> > > Goossens, Eugene: Sinfonie Nr. 1 op. 58
Montag, 24. Januar 2022

Goossens, Eugene - Sinfonie Nr. 1 op. 58

In Memoriam


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Richard Hickox' letzte vollendete Schallplatteneinspielung gerät zu einem grandiosen Finale.

Der Tod kam plötzlich, viel zu früh und passte doch irgendwie zu ihm: als Richard Hickox im November 2008 in Swansea einem Herzversagen erlag, hatte er wenige Momente zuvor noch Schallplattenaufnahmen dirigiert. Herausgerissen mitten aus jener Arbeit, die ihm so am Herzen lag: das Repertoire der britischen Musik auf Tonträger zu dokumentieren. Die Gesamtedition der Orchesterwerke von Gustav Holst blieb damit unvollendet. Die hier vorliegenden Aufnahmen der Ersten Symphonie und des 'Phantasy Concerto’ von Sir Eugene Goossens waren Hickox' letztes Dirigat für das Label Chandos, das ihm im Laufe von 20 Jahren 282 Plattenaufnahmen verdankte – eine Unmenge davon der britischen Musik gewidmet und oftmals jenen Werken, die bis dahin sträflich vernachlässigt worden waren.

Sir Eugene Goossens, Protegé von Sir Thomas Beecham und vielleicht eher als Dirigent denn als Komponist bekannt geworden, begann als Violinist im Queen's Hall Orchestra unter Sir Henry Wood, trat ab 1916 als Dirigent hervor und widmete sich als solcher insbesondere der Neuen Musik seiner Zeit. 1923 folgte er dem Ruf nach Rochester, um das Rochester Philharmonic Orchestra zu leiten, wurde 1931 Musikdirektor des Cincinnati Symphony Orchestra und ging 1947 schließlich nach Australien, wo er Chefdirigent des Sydney Symphony Orchestra wurde.

Seinem kompositorischen Werk, das immerhin Opern, Orchesterwerke und etliche Kammermusik umfasst, ist im Plattenstudio bislang nicht übergebührlich Ehre zuteil geworden. Es verwundert nicht, dass es ausgerechnet die Phalanx der australischen Orchester war, die in den 90er Jahren unter Vernon Handley eine ganze Reihe an Orchesterwerken von Goossens aufnahm, war der Komponist und Dirigent doch vor allem in Australien sehr erfolgreich. Und wie passend daher, dass Richard Hickox ebenfalls in ‚Down Under' Erfolge als Musikdirektor der Opera Australia feierte und mit dem Melbourne Symphony Orchestra sich in seiner letzten Einspielung der Musik Goossens' widmete. Zur Seite stand ihm der versierte Pianist Howard Shelley, der die Plattenpremiere des 1942 vollendeten Phantasy Concerto zu einem Erlebnis macht.

Feine Linienführung

Würde man Eugene Goossens allein an seiner monströsen Orchestrierung von Händels 'Messiah' messen, die er Ende der 1950er Jahre für Thomas Beecham besorgte, so bliebe ein etwas zweifelhafter Nachgeschmack – zumindest aus heutiger Perspektive. Goossens eigene Musik hingegen atmet die Luft Strawinskys und Prokofjews, und in der Orchestrierung erweist sich Goossens als wahrer Klangfarbenzauberer. Obwohl Student des Royal College of Music, steht er, zumindest mit seiner Ersten Symphonie und dem 'Phantasy Concerto’, abseits der kaderschmiedenden Tradition dieser Institution, und das heißt: er wirft dezidiert einen Blick auf den Kontinent, und seine nervösen, unruhigen Themen, gleichwohl sie sich im tonalen Rahmen bewegen, strotzen nur so vor Chromatik. Dabei bleibt Goossens Musik fein liniert; warme Klangfarben sind immer transparent eingesetzt und changieren mit ausgeprägten rhythmischen Kontrasten.

All dies wird in der Plattenpremiere des Phantasy Concerto vom Pianisten Howard Shelley mit versierten Händen bestens nachgezeichnet. Da klingt keine Kontur verwaschen, spieltechnische Klippen werden meisterlich gestaltet und nicht absolviert, rhythmische Finessen mit markant-herbem Anschlag ausformuliert. Prachtvoll ist der Dialog zwischen Solist und Orchester gelungen, exzellent die Binnenspannung und Binnendynamik von Richard Hickox ausgelotet und vom Melbourne Symphony Orchestra farbensatt umgesetzt. Und es ist gerade diese enorme Binnenspannung und Homogenität des Orchesters, die die Einspielung von Goossens Erster Symphonie aus den Jahren 1938–40 zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten von Vernon Handleys Aufnahme aus den 90er Jahren erwachsen lässt. Hickox drückte einem Werk niemals seinen Stempel auf, schipperte, zumindest in seinen letzten Jahren, nie im Fahrwasser eines festgelegten dirigentischen Stils. Der Individualität der Komponisten und ihren Kompositionen zollte er stets größten Respekt. Und so lässt er in Goossens Erster Symphonie die warmen Klangfarben nie zu dick auftragen, sondern arbeitet die motivisch-thematischen Nuancen der Partitur in höchster Transparenz heraus, so dass das Werk mitunter kammermusikalische Intimität ausstrahlt, die durchaus im Sinne des Komponisten gelegen haben mag. Das Melbourne Symphony Orchestra zeigt sich in allen Registern bestens disponiert und wartet mit sensiblen Solisten auf. Härten gibt es nur dort, wo Härte herrschen soll. Dann zirkelt Hickox das Material kontrastreich aus und spannt so den großen Bogen über eine herausragende Interpretation von Eugene Goossens erster Symphonie.

Wie immer präsentiert Chandos eine Aufnahme in bestens ausbalancierter Klangtechnik und mit einem informativen Beiheft. Uneingeschränkt empfehlenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Goossens, Eugene: Sinfonie Nr. 1 op. 58

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
20.02.2009
Medium:
EAN:

SACD
095115506820


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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