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Sonntag, 25. September 2022

Léhar, Franz - Die blaue Mazur

Man darf nur eine lieben


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wenn man die Dialogpassagen überspringt, fängt man schnell Feuer für diese Lehár-Rarität, die auf eine genregerechte Wiederbelebung wartet.

Der unbekannte, wenig gespielte Lehár schafft es – wenn schon nicht auf die deutschsprachigen Bühnen – zumindest auf Tonträger. Das ist vorneweg schon einmal positiv zu vermerken, und das stets um Raritäten bemühte Label cpo hat daran einen erheblichen Anteil. Mittlerweile kann man solche Außenseiter wie Lehárs 'Sterngucker', den einst populären 'Rastelbinder' und die 'Wiener Frauen' zumindest akustisch kennenlernen. Und nicht selten befällt den Hörer operettige Wehmut bei dem Gedanken, diese Werke nicht aufgeführt zu wissen. So verhält es sich auch mit der 'Blauen Mazur', jener letzten Tanzoperette des Komponisten, die 1920 in Wien uraufgeführt wurde.

Das Stück ist reizvoll, die neuartige Dramaturgie gewagt, und Lehárs Musik ein prächtiger Farbenrausch. Neben schmissigen Buffonummern stehen drei ausladende Finalkomplexe, die dem Tanz als dramaturgischem Element verpflichtet sind. Über die Handlung mag man denken, was man will, schlechter als andere Operettengeschichten ist sie nicht: Am Hochzeitsabend verlässt die gekränkte Braut ihren Zukünftigen und sucht Zuflucht beim Ex-Geliebten ihrer verstorbenen Mutter. Der Ehemann braucht über einen Akt lang, um seine Frau zu finden, sie aus ihren ehelichen Gelübden freizugeben, und sie dann im Rausch der 'Blauen Mazur' – der letzten Mazurka einer Ballnacht, die ein Pole nur mit seiner Auserwählten tanzt – wieder für sich zu gewinnen.

Die Ersteinspielung der 'Blauen Mazur' vom Mai 2007 ist musikalisch recht überzeugend geraten, kränkelt aber an jener Zutat herum, die eben auch zum Genre Operette gehört: dem Dialog. Man hat sich entschieden, eine ‚wirkliche’ Gesamtaufnahme einzuspielen und nicht nur eine musikalische. Das ist löblich und erhöht den Spaß beim Hören eigentlich ungemein, denn man weiß endlich, was zwischen den Nummern passiert und wird im Idealfall noch mit den Gags der gesprochenen Szenen versorgt. In der vorliegenden Aufnahme würde man gerne auf die Dialoge verzichten, um das Stück nicht in Ungnade fallen zu lassen. Ohne einzelne Darsteller bloßstellen zu wollen: Den Dialogen fehlt es so ziemlich an allem, was gute Unterhaltung garantieren würde. Die Sänger sind angehalten, einen missglückten Wiener Akzent einfließen zu lassen, der qualitativ so unterschiedlich ausfällt, dass man sich wünscht, sie hätten einfach nur Hochdeutsch gesprochen. Das Sprechtempo ist so bedächtig und schleichend, als würde das Ablesen schwerfallen und die Gags sind so plump gesetzt, dass sich absoluter Widerwillen einstellt, irgendetwas lustig zu finden. Quietscher, hohle Lacher und militant betonte Pointen machen per se noch keine Operette aus. Zudem ist der Raumklang relativ hohl und in jeder Situation derselbe, atmosphärische Hintergrundgeräusche oder sonstige akustisch-lokale Verortungen erlauscht man vergebens.

Ein Glück, dass die Melodrampassagen nur bedingt unter der schlechten Dialogregie leiden und der musikalische Anteil der Aufnahme weitaus größer ist als der gesprochene. Denn musikalisch macht diese Aufnahme durchaus glücklich. Die Solisten glänzen allesamt mit einer vorbildlichen Diktion und lassen ihre Freude am Genre deutlich hören. Das Buffopaar ist hier besonders dominant. Julia Bauer und Jan Kobow als Gretl und Adolar sind regelrechte Energiebündel. Während Jan Kobow mit seinem leichten lyrischen Tenor und der effektvollen Mischung aus natürlicher Leichtigkeit und kraftvollen Tönen dem ersten Tenor ernstzunehmende Konkurrenz macht, glänzt Julia Bauer mit einer schonungslosen, lustvollen Interpretation. Das ‚erste’ Paar ist mit Johanna Stojkovich als Blanka und Johan Weigel als Juljan ebenso engagiert besetzt. Bei Stojkovich gefällt vor allem der herbe Glanz ihres Soprans, der sowohl über strahlende Höhen verfügt als auch über eine farbenreiche Mittellage, was die Sängerin für Operette zu prädestinieren scheint. Johan Weigel hat seine stärksten Momente in den Finalszenen, wenn das polnische Klagelied den Hörer zu Tränen rührt. Erwähnt sei noch Hans Christoph Begemann als fast schon verschwenderisch stimmschöner Freiherr von Reiger.

Frank Beermann wird am Pult des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt Lehárs Partitur vollauf gerecht und findet für den großen lyrischen Schmelz ebenso den richtigen Ton wie für die zackigen Marscheinlagen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Léhar, Franz: Die blaue Mazur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.12.2008
Medium:
EAN:

CD
761203733125


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Lehár, Franz
 - Die Blaue Mazur. Akt 1 - 1. Bild ´Das Medaillon´ - Introduktion. Brautzug - ´Laßt uns Blumen streun - Dem Glück entgegen´
 - Die Blaue Mazur. Akt 1 - 1. Bild ´Das Medaillon´ - Dialog - ´Mein Hochzeitstag, wir glücklich bin ich´
 - Die Blaue Mazur. Akt 1 - 1. Bild ´Das Medaillon´ - Duett - ´Dieses kleine Medaillon - Komm, ich sag dir was ins Ohr´
 - Die Blaue Mazur. Akt 1 - 1. Bild ´Das Medaillon´ - Dialog - ´Lassen S´mich, Adolar, ich muß Julian sehn!´
 - Die Blaue Mazur. Akt 1 - 1. Bild ´Das Medaillon´ - Marschduett - ´Seit Bestand der Weltgeschichte - Ich bin zum letztenmal verliebt´
 - Die Blaue Mazur. Akt 1 - 1. Bild ´Das Medaillon´ - Dialog - ´Ui, das ist nochmal gutgegangen´
 - Die Blaue Mazur. Akt 1 - 1. Bild ´Das Medaillon´ - Lied - ´Ja, ja, warum soll ich denn schlafen gehen?´
 - Die Blaue Mazur. Akt 1 - 1. Bild ´Das Medaillon´ - Dialog - ´Hahaha! Ein komischer Kerl, was?´
 - Die Blaue Mazur. Akt 1 - 1. Bild ´Das Medaillon´ - Walzerlied - ´Ich darf nur eine lieben´
 - Die Blaue Mazur. Akt 1 - 1. Bild ´Das Medaillon´ - Dialog - ´Was gibt´s denn Neues im Klub und so?´
 - Die Blaue Mazur. Akt 1 - 1. Bild ´Das Medaillon´ - Finale I - ´Du mein kleines Medaillon - Was sich ein Mädchen erträumet - Oj, tak teskno mi za toba, duszko me´
 - Die blaue Mazur - Entr´akt
 - Die blaue Mazur. Akt 1 - 2. Bild ´Die alten Knaben´ - Dialog - ´Fünf Minuten nach halb Zehn´
 - Die blaue Mazur. Akt 1 - 2. Bild ´Die alten Knaben´ - Gavotte-Terzett - ´Verrauscht sind längst der Jugend Zeiten´
 - Die blaue Mazur. Akt 1 - 2. Bild ´Die alten Knaben´ - Dialog - ´Entschuldigen sie, mein Herr, aber ich muß sie unbedingt sprechen´
 - Die blaue Mazur. Akt 1 - 2. Bild ´Die alten Knaben´ - Madrigal-Quintett - ´Ein Weib ist im Haus´
 - Die blaue Mazur. Akt 1 - 2. Bild ´Die alten Knaben´ - Dialog - ´Drei Väter´
 - Die blaue Mazur. Akt 1 - 2. Bild ´Die alten Knaben´ - Finale II - ´Lockend erwartet mich das Leben - Oj, tak teskno mi za toba, duszko me´
 - Die blaue Mazur. Akt 2 - 3. Bild ´Die blaue Mazur´ - Walzer-Szene
 - Die blaue Mazur. Akt 2 - 3. Bild ´Die blaue Mazur´ - Dialog - ´Oh, Blanka! Wer hätt´ das gedacht!´
 - Die blaue Mazur. Akt 2 - 3. Bild ´Die blaue Mazur´ - Duett - ´So bin ich also frei - wir wollen es den Menschen verschweigen´
 - Die blaue Mazur. Akt 2 - 3. Bild ´Die blaue Mazur´ - Dialog - ´Mit wem hab ich das Vergnügen´
 - Die blaue Mazur. Akt 2 - 3. Bild ´Die blaue Mazur´ - Tanzlied - ´Wenn ich die Bühne betrete - Klinge, du süße Musik´
 - Die blaue Mazur. Akt 2 - 3. Bild ´Die blaue Mazur´ - Dialog - ´Wie ich höre, weigern sie sich standhaft, die Mazur zu tanzen´
 - Die blaue Mazur. Akt 2 - 3. Bild ´Die blaue Mazur´ - Mazurka - ´Tanzt der Pole die Mazur´
 - Die blaue Mazur. Akt 2 - 3. Bild ´Die blaue Mazur´ - Dialog - ´Hör´ mich an, Adolar ´
 - Die blaue Mazur. Akt 2 - 3. Bild ´Die blaue Mazur´ - Duett - ´Lumperl, Lumperl, einmal muß es sein - Mäderl, mein süßes Grederl´
 - Die blaue Mazur. Akt 2 - 3. Bild ´Die blaue Mazur´ - Dialog - ´Herr Baron, ich habe den Entschluß gefaßt´
 - Die blaue Mazur. Akt 2 - 3. Bild ´Die blaue Mazur´ - Finale III - ´Meine Landsleute und Freunde sind glücklich in diesem Haus - Der junge Graf war in leichtlebiger Gesell - Wer die Liebe kennt


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Dirigent(en):Beermann, Frank
Orchester/Ensemble:Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt
Interpret(en):Bauer, Julia
Tiersch, Rudolf
Hoffmann, Michael
David, Andreas
Begemann, Hans Christoph
Kobow, Jan
Stojkovic, Johanna


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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