> > > Janacek, Leos: Streichquartette Nr. 1 & 2
Mittwoch, 20. Oktober 2021

Janacek, Leos - Streichquartette Nr. 1 & 2

Engagierte Musizierkraft


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Leipziger Streichquartett beherrscht die intime Kunst des Quartett-Spiels auf exzellente Weise. Mit den beiden Janácek-Quartetten legt es große Ehre ein.

Im Alter von fast siebzig Jahren nahm Leos Janácek noch einmal aus früheren Zeiten stammende Pläne auf und begann l923 die Arbeit an zwei Streichquartetten. Was er früher nicht zu Papier bringen konnte, gelang ihm jetzt sehr schnell: ein literarisches Erlebnis, die Lektüre von Tolstojs ‚Kreutzersonate’ und die Erinnerung an eine späte Liebe halfen hier entscheidend mit. Die Quartettkompositionen wurden zu spätromantischen Bekenntniswerken schlechthin.

'Intime Briefe' so heißt das zweite Quartett. Die vier Sätze beschreiben 'die erste Begegnung', einen 'Urlaubssommer', die 'Sorge' um die geliebte Frau. Das Leipziger Streichquartett vereinigt hoch qualifizierte Instrumentalisten, die mit eindeutiger Artikulation zu Werke gehen. Ein Team von lobenswerter Homogenität und unbändiger Musizierkraft, das auf klar gezogene Linien achtet und den sinnlichen Reizen nichts schuldig bleibt. In kompromissloser Expression werden so progressive musikalische Tendenzen und harte harmonische Kontraste hervorgekehrt. Melancholie legt sich über das Geschehen. Janácek, der knorrige Einzelgänger, könnte sich kaum klanglich sensiblere und leidenschaftlicher engagierte Botschafter für seine suggestiven Klänge wünschen. Ein Mann hält im Alter Rückschau. Und ein halbes Jahr nach Beendigung der 'Intimen Briefe' – zweites Streichquartett – starb der Komponist.

Die ‚gequälte, geschlagene, erschlagene Frau’ stand bei der Komposition des ersten Streichquartetts Pate. Janácek schrieb ein geschlossenes psychologisches Drama. Die Musik gewinnt sprechenden Charakter, aus der sich die Umrisse der Handlung geradezu herausschälen. Für den dramatischen Duktus haben die Leipziger, die Herren Andreas Seidel, Tilman Brüning, Ivo Bauer und Matthias Moosdorf, genau die rechte Ader: Sie musizieren straff, dennoch gelöst, emotional diszipliniert, agogisch fantasievoll und klangfarblich sensibel. So werden Janáceks progressive musikalische Sequenzen, der große Gefühlsrausch, die harten Kontraste und die gebrochenen Flächen zum faszinierenden Hörabenteuer. Andere Quartett-Vereinigungen, die Prager Prazáks, mögen diese Janácek Schöpfungen vielleicht mit mehrt klanglichem Raffinement, intimer, weniger cholerisch, auch weniger orchestral ausufernd spielen. Beim Leipziger Team musste jedoch die Sublimierung schon immer ein wenig zugunsten schonungsloser Expressivität und Kompromisslosigkeit der Wiedergabe weichen.

‚Denken Sie sich einen Jungen, der verliebt ist’ ließ Antonín Dvořák seinen Verleger wissen als er aus seinem l865 komponierten Liederzyklus 'Zypressen' zwölf umgearbeitete Sätze für Streichquartette ankündigte. Es war die unerwiderte Liebe zur Schauspielerin Josephina Cermaková, die den jungen Dvořák zu diesem Zyklus inspirierte. Wer nach Folklorismen Ausschau hält, wird enttäuscht, denn der junge Dvořák huldigt hier eher einer romantisch eingefärbten Sehnsucht. Diesen Zyklus stellen die Leipziger in eine wehmütig-sehnsuchtsvolle, verhalten-empfindsame, aber nicht tränennahe Stimmung. Mit sicherem Instinkt für die kleinen Rückungen (Ritardandi, Rubati) lässt man den jungen Dvorák schwelgen und von Glückseligkeiten träumen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Prof. Egon Bezold,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Janacek, Leos: Streichquartette Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
21.11.2008
Medium:
EAN:

CD
760623147222


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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