> > > Granados, Enrique: Spanische Klaviermusik
Sonntag, 20. Oktober 2019

Granados, Enrique - Spanische Klaviermusik

Dramatik, Leidenschaft und Lebensfreude


Label/Verlag: Bella Musica
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Klavierwerke

Vor über zwanzig Jahren sagte ein schon ergrauter Professor in einem Seminar über spanische Klaviermusik in San Sebastian, man könne diese nur verstehen, wenn man ihr mit offenem Herzen lauscht, ohne an Theorien und Wertungen konservativer Kollegen zu denken. Spielen könne man sie nur, wenn man bereit sei, seine eigenen Gefühle am Klavier zuzulassen. Die Noten würden dem Spieler dabei helfen, ihm den Weg weisen. Man müsse sie strickt befolgen, aber ihren Inhalt auch erleben.

Als ich die CD von Emma Schmidt zum ersten Mal hörte, musste ich daran zurückdenken. Im alten Konservatorium im Norden Spaniens hatte ich Worte gehört, die vielleicht bei der Vorbereitung Emma Schmidt nicht unbekannt gewesen sind. Sie, eine gefeierte Pianistin, die mit den großen Orchestern von Wien, Salzburg, Moskau und Lissabon zusammengespielt hat, deren Tourneen mit Solo-Recitals und Kammermusikaufführungen sie über sämtliche großen Musikmetropolen Europas bis nach Hongkong und Korea geführt haben, hat nicht ihre neueste CD den vermeintlich großen Werken gewidmet, sondern sich mit einer Musikwelt beschäftigt, deren Wert sich nur dem eröffnet, der sein Herz mit einbringt. Dies macht verletztlich und darum gehen viele dieses Wagnis nicht ein.

Für ihre Einspielung mit spanischer Klaviermusik hat Emma Schmidt als Eingangswerk die Danzas espanolas von Enrique Granados gewählt, nicht den hochvirtuosen Zyklus Goyescas oder den sentimentalen Zyklus Escenas poéticas. Der Erste wäre neben der exzellenten Interpretation durch Aldo Ciccolini nicht zwingend erforderlich, der Zweite vielleicht zu seicht. Die fünf einzelnen Werke der Danzas espanolas gelingen der Pianistin wie aus einem Guss. Die jeweils unterschiedlichen Charakteren zeichnet sie klar auf, wobei sie eine Verbindung durch rhythmische Elemente entdeckt, die im Notentext bei genauer Betrachtung nachvollziehbar sind. Emma Schmidt zeigt eine sehr differenzierte Anschlagskultur, wobei sie in den langsamen Passagen die Melodien sehr gesanglich ausspielt. Die typisch spanischen Elemente arbeitet sie bewusst heraus, wobei ihre Spielweise nie die harmonische Farbigkeit vernach-lässigt. Die Lebendigkeit ihrer Interpretation spiegelt die Intensität wieder, mit welcher der damals 26-jährige Komponist seine Gefühle in Musik umgesetzt hat.

Aus den fünf Teilen der Canciónas y Danzas von Frederico Mompou hat sie aus den ersten Beiden jeweils zwei Werke ausgewählt. Mompou kam als 18-jähriger Student nach Paris. Nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges lebte er zwei Jahrzehnte in Barcelona, kehrt für den gleichen Zeitraum nach Paris zurück, bevor er wieder in seine Geburtsstadt zurückkehrte. Dieser sehr introvertierte Musiker hat ein sehr zurückgezogenes Leben geführt, seine Musik hauptsächlich im Freundeskreis vorgetragen. Beeinflusst von Debussy und Satie hat er eine eigene Musiksprache entwickelt, deren Wiedergabe große Sensibilität erfordert. Emma Schmidt hat bei ihrer Auswahl wohl besonders den folkloristischen Aspekt bevorzugt, der allen vier von ihr gewählten Werken eigen ist. Die Bandbreite reicht hier von Leichtigkeit bis Melancholie, wobei Emma Schmidt ein gutes Gespühr für Tempoverzögerungen und dynamische Klanggestaltung zeigt. Diese Miniaturen werden in ihrer Interpretation zu kleinen Kunstwerken, ohne überfrachtet zu werden. Besonders im ersten Stück braucht sie den Vergleich mit z.B. der Interpretation von Arturo Benedetti Michelangelo nicht zu scheuen, ihr Spiel erscheint sogar lebendiger und direkter.

Der dritte Teil dieser CD ist der Suite Espanola von Isaac Albéniz gewidmet. Albéniz galt zu Recht als Wunderkind, schon mit sechs Jahren wurde er Schüler von Marmontel in Paris. Von Franz Liszt wurde er sehr geschätzt, in späteren Jahren sprachen Komponisten wie Claude Debussy und Fauré seinen Werken große Bedeutung zu. Mit der Auswahl der Suite Espanola zeigt Emma Schmidt, dass sie mit dieser speziellen Musikwelt sehr vertraut ist. In der Eingangsserenade fühlt man sich in die Gärten Granadas versetzt. Mit unglaublicher Ruhe spielt sie dieses Werk, ohne die innere Spannung zu verlieren. Ihre Klangdifferenzierungen entsprechen wunderbar den kompositorischen Vorgaben. In Sevilla ist es besonders der akzentuierte Rhythmus, den sie als prägendes Element herausarbeitet, wobei sie genau an den passenden Stellen Verzögerungen einbaut. Asturias ist wohl das bekannteste Werk dieser Suite, vielen allerdings nur in Transkriptionen geläufig. Die Virtuosität wird von Emma Schmidt gekonnt wiedergegeben ohne zum Selbstzweck zu werden. Im langsamere Mittelteil arbeitet sie die Nebenstimmen sehr schön heraus. Durch große Intensität schafft sie in ihrer Wiedergabe eine innere Verbindung der einzelnen Teile.
Quasi wie eine Zugabe erscheint das letzte Werk auf dieser CD, das beim Tode des Komponisten erst als Fragment vorlag und später von Déodat de Séverac vollendet wurde - Navarra. Hat Arthur Rubinstein keines seiner Konzerte in Spanien ohne dieses Werk beendet, so beschließt auch Emma Schmidt ihre CD mit diesem Stück. Hier kann sie ihre ganze Virtuosität ausspielen. Mitreißend die innere Spannung und Intensität ihrer Interpretation.
Eckhardt van den Hoogen hat für das Booklet einen sehr sensiblen, einfühlsamen Text verfasst, dessen Informationsgehalt sehr hoch ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Axel Engels,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Granados, Enrique: Spanische Klaviermusik

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Bella Musica
1
68:28
2000
2001
Medium:
BestellNr.:
CD
BM 31.2342

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Albéniz, Isaac
Granados, Enrique
Mompou, Federico


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Interpret(en):Schmidt, Emma (Piano)


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Bella Musica

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