konzertstücke zu hören, deren Entdeckung eine lohnende Bereicherung ist. Der Japaner Toshio Hosokawa versteht sich auf Musik an der Grenze zur Stille. Gelungene Interpretationen aus Luxemburg. Weiter...
    (Christian Vitalis, )
blättern

Alle Kritiken von Christian Vitalis...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Haitink dirigiert Beethoven: Das Label LSO live nutzt Haitinks Beendigung seiner Dirigentenlaufbahn zur Konservierung außerordentlicher Live-Konzerte. Daran müssen sich neue Einspielungen messen. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Voll im Leben: Fretwork blicken in dieser Veröffentlichung zurück und in die Zukunft. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Am falschen Ende gespart: Eine eher lieblos aufbereitete Edition ohnehin anderswo greifbarer bedeutender Einspielungen des wichtigen tschechischen Dirigenten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (2/2020) herunterladen (2900 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Dmitri Kabalewski: 24 Préludes op.38

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich