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Samstag, 15. August 2020

Halffter, Cristóbal - Lázaro

Nach dem Tod ist vor dem Tod


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Abstraktion, Jesus-Spiegelungen und ?psychische Polyphonie?: Das Theater Kiel legt eine insgesamt empfehlenswerte Produktion der Oper 'Lázaro' des spanischen Komponisten Cristóbal Halffter vor.

Es gibt ein Leben nach dem Tod. Zumindest für Lazarus. Jesus hatte ihn, wir erinnern uns, von den Toten auferweckt. Doch was geschah danach? Juan Carlos Marset erzählt die im Johannes-Evangelium überlieferte Geschichte des Lazarus in seinem Libretto für Cristóbal Halffters Oper ‘Lázaro’ zu Ende. Das symmetrisch angelegte Textbuch rührt an die letzten Dinge; Platons Höhlengleichnis und die Leidensgeschichte Jesu bilden den Hintergrund des Geschehens. Jesus ist gleichsam die Fackel, die das vieldeutige Bühnenspiel der Schatten in Gang setzt, und in Spiegelungen latent präsent: So nimmt Lazarus seinen leeren Platz am Tisch des letzten Abendmahls ein, und später ruft er den wenigen versprengten Jüngern zu, die ihn umgeben: ‘Wacht mit mir!’ Da liegt Lazarus bereits in seiner Gruft, auf der Flucht vor den Häschern. Ausgemergelt, mit verstörtem Blick und freiem Oberkörper wandelt Jörg Sabrowski im sterilen Licht über die Bühne wie ein Untoter durch ein Leichenschauhaus. Sein Spiel bleibt in jedem Augenblick glaubhaft, Lazarus' Leid nicht abstrakt. Sein Bariton ist lyrisch verschattet, bisweilen – wie im Bericht von der Nacht im Garten Gethsemane und der Festnahme Jesu – auch kraftvoll zupackend.

Das von Georg Fritzsch geleitete Philharmonische Orchester des Kieler Theaters versteht sich auf unheilvolle Schwebeklänge und darauf, die mentalen Zustände und Entwicklungen innerhalb des fluktuierenden, facettenreichen Kontinuums, das nicht frei ist von illustrierenden Effekten und bisweilen gar eine ‚psychische Polyphonie’ Strauss‘scher Prägung anklingen lässt, plastisch zu musizieren. Die (auf Spanisch gesungene) Oper entstand in den Jahren 2004–07 im Auftrag des Theater Kiel und liegt nun als Mitschnitt der Premiere 2008 erstmalig vor. Nach ‘Don Quijote’ ist sie Halffters zweite Oper. Die Musik des Katholiken (Jahrgang 1930) verfolgt eine humanistische Intention; in ihr sucht der Komponist den Serialismus nach eigener Aussage zu ‚latinisieren’, ihn zur Expression hin zu öffnen. Die kalte Lichtgebung erinnert an den ätherischen Schlussteil von Kubricks ‚2001’. In diesem zeichenhaften Ideentheater, das bisweilen etwas blutleer wirkt, gehen abstraktes Geschehen und sinnliche Vertonung eine durchaus reizvolle Liaison ein. Regisseur Alexander Schulin findet eindrückliche Bilder, etwa der umkippende und entschwebende Tisch des Abendmahls, die Teller und Keller darauf wie festgefroren, oder das in Bläue getauchte Wüstenquadrat in Bethanien. Bühnenbild und Kostüm sind auf einfachste Elemente und Formen reduziert, eine geradezu archaische Strenge waltet in den Bilder und den Figurenkonstellationen. Es scheint, als sei das abstrahierte Bühnengeschehen bereinigt von allen Schlacken des Profanen. Doch die kluge Stilisierung erstarrt nicht in Klassizität, sondern lässt noch genügend Raum zur schauspielerischen Entfaltung und psychologischen Durchdringung durch die gut geführten Darsteller (hervorzuheben: Claudia Iten und Julia Henning als Larazus' Schwestern Marta und María).

Zunächst sollte die Oper ‘Der Traum des Lazarus’ heißen. Schlafen und Wachen, Leben und Sterben befinden sich beständig in der Schwebe. Das Bühnengeschehen berührt und dringt ein in Sphären des Unbewussten, Ambivalenzen werden nicht aufgelöst: Ist Lazarus am Ende gar Jesus selbst? Ein Traum-Spiel. Doch ausgerechnet die Inszenierung seines Traums vermag nicht vollständig zu überzeugen. Lazarus liegt in seiner Gruft auf bleifarbenem Untergrund. Die Regie setzt Projektionen ein: Lazarus abgefilmt und in Echtzeit auf die Wand projiziert, zudem kommen Foto-Projektionen zum Einsatz. Und doch – der so zentralen Aufspaltung der Figur in mehrere Bewusstseinsdimensionen mangelt es an visueller Kraft. Auch muss zu den Schwachpunkten gezählt werden, dass die Lazarus folgenden Jünger nicht deutlich genug als die Jünger Jesu dargestellt werden, dass Judas' Stimme (Friedemann Kunder) später zwar ertönt, dieser selbst aber nicht gezeigt wird. Zudem zeigt die Filmregie häufig den Orchestergraben, wodurch der Fokus auf das Bühnenschehen verloren geht. Der Gesamtklang ist gut eingefangen, bisweilen gibt es jedoch leichte Schwankungen. Das Booklet mit dem instruktiven Einführungstext des Dramaturgen Joscha Schaback ist indes nicht hoch genug zu loben, die DVD ist gut ausgestattet, der Komponist gibt in einem Interview ausführlich Auskunft über seine Intentionen. Eine alles in allem empfehlenswerte Produktion.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Halffter, Cristóbal: Lázaro

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
01.08.2013
Medium:
EAN:

DVD
4260063508028


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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