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Samstag, 28. Mai 2022

Janáček, Leoš - Orchesterwerke

Eigenwillig und genial


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leoš Janáčeks Opern sind heute von den Spielplänen nicht mehr wegzudenken, doch auch seine Orchesterwerke verdienen es, gehört zu werden, wie diese CD zeigt.

Der Ruhm kam spät, aber er kam: Leoš Janáček war beinahe 50 Jahre alt, als ihm mit der Uraufführung seiner Oper 'Jenufa' im Januar 1904 der Durchbruch als Komponist gelang. Mit leichter Verzögerung gelangte das Werk auch auf die ausländischen Bühnen und machte seinen Schöpfer international bekannt. Seitdem ist Janáček als Opernkomponist eine feste Größe, seine anderen Schaffensbereiche sind hingegen weniger populär. Die Sinfonietta ist sicherlich sein meistgespieltes Orchesterwerk, die drei auf dieser CD versammelten Stücke wird man aber eher selten im Konzertsaal antreffen: 'Taras Bulba', eine Rhapsodie für großes Orchester, die Suite aus der Oper 'Das schlaue Füchslein' und die 'Lachischen Tänze'. Jakub Hrůša leitet das philharmonische Orchester der Stadt Brno (Brünn) – des Ortes, an dem mit der 'Jenufa'-Premiere vor 105 Jahren Janáčeks Aufstieg begann.

Die sechs 'Lachischen Tänze' stammen ursprünglich aus den 1890er Jahren und zeigen den Komponisten von seiner heiter-verspielten Seite. Eine gewisse Nähe zu Dvoraks slawischen Tänzen ist gegeben, wobei Janáčeks Stücke etwas blasser wirken. Es fehlt nicht an rhythmischem Schwung und raffinierten Effekten, aber dazwischen gibt es immer wieder uninspirierte Passagen. Das von Hrůša zu hoher Präzision angeleitete Orchester gewinnt den Tänzen viele Farben ab, einzelne Stücke (etwa die Nr. 2) bleiben aber schwach. Ein 'Lachischer Tanz' als Zugabe dürfte seine Wirkung gewiss nicht verfehlen – alle sechs hintereinander gehört lassen doch ein wenig Abwechslung vermissen.

Die von Frantisek Jilek zusammengestellte Suite aus dem 'Schlauen Füchslein' schneidet wesentlich besser ab: Die individuelle Orchestersprache des Komponisten ist hier voll ausgereift, die Musiker aus Brno sind mit Janáčeks Idiom offenbar bestens vertraut. Die Kanten des Werkes werden vom Dirigenten nicht abgeschliffen, die Piccoloflöte darf schrill, das Blech laut sein. Was dem Tondichter einst als ungeschicktes Handwerk ausgelegt wurde, steht heute als eigenwillige und geniale Behandlung des Orchesters fast ohne Vergleich da. Diese Interpretation der Suite ist hierfür ein glänzendes Beispiel. Die sehr gute Klangbalance der Aufnahme ist dabei das Tüpfelchen auf dem i.

In 'Taras Bulba' fordert Janáček ein umfangreiches Orchester mit Orgel, Harfe und von drei Spielern zu bedienendem Schlagwerk. Die Gefahr übermäßiger klanglicher Massierung besteht aber allenfalls ganz am Ende des dritten Satzes, ansonsten werden die Kräfte vom Komponisten sorgfältig kalkuliert eingesetzt. Die Grundstimmung des Werkes ist düster, es gibt schroffe Kontraste zwischen den lyrischen Soli der Holzbläser und Ausbrüchen des Schlagwerkes. Hrůša gelingt es, diese Gegensätze geschickt zu verbinden, im ersten Satz darf sich zudem eine Solovioline entfalten. Aus dem insgesamt hervorragend disponierten Orchester ragen die Streicher hervor. Zusammen mit der Suite aus dem 'Schlauen Füchslein' bildet diese präzise und intensive Interpretation der Rhapsodie einen gelungenen Einblick in Janáčeks leider relativ schmales instrumentales Oeuvre. Die 'Lachischen Tänze' dagegen fallen im Niveau etwas ab. Insgesamt legen die Musiker aus der Heimat des Komponisten ein überzeugendes Plädoyer für diese selten gespielten Werke vor, Hrůša kann sich mit dieser Veröffentlichung als stilsicherer Dirigent profilieren. Auch seine Äußerungen im Booklet belegen, dass Janáčeks Werke für ihn eine Herzensangelegenheit darstellen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Janáček, Leoš: Orchesterwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Supraphon
1
21.11.2007
063:11
Medium:
EAN:

CD
099925392321


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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