> > > Lindberg, Magnus: Sculpture, Campana in aria, Concerto for Orchestra
Montag, 18. Oktober 2021

Lindberg, Magnus - Sculpture, Campana in aria, Concerto for Orchestra

Neues aus dem hohen Norden


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der rhythmische Sog der farbtrunkenen Klänge von Magnus Lindberg, das virtuose Wechselspiel der Instrumente, macht Furore. Umgesetzt ist dies hier tadellos.

Musikalische Überheblichkeit verweist nordische Musik leider immer noch in die Randbezirke der Musikgeschichte. Selbst Werke von Jean Sibelius, seine Sinfonien ausgenommen, stehen nicht zuletzt wegen Adornos Ächtungsspruch immer noch in der Ecke der „schäbigen“ Machwerke. Selbst ein so bedeutender Komponist wie Carl Nielsen muss in unseren Konzertsälen um Anerkennung ringen. Nur gut, dass wenigstens die Schallplatte dem großen Unbekannten aus dem Norden sporadisch ihre Reverenz erweist.

Keine Frage: Zeitgenössische Musik aus Finnland hat in unseren Gefilden keinen leichten Stand hat, auch wenn sich die Esa-Pekka Salonen, der langjährige am Ende der Saison ausscheidende Chefdirigent des Los Angeles Symphony Orchestra, mit seinem eigenen kompositorischen Werk und Avantgarde-Faible im Repertoire stets für frischen Wind sorgt. So taucht in seinen Konzerten immer wieder Neues von Magnus Lindberg (Jahrgang 1958) auf – einer der Repräsentanten jener Musikgeneration, der sich von den unterschiedlichsten Tendenzen beeinflussen ließ, etwa von der französischen Musik. So mag sein Orchesterwerk 'Kraft’ (1985) für das Symbol jener Ära stehen, die in Bezug auf Stilistik, Techniken und Formen eine große Vielfalt an Tage legte. Bis an die Grenzen extremer Ballung lotete Lindberg seine Klänge aus – eine höchst lärmige, von urtümlichen Energien getragene Musik, auf der das geistige Erbe von Jean Sibelius in extremer Ausprägung lastet. Kompakte harmonische Konstruktion, pulsierende Rhythmen sowie ein dramatischer Gestus charakterisieren die Musik von Lindberg, der in seinen Instrumentalwerken (für Klarinette und Violine) auch melodische Abschnitte einfließen lässt. Gerade im Klarinettenkonzert (komponiert für Mari Kriikku) zaubert Lindberg auf tonale Weise „nordisch“, lässt Claude Debussys erste Klarinettenrhapsodie grüßen und sorgt mit 'An American in Paris’ für einen charmanten Akzent.

Das Orchesterwerk 'Sculpture’ (2005), entstanden für die Walt Disney Hall, Los Angeles (dort am 6.Oktober 2005 aus der Taufe gehoben), gewidmet dem Architekten Frank Gehry, ist von frappierender instrumentaler Buntheit, einer orchestralen Üppigkeit, die fast einer Liebeserklärung an dieses neu erbaute Konzert-Auditorium gleichkommt. Zu erleben ist eine Musik von großer Spannungsdichte. Da wetteifern Instrumentengruppen mit virtuosen Einwürfen, lassen viel beschäftigte Holzbläser ganz im Sinne von Jean Sibelius rätselhaft geheimnisvoll ihre musikalischen Chiffren aufleuchten. Das Faszinierende an Lindbergs Musik ist ihre Klanglichkeit, die weder ihre französische Herkunft noch den postromantisch nordischen Einschlag leugnet und zum Finale gar mit einem richtigen rhythmischen Sog im Stile Igor Strawinskys zu fesseln vermag.

Das Klangbild ist von großer Luzidität und Transparenz, was auch für das 'Concerto for Orchestra’ (2002/03) gilt – reizvoll im klanglichen Perspektivenwechsel und Sinn für überraschende Effekte. Das Stück enthüllt in der kompositorischen Anlage die Form einer Chaconne. Fünfsätzig gebaut, weckt es Erinnerungen an die Concerti von Béla Bartók und Lutoslawski, scheint jedoch im Aufbau dramatisch dichter gearbeitet zu sein.

Das Eindringen in diese klanglichen Welten macht das Finnische Radio Sinfonie-Orchester unter Sakari Oramo zum spannenden Hörerlebnis. In punkto klanglicher Differenzierung, dynamisch flexibler Abstufung und solistischer Virtuosität erweisen sich Oramo und sein Orchester als kompetente Sachwalter. Die Interpreten verstehen es trefflich, die Strukturen offen zu legen und sie elegant dahin fließen zu lassen. Was da an Einzelheiten zum Vorschein kommt, wird in einen großen sinfonischen Gestus eingebunden. Eine schmissig-energische Einspielung, die mit griffigen Attacken zu fesseln vermag.

Die dritte Komposition dieser gelungenen CD mit zeitgenössischen Werken aus Finnland zeigt das prächtige Hornspiel von Esa Tapani. 'Campana in Aria’ für Horn und Orchester widmete Magnus Lindberg seinem Freund Esa-Pekka Salonen (Dirigent, Komponist, Hornist) aus Anlass seines vierzigsten Geburtstages im Jahr 1998. Esa Tapani repräsentiert einen Bläserstil mit elastisch-kernigem Ton, schönen Atembögen, die wunderschön aufblühen. Wenn sich dazu noch musikalische Intelligenz mit einem untrüglichen Gespür für den Charakter eines Werkes verbinden, dann gebührt der Wiedergabe hohes Lob. Geblasen wird das mit Raffinement, metrischer Sicherheit, makellos im Gewusel der Figuren und fein abschattiert in den Kantilenen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Prof. Egon Bezold,


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    Lindberg, Magnus: Sculpture, Campana in aria, Concerto for Orchestra

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
29.03.2010
Medium:
EAN:

CD
761195112427


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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