> > > Schumann, Robert: Klavierwerke & Kammermusik Vol. VI
Montag, 20. Januar 2020

Schumann, Robert - Klavierwerke & Kammermusik Vol. VI

Großartige Schumann-Deutungen


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die sechste Folge des Schumann-Zyklus aus dem Hause Alpha setzt einen großartigen Weg ins Schumann-Jahr 2010 fort. Eric Le Sage vermag auf ganzer Linie zu überzeugen.

Nun ist das französische Label Alpha nun schon bei der sechsten Folge seines Schumann-Zyklus mit dem großartigen Pianisten Eric Le Sage angekommen. Und mit jeder Platte wächst die Vermutung, dass diese Sammlung den wohl respektabelsten Beitrag auf dem Weg ins Schumann-Jahr 2010 auf dem Tonträgermarkt darstellt. Vor allem liegt dies daran, dass Le Sage sich nicht nur auf die solistischen Klavierwerke konzentriert, sondern ebenso die Klavierkammermusik mit hinein nimmt. Dadurch kamen etwa in der vorletzten Folge manche Trouvaillen in wunderbaren Interpretationen an den Tag, weil Eric Le Sage nicht nur selbst ein hoch qualifizierter Musiker ist, der für Schumann ein besonderes Händchen zu haben scheint, sondern ein Schar von Musikern um sich versammelt, die in den kammermusikalischen Werken mit der gleichen Hingabe an Schumanns Preziosen herangehen.

Scharf geschnittene Kontraste

Auf der vorliegenden Doppel-CD sind nun Werke versammelt, die kontrastreicher kaum ausfallen könnten (vielleicht ein Hinweis auf das Schumann-Bild Eric Le Sages). So folgen auf der ersten Scheibe der gefühlstrunkenen ‘Kreisleriana’ op. 16 die kontrapunktisch klar konturierten ‘Vier Fugen’ op. 72: Auf der einen Seite Schumann der fieberhaft von einer Stimmung in die nächste Wankende, auf der anderen jener, der mit der Bachschem Kontrapunkt und Fugenhuberei Klarheit in seinen Kopf zu bringen versucht. – So könnte man die Werkauswahl deuten.

Leidenschaftliche Einfühlung

Eric Le Sage aber geht weit differenzierter vor, als diese holzschnittartige Werkcharakterisierung vorgibt. Freilich findet sich in Eric Le Sages Interpretation der ‘Kreisleriana’ op. 16 das Nervöse, Suchende, Unruhige, doch hält der Pianist einen eindimensional aufs Fieberhafte gerichtete interpretatorischen Zugriff zurück. In dem dynamisch wie artikulatorisch ungemein feinsinnigen Spiel des Schweizers wird zu keinem Zeitpunkt die Gefühlsebene über jene der Verdeutlichung kompositorischer Komplexität gestellt. Die intrikate Polyphonie Schumanns, die sich hier auf ganz andere Art zeigt wie in den anschließenden ‘Vier Fugen’ wird mit Fingerspitzengefühl, aber prägnant modelliert, die Schichten des dichten Klaviersatzes entfalten sich vor dem Hörer mit hoher Klarheit. Und doch schafft es Le Sage, die ‘Kreisleriana’ nicht sachlich-nüchtern klingen zu lassen. Dies geschieht vor allem durch eine fein austarierte Agogik, wodurch die kleingliedrigen Energiewellen der Musik sowohl bewegt wie auch bewegend nachgezeichnet werden. Eric Le Sage erweist sich damit wieder einmal als erstaunlich subtil agierender Musiker, der sich in Schumanns kompositorische Welten mit Leidenschaft einzufühlen vermag.

Deutung statt Ausführung

Mit gleicher Verliebtheit ins Detail widmet sich Eric Le Sage auch den ‘Fantasiestücken’ op. 12. Auch hier bilden Deutlichkeit und interpretatorische Ausgestaltung, musikalische Verlebendigung eine optimale Balance. Bei Eric Le Sage darf man wirklich von einer Schumann-Deutung sprechen, denn im Gegensatz zu den strukturverliebten, emotional zurückhaltenden Notentextfetischisten unserer Tage weiß der Pianist eigene Akzente zu setzen, traut sich, dem Hörer Schumann durch seine, Eric Le Sages Brille zu zeigen.

In den ‘Waldszenen’ op. 82 finden sich einige der nuancenreichsten Lesarten der Doppel-CD. Vor allem die Fähigkeit zu delikaten klanglichen Schattierungen lassen etwa die ‘Verrufene Stelle’ oder auch den ‘Vogel als Prophet’ zu exquisiten Klangzeichnungen werden. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil hat daran freilich die exzellente Tontechnik, die den reichhaltigen Klang des Flügels optimal einzufangen vermag.

Wunderbares Zusammenspiel

Auch diese Folge wartet wieder mit einigen Kammermusikwerken auf. Den Anfang der zweiten Platte macht op. 46 ‘Andante et Variations’ für zwei Klaviere, zwei Celli und Horn. Das von Schumann als ‘Quintettvariationen’ bezeichnete Werk erklingt hier in einer maßstabsetzenden Interpretation. Die verschiedenen Charaktere der Variationen treten plastisch hervor. Doch mehr noch als die inhaltliche Differenzierung überzeugt das Zusammenspiel Eric Le Sages mit seinem Klavierpartner Frank Braley, den Cellisten François Salque und Victor Julien-Laferrière und dem Hornisten Bruno Schneider. Vor allem das Spiel mit Balanceverhältnissen innerhalb des apart besetzten Quintetts gewinnt eine unglaubliche Suggestivkraft.

Nicht weniger überzeugend gelingen Eric Le Sages mit seinem Partner Frank Braley die ‘Studien für Pedalflügel’ op. 56 (hier in einem Arrangement für zwei Klaviere von dem jungen Claude Debussy) und die ‘Bilder aus Osten’ op. 66.

Das Booklet wartet mit einem einführenden Text aus der Feder von Brigitte François-Sappey auf. Wie auch bei den anderen Folgen des Zyklus gibt es leider keine Angaben zu den musikalischen Partnern von Eric Le Sage.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Klavierwerke & Kammermusik Vol. VI

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
2
01.01.2009
Medium:
EAN:

CD
3760014191350


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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