> > > Caccini, Giulio: L´Euridice
Dienstag, 20. November 2018

Caccini, Giulio - L´Euridice

Der andere Orpheus


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Giulio Caccinis ?L?Euridice? aus dem Jahre 1600 ist ein wichtiger Markstein auf dem Weg zur modernen Oper. Nicolas Achten und die Scherzi Musicali nahmen das Werk nun auf.

Es ist schon erstaunlich, welch außergewöhnliche Rolle der Orpheus-Mythos bei der Entwicklung der frühen Oper spielte. Das prominenteste Beispiel in dieser Hinsicht ist sicherlich Claudio Monteverdis epochemachendes Werk ‘L’Orfeo’. Bei einem Stoff, in dem der Gesang derart organisch in die Handlung eingebettet ist, bietet sich das Experimentieren mit musikalischer Dramatik natürlich an. Dass Monteverdi in der Gattung Oper aber auf einige Vorläufer zurückgreifen konnte, wird in vielen Programmheften unterschlagen. Um 1600 gab es im Umfeld der Florentiner Camerata gleich zwei bedeutende Vertonungen des Stoffes, die künstlerisch und kommerziell konkurrierten. Zum einen Jacopo Peris Vertonung, zum anderen die Arbeit Giulio Caccinis: ‘L’Euridice’.

Es ist höchst erfreulich, dass das Label Ricercar nun eine Einspielung dieses prächtigen Werks vorlegt. Bisher musste man Aufnahmen dieses Werks wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen. Unter der Leitung von Nicolas Achten spielen die Scherzi Musicali Caccinis Komposition. Nach wenigen Minuten wird deutlich: Es wurde höchste Zeit, diese Musik wieder ins Bewusstsein zu rufen. Natürlich ist die dramatische Anlage nur bedingt mit Monteverdis Vertonung zu vergleichen; manches ist hier wesentlich statischer, von wesentlich geringerer theatralischer Wirkung. Doch dieser Vergleich und auch die beckmesserische Frage, ob man es hier nun wirklich mit einer Oper zu tun hat, spielt für den Genuss der Musik keine Rolle: Diese CD ist für jeden hörenswert, der sich für die Geschichte der frühen Oper interessiert. Abgesehen von dem unstrittigen Repertoirewert: Das Ensemble bietet eine beseelte und routinierte Leistung; der Einblick in das Werk ist detailliert und kenntnisreich gestaltet.

Der Doppelrolle als künstlerischer Leiter und Orpheus-Darsteller wird Nicolas Achten äußerst souverän gerecht. Als Orpheus besticht er durch stimmliche Schönheit, seine sehr gut informierte Leitung überzeugt auf Anhieb. Über seine musikalischen Entscheidungen legt er im Begleitheft ausführlich und überzeugend Rechenschaft ab. Nicht zurückstecken muss Céline Vieslet als Euridice: Mit großer Intensität singt sie ihre sehr gefühlsstarke Partie. Hervorzuheben ist auch der wohlartikulierende Countertenor Magid El-Bushras; seine beiden Rollen als Tragedia und Daphne gewinnen durch seinen klaren und unbeschwerten Gesang an Gewicht.

Gespielt wird mit recht üppiger Basso-continuo-Besetzung, die sich an den  florentinischen Gepflogenheiten um 1600 orientiert: Theorben, eine Liutto attiorbato, eine Tripelharfe, ein Orgelpositiv, eine Gitarre, ein Lirone und eine Bassgambe, sowie zwei Cembali sind zu hören. Auch in technischer Hinsicht überzeugt die Einspielung: Die klangliche Schärfe der Aufnahme und die feine Balance zwischen Sängern und Begleitung sind vorbildlich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Martin Andris,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Caccini, Giulio: L´Euridice

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
1
01.11.2008
EAN:

5400439002692


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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