> > > Hosokawa, Toshio: Koto-uta - Voyage I - Konzert für Saxophon und Orchester - Ferne-Landschaft II
Mittwoch, 20. Februar 2019

Hosokawa, Toshio - Koto-uta - Voyage I - Konzert für Saxophon und Orchester - Ferne-Landschaft II

Wege der Stille


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wie kaum ein anderes Land steht Japan für das Phänomen, in unglaublich kurzer Zeit äußere Einflüsse wirtschaftlicher als auch kultureller Art in den Alltag integrieren zu können, ohne dabei die eigenen Traditionen aufzugeben. Vor allem die Musikbegeisterung für westliche Klänge, sei es nun klassische Kunstmusik oder Pop und Rock, ist enorm und macht Japan zu einem der umsatzstärksten Musikmärkte weltweit.
Dennoch verlangt diese Tendenz ihren Tribut. Obwohl Japan tief verwurzelt in seinen Traditionen ist, schwindet doch allmählich das Interesse für die eigene Musikkultur.

Auch der japanische Komponist Toshio Hosokawa, Jahrgang 1955, hegte seit seiner Kindheit eher eine Vorliebe für die Werke Beethovens, Mozarts, J.S. Bachs und Schuberts als für die japanische Musiktradition. Einen Einschnitt in seine musikalischen Interessen ergab sich unmittelbar nach Aufnahme seines Musik-Studiums in Tokio. Er entdeckte die Neue Musik, wurde aber auch, vor allem durch die Orchesterstücke des koreanischen Komponisten Isang Yun, an die ostasiatische Musik herangeführt, die er bislang lediglich im Koto-Spiel (japanische Wölbbrettzither) seiner Mutter bewusst, aber nicht sehr nachhaltig, erfahren hatte.
Nach weiteren Studien-Abschnitten an der Hochschule der Künste Berlin und an der Freiburger Musikhochschule begann er 1985 während eines halbjährigen Studienurlaubes in Tokio, den er auf Anraten seines Freiburger Lehrers Klaus Huber genommen hatte, sich konzentriert mit der japanischen Musik auseinander zu setzen, was neben dem Erwerb der musiktheoretischen Grundlagen auch das Erlernen der typischen japanischen Instrumente wie etwa der Mundorgel Sho mit einschloss.
Der starke japanische Bezug, der sich nun in seinen Werken bahn brach, verhalf ihm zudem, einen eigenen musikalischen Stil zu entwickeln. Auf der vorliegenden CD werden vier Kompositionen in unterschiedlich starker Besetzung vorgestellt, die einen Eindruck vermitteln, wie Hosokawa die traditionelle Musik seiner japanischen Heimat in eine neue musikalische Ausdrucksform transponiert.

Koto-uta für Gesang und Koto ist unter den hier vertretenen Werken hinsichtlich ihrer japanischen Prägung die auffälligste, da merklich traditionell gefärbte Komposition. Das erste Stück der CD, vorgetragen von der Koto-Virtuosin Kyoko Kawamura, fungiert gleichsam als eine Art Anschauungsmodell der Kompositionsweise Hosokawas, wird hier doch im intimen Wechselspiel von Stimme und Instrument der besondere Umgang mit Klang und Stille in der japanischen Musik deutlich, der für den Komponisten in seinem musikalischen Schaffen ein wichtiges Gestaltungsmittel darstellt und beim westlichen Zuhörer oft für Verwirrung sorgt. Ein wesentliches Merkmal stellt dabei die eigentümliche Zeitdehnung im Vortrag dar, wobei selbst das Ausschwingen eines Tones und die sich anschließende Stille in die musikalische Gestaltung miteinbezogen wird. Die Singstimme, welche ein altes japanisches Liebeslied vorträgt, orientiert sich dabei am Haupt-, Zentral- bzw. Grundton der Koto, wobei der Text selbst aufgrund der Silbendehnung langgezogen erklingt. Jede einzelne Silbe wird somit zum individuellen Ereignis.

Auch die Komposition ?Voyage I? für Violine und Ensemble orientiert sich an diesem Kompositionsprinzip. Angelehnt an eine bestimmte Atemübung der Zen-Meditation scheint das auf Neue Musik konzentrierte deutsche Ensemble musikFabrik und die beiden Solisten Asako Urushihara und Peter Rundel zu einem einzigen großen Atmungsorgan verschmolzen zu sein, der dem Erleben dieser meditativen Erfahrung musikalisch nachzuspüren versucht. Während bei diesem Werk die innere Seelenlandschaft hörbar gemacht wird, haben das ?Konzert für Saxophon und Orchester? (1998/99) und ?Ferne Landschaft II? für Orchester (1996) Vorlagen aus der Bildenden Kunst. Das Konzert für Saxophon und Orchester, hier in einer Interpretation des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter Leitung von Ken Takaseki, orientiert sich an Caspar David Friedrichs Gemälde ?Der Mönch am Meer? (1809). So wie der Mönch einsam aber doch integriert in die ihn umgebende Landschaft erscheint, so umschließt auch das Orchester den Solisten (Johannes Ernst) und trägt dessen Vortrag, abwechselnd auf Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon gespielt, wie in Wellen weiter fort.
Hosokawa erzeugt diesen schillernden Effekt, in dem er das Orchester in zwei Gruppen aufteilt, Streicher, Harfe und Perkussion links und rechts, seitlich vorn und dahinter die Holz- und Blechbläser.

?Ferne Landschaft? schlussendlich, ebenfalls in einer Interpretation des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter der Leitung von Ken Takaseki, nimmt sich die japanische Landschaftsmalerei als Vorlage, in der durch bewusste Auslassung ein Höchstmaß an Ausdruck erreicht wird. Wie aus dem Nichts kommend beginnen sich bei Hosokawa tonale Landschaften aufzubauen, die hier und dort konkret werden, dann aber wieder zu verschwinden drohen.

Die CD eröffnet einen faszinierenden Klangkosmos, sowohl durchtränkt von subtiler japanischer Ästhetik aber auch westlicher Musikkultur und der so bisher nur in den Werken Toru Takemitsus zu hören war.
Abgerundet wird dieses spezielle Klangerlebnis durch ein feines, informatives CD-Booklet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Christoph Jacobs,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hosokawa, Toshio: Koto-uta - Voyage I - Konzert für Saxophon und Orchester - Ferne-Landschaft II

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Kairos
1
07.01.2003
54:32
2000
2001
EAN:
BestellNr.:
0782124121723
0012117KAI

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Hosokawa, Toshio


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Dirigent(en):Rundel, Peter
Takaseki, Ken
Orchester/Ensemble:Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Interpret(en):Kawamura, Kyoko (Koto)
Urushihara, Asako (Violine)
Musikfabrik - ensemble für neue musik,
Ernst, Johannes (Saxophon)
Ernst, Johannes


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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