> > > Matthews, David: Orchesterwerke
Donnerstag, 29. September 2022

Matthews, David - Orchesterwerke

Ein Meister des Orchesters


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


David Matthews tritt mit dieser CD, auf der drei seiner Orchesterwerke eine herausragende Interpretation erfahren, ein wenig aus dem Schatten seines Bruders Colin heraus.

Den englischen Komponisten Colin Matthews kennt man als 'Vollender' von Gustav Holsts berühmtestem Orchesterwerk 'The Planets'. Matthews ergänzte den Zyklus um einen Pluto-Satz, der von Holst keineswegs vergessen worden war. Vielmehr harrte der erdfernste Planet noch seiner Entdeckung, als Holst das Werk in den Jahren 1914 bis 1916 komponierte. Matthews war außerdem Assistent von Benjamin Britten, als dieser – gesundheitlich schwer angeschlagen – in den Jahren 1971/72 seine letzte Oper 'Death in Venice' schrieb. Colins Bruder David Matthews (geb. 1943) ist dagegen außerhalb seiner Heimat weitgehend unbekannt. Vielleicht liegt dies an seiner Orientierung an traditionellen Gattungen wie Symphonie, Tondichtung und Solokonzert – Formen, die von vielen Zeitgenossen als veraltet abgelehnt werden. Vorliegende CD präsentiert Matthews als Verfasser zweier Tondichtungen und eines Violoncellokonzertes, wobei es zu Grenzüberschreitungen kommt: Sein 'Concerto in Azzurro' op. 87 könne man als symphonische Dichtung für Cello und Orchester betrachten, schreibt Matthews selbst im Booklet. Auch die beiden anderen Werke tragen poetische Titel: 'The Music of Dawn' op. 50 und 'A Vision and a Journey' op. 60. Solist im Cellokonzert ist Guy Johnston, das BBC Philharmonic wird von Rumon Gamba geleitet. Die Aufnahmen erfolgten, wie der CD-Hülle zu entnehmen ist, in Anwesenheit des Komponisten.

Wer beim Stichwort Tondichtung an Richard Strauss denkt, wird Matthews´ Werken zumindest ein Stück weit gerecht. In der virtuos-farbigen Behandlung des Orchesters treffen sich die beiden Komponisten, auch wenn es sonst viele Unterschiede gibt. Der Engländer schreckt nicht vor dem Einsatz herber Dissonanzen zurück, schreibt insgesamt aber eine zugängliche Musik. Die eröffnende 'Music of Dawn' zeigt dies beispielhaft: Langsam und leise entwickelt sich hier das Geschehen über einem Trompetensolo und zarten Farbtupfern der Harfe, bevor es zu beeindruckenden Steigerungen kommt. Dazwischen kehrt Matthews immer wieder in seinen bevorzugten pianissimo-Bereich zurück. Den Orchestermusikern wird ein hohes Differenzierungs-Vermögen abverlangt, über das die Mitglieder des BBC Philharmonic unbestritten verfügen. Die mannigfaltigen dynamischen Abstufungen erfahren eine sorgfältige Interpretation, Gamba fügt die Elemente der vielschichtigen Partitur souverän zusammen.

Im 'Concerto in Azzurro' wirkt das Violoncello wie eine Ergänzung des Orchesters, ein starker Kontrast zwischen Solo und Tutti besteht nicht. Der Cellopart des Steven Isserlis gewidmeten Werkes ist zwar so anspruchsvoll, wie man es von einem Solokonzert erwartet. Doch immer wieder wird das Violoncello ins musikalische Geschehen integriert. Keine leichte Aufgabe also für den Solisten, der hier die goldene Mitte zwischen Selbstdarstellung und Eingliederung finden muss. Johnston gelingt dies in einer Weise, die den Beifall des Komponisten gefunden haben dürfte: Er vermeidet es, sich plakativ in den Vordergrund zu drängen, stellt sein Licht aber auch nicht unter den Scheffel. Gerade im dritten Abschnitt (Track 10) gelingen ihm wunderbar lyrische Momente, bevor der letzte Satz das Werk verlöschend beschließt – zur Tradition des heiter-lärmenden Finales ging Matthews hier hörbar auf Distanz.

'A Vision and a Journey' betitelte der Komponist als symphonische Fantasie, das Werk wurde in den Jahren 1996 bis 99 überarbeitet. Herausgekommen ist ein glanzvolles Orchesterstück von instrumentaler Farbenpracht, dessen Motivik unter anderem aus dem Glockengeläut des Domes von Limburg abgeleitet ist, wie man Matthews´ Einführungstext entnehmen kann. Für die Musiker handelt es sich um ein schwieriges, aber auch dankbares Werk; insbesondere die Holzbläser werden hörbar gefordert. Wie schon in der 'Music of Dawn' sind die Orchestermusiker jederzeit auf der Höhe des Geschehens, das vielfältige Stimmungsspektrum der sechs Abschnitte wird voll ausgekostet. Während op. 50 als musikalische Nachzeichnung eines Sonnenaufgangs verstanden werden kann, bleiben die programmatischen Assoziationen in op. 60 eher vage. Matthews erwähnt Sibelius’ 'Pohjolas Tochter' als Vorbild. Der Trompeter des BBC Philharmonic kann sich hier erneut auszeichnen, zumal im dritten Abschnitt (Track 15).

Interpretatorisch und klanglich steht diese Veröffentlichung auf sehr hohem Niveau, Matthews´ eigene Werkeinführungen sind zudem insofern vorbildlich, als sie in gleichem Maße kompetent und verständlich geschrieben wurden. Doch wie klingt nun seine Musik? Bei aller Originalität gibt es doch Parallelen. Strauss und Sibelius wurden bereits genannt, Mahler scheint – zumal in den Glockenschlägen am Ende von 'A Vision and a Journey' – Pate gestanden zu haben. Matthews´ meisterhafte Behandlung des Orchesters kann sich mit derjenigen der Finnen Lindberg und Aho messen. Noch weitere Namen ließen sich wohl finden. Doch ein unverwechselbarer, eigener Ton durchzieht die drei hier zu hörenden Werke – ein Ton, der von Gamba und dem BBC Philharmonic bestens eingefangen wurde. Man darf hoffen, dass diesen herausragenden Einspielungen weitere CDs mit der Musik von David Matthews folgen werden. Als Meister des Orchesters muss er weder inner- noch außerhalb seiner Heimat einen Vergleich scheuen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Matthews, David: Orchesterwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
01.04.2012
Medium:
EAN:

CD
095115148723


Cover vergössern

Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Chandos:

  • Zur Kritik... Unausgewogen: Eine aufnahmetechnisch problematische Richard-Strauss-CD mit Konzertwerken. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Intereuropäischer Austausch: Nach vielen Jahren endlich wieder einmal eine Orgelproduktion aus der St Paul’s Cathedral London. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Weinberg für den Mainstream: Fulminante, aber emotional wenig involvierte erste Folge einer neuen Gesamteinspielung von Mieczyslaw Weinbergs Streichquartetten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Chandos...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Britische Delikatessen: Der Pianist Simon Callaghan auf Entdeckungsreise im britschen Konzert-Repertoire des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts – nicht immer erstklassig, aber hörenswert. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Spielerische Anti-Romantik: Von den drei hier versammelten Stücken aus der Feder von Hans Winterberg (1901–1991) kann zwar nur eines überzeugen, dieses – die 'Rhythmophonie' – hat aber Beachtung verdient. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Lettisch-kanadische Entdeckungen: Der lettisch-kanadische Tondichter Tālivaldis Ķeniņš hat mit seinen Symphonien Nr. 5 und 8 zwei ausdrucksstarke Werke komponiert, vor allem die Achte für Orgel und Orchester hat Beachtung verdient. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2022) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich