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Dienstag, 2. März 2021

Mayr, Johann Simon - Fedra

Starthilfe in Sachen Mayr


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Rahmen des aktuellen Johann Simon Mayr-Booms auf deutschsprachigen Bühnen kommt bei Oehms auch 'Fedra' erstmals auf CD heraus: als 'world premiere recording'.

Der aus Ingolstadt stammende Komponist Johann Simon Mayr – in den 1790er Jahren nach Italien ausgewandert, dort bis zu seinem Tod 1845 tätig als Opernkomponist, Kirchenmusiker und Pädagoge, zu dessen Schülern u.a. Gaetano Donizetti zählte – war lange nur Belcanto-Spezialisten im Donizetti-Kontext ein Begriff und galt weitgehend als vergessen. Nun erlebt er ein erstaunliches Revival im deutschsprachigen Bereich. Nachdem soeben das Theater St. Gallen Mayrs eindrucksvollstes und berühmtestes Werk 'Medea in Corinto’ (1813)in einer imposanten Inszenierung auf die Bühne zurückgeholt hat, wird das Stück zu den Opernfestspielen in München mit fast genauso prominenter Besetzung nochmals zur Diskussion gestellt. Derweil Regensburg ebenfalls für 2010 Mayrs 'Il ritorno d'Ulisse’ angekündigt und das Theater Braunschweig nun seine Ausgrabung der 'Fedra’ als Livemitschnitt von 2008 auf CD herausgebracht hat – als ‚world premiere recording’, wie es auf dem Cover heißt. Eine Kooperation von NDR Kultur mit dem Theater Braunschweig, dem Label Oehms Classics und dem in Ingolstadt ansässigen Autohersteller Audi, der seit Jahren tatkräftig die Arbeit der Johann-Simon-Mayr-Gesellschaft unterstützt.

'Fedra’ ist ein spätes Bühnenwerk des Komponisten und rundet seine Trilogie der großen heroischen ‚Frauenopern’ ab, zu denen neben 'Medea’ vor allem das dramma serio eroico per musica 'Ginevra di Scozia’ (1801) zählt. Während es von der 'Medea’ mehrere und sogar einige gute Aufnahmen gibt und von 'Ginevra’ wenigstens einige Einspielungen, sah die Lage im Fall der auf Racines Tragödie 'Phèdre’ basierenden Oper, die 1820 an der Scala uraufgeführt wurde, schlecht aus. Die Aufnahme aus Braunschweig füllt also eine Marktlücke und erlaubt es, hörend mehr von diesem spannenden Komponisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts in Italien kennen zu lernen. Ein Komponist des Übergangs, einerseits stark in den Traditionen der Wiener Klassik verwurzelt, andererseits vorausweisend zu Rossini und Donizetti (natürlich), aber auch zu Verdi – in dessen Nachlass sich eine Abschrift der 'Fedra’ Partitur fand, die vom Verlagshaus Ricordi dem Theater Braunschweig zur Verfügung gestellt wurde.

Zu den Positiva der vorliegenden Aufnahme gehört das sehr lebendige Dirigat von Gerd Schaller, der zwar wenig italienisches Brio und wenig Feuer hören lässt, aber doch zupackend die gekürzte Ausgabe der Partitur zu Gehör bringt. Auch ist speziell das Holzbläserspiel des Staatsorchesters Braunschweig eindrucksvoll und überaus präsent im Gesamtklangbild. Positiv ist auch die Besetzung der ‚Nebenrollen’. Rebecca Nelsen als Objekt der Begierde, Ippolito, singt mit leuchtendem Mezzo den Sohn des Theseus, sehr frisch und vor allem frei in der Höhe, auch sehr draufgängerisch und engagiert. Tomasz Zagorski als König Tesèo hat den nötigen italienischen ‚Peng’ in der Stimme, ein einschmeichelndes Timbre und die unwiderstehliche Gabe, in seinen (wenigen) Kantilenen zu schmachten. Aber er bewältigt, wie Rebecca Nelsen, die vertrackten Koloraturläufe brillant und ausdrucksstark. Beiden wäre lediglich eine etwas bessere italienische Aussprache in Einzelmomenten zu wünschen, aber das sind Details, die das Gesamterlebnis nicht stören. Denn im Vergleich etwa mit Studioaufnahmen von Opera Rara mit ähnlichem Repertoire, gefällt mir persönlich der lebendige Vortrag auf dieser CD insgesamt besser. Auch wenn der Braunschweiger Chor – anders als die Orchesterkollegen – auffallend unmotiviert wirkt.

Das wirkliche Problem der Einspielung ist für mich jedoch die Titelrollendarstellerin. Wie bei 'Medea’ und 'Ginevra’ verlangt auch 'Fedra’ nach einer überlebensgroßen Heroine, die das Geschehen dominiert, die Tragödie glaubhaft macht und über genug Klangfarben und Virtuosität verfügt, um den Hörer über zwei Akte zu fesseln. Eine Norma-Stimme mit Agilität und Tiefe-des-Ausdrucks sozusagen. Unglücklicherweise hat Capucine Chiaudani – zumindest als rein akustisches Erlebnis – dieses Format nicht, so dass der Einspielung das Zentrum fehlt, das pochende Herz. Mehr noch, ich fand Fedras zentrale Szenen, u.a. den berühmten Selbstmord am Schluss, aber auch die Konfrontation mit dem begehrten Stiefsohn, fast schmerzlich anzuhören. Weil die Stimme Chiaudanis auf CD keine Wärme entfaltet, mich zumindest nicht berührt und es mir entsprechend schwer fiel, die Schönheiten der Musik wenigstens zu erahnen. Außerdem ist die Sprachbehandlung Chiaudanis als eher ‚oberflächlich’ zu bezeichnen. Mag sein, dass Chiaudani auf der Bühne eine wirkungsvolle Fedra war, auf CD ist sie es leider nicht. So dass diese Aufnahme nur eingeschränkt zu empfehlen ist. Immerhin: Das Stück selbst und Johann Simon Mayr lohnen unbedingt die Bekanntschaft.

Sollte tatsächlich eine Mayr-Renaissance oder gar ein Mayr-Boom eingesetzt haben, dann folgt vielleicht bald eine ergänzende Einspielung der ‚Fedra’, wo das Titelrollenproblem besser gelöst ist. Und hoffentlich findet sich in der nächsten Ausgabe auch eine deutsche und/oder englische Übersetzung des italienischen Librettos von Luigi Romanelli. Gerade bei einem völlig unbekannten Werk wäre das hilfreich. (Wenigstens als Download!) Immerhin, der sehr gute und unterhaltende Essay von Geerd Heinsen im Booklet erklärt vieles und gibt die nötige Starthilfe.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mayr, Johann Simon: Fedra

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
2
16.01.2009
Medium:
EAN:

CD
4260034869202


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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