> > > Vocal Concert Dresden singt: Weihnachtslieder und Motetten von Praetorius, Reichardt u.a
Sonntag, 28. November 2021

Vocal Concert Dresden singt - Weihnachtslieder und Motetten von Praetorius, Reichardt u.a

Perfektion mit Luxusschwächen


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Peter Kopp präsentiert mit seinem Vocal Concert Dresden eine ausgesprochen traditionelle Weihnachtsplatte, die nur ein winziges Luxusproblem hat: manches ist einfach zu perfekt interpretiert.

Gerne darf ‚Berlin Classics’ die alljährliche Veröffentlichung einer Weihnachts-CD zur lieben Gewohnheit werden lassen. Waren es im vergangenen Jahr barocke Kostbarkeiten mit Emma Kirkby und Susanne Rydén, so zeigt sich die diesjährige Weihnachtsscheibe gleichsam von ihrer traditionellen, ja geradezu klassischen Seite. Mit dem ‚Körnerschen Sing-Verein’, 1993 von Peter Kopp gegründet und im Frühjahr 2008 in Vocal Concert Dresden umbenannt, hat sich ein Spitzenensemble unter den bundesdeutschen Vokalensembles zur Tradition gewordenem weihnachtlichen Liedgut angenommen. Und wieder hat ‚Berlin Classics’ Wert auf ein schmuckes Äußeres und audiophiles Inneres gelegt.

Es ist ein Ros entsprungen – drei Versionen dieses Weihnachtsliedklassikers, im Satz von Michael Praetorius, Alban Berg (!) und einer Chorfassung aus Brahms’ elf Choralvorspielen op. 122 (von Gordon Binkerd arrangiert), bilden den Rahmen für ein den meisten Hörern wohlvertrautes Programm deutscher, aber auch englischer Weihnachtslieder. Bewährte Sätze von Praetorius ('Enatus est Emanuel', 'Psallite unigenito'), David Willcocks ('Sussex Carols', 'O come, all ye faithful', 'The first Nowell'), Carl Riedl ('Kommet, ihr Hirten') wechseln mit Motetten von Adam Gumpelzhaimer und Jan Pieterszoon Sweelinck, aber auch mit bewährten Satzarrangements englischer Bearbeiter, die ihrerseits zu Klassikern im Repertoire der Oxford University Press geworden sind und gerne auch von deutschen Chören gesungen werden. Warum für das Lied 'In dulci jubilo' aber ausgerechnet der vergleichsweise harmlos-langweilige Satz von Robert Lucas Pearsall ausgewählt wurde, bleibt zu hinterfragen.

Das Vocal Concert Dresden, bestehend aus Absolventen der Dresdner Musikhochschule und ehemaligern Kruzianern, lässt in Sachen Klangkultur, Homogenität, Stimmentransparenz und Akkuratesse keine Wünsche offen. Peter Kopp hat seinen Chor bestens geschult und auf Intonationsperfektion getrimmt. Diese chorische Vollkommenheit findet insbesondere in den frühbarocken Motetten und in Alban Bergs, an Schönbergs Spätromantikgestus geschulten Bearbeitung von 'Es ist ein Ros' einen fruchtbaren Nährboden. Im Hinblick auf Intonation und Klarheit wird man kaum gültigere Interpretationen hören. Störend hingegen sind mitunter Kopps Phrasenabsetzungen in den Liedsätzen, wie es gleich im Eingangsstück, Praetorius’ 'Es ist ein Ros', eminent wird. Kopp lässt die Phrasen einzeln absingen, absetzen, ohne Anbindung an die Logik des vertonten Textes. Freilich ist der Chor hier so klar und homogen zu hören wie auf keiner zweiten Einspielung dieses Liedes, doch gerät die Perfektion gefährlich nah an die Grenze zur Sterilität. Belebtere Agogik und Phrasierung würde so manchem Liedsatz gut getan haben. Problematisch sind auch die Stücke mit Orgelbegleitung. Zweifelsfrei bedient Sebastian Knebel die Walcker-Orgel von 1891 herausragend punktgenau und registervariierend. Doch überdeckt der Orgelklang mehr als einmal die vokale Schichtung, ist schlichtweg zu laut in den Vordergrund gerückt und lässt die Lautsprecher mitunter Fronarbeit in der Tiefenauslotung verrichten. Zu massiv, zu untransparent wird dann der Gesamtklang, zu undifferenziert die Faktur der Sätze. Die weitaus überzeugenderen Momente hat das Vocal Concert Dresden ganz ohne Zweifel in den A capella-Stücken , von denen hier insbesondere der herrliche Satz Günter Raphaels von ‚Maria durch ein Dornwald ging’ hervorzuheben sei.

All die genannten Vorbehalte sind aber keineswegs Mankos, es sind lediglich Luxusschwächen der Perfektion. Und wer wollte gegen Perfektion schon ernsthaft etwas einwenden? Angesichts des inzwischen so bunten Markts an weihnachtlichen Platten ragt diese sicherlich ob ihrer Traditionalität und aufrichtigen Darbietung positiv heraus. Nicht zuletzt aufgrund der außergewöhnlich aufwändigen Aufmachung der CD-Hülle. Hier findet man zum einen alle Liedtexte, zum anderen schöne Abbildungen von weihnachtlichen Darstellungen aus Renaissance und Barock. Das Auge darf mithören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vocal Concert Dresden singt: Weihnachtslieder und Motetten von Praetorius, Reichardt u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Berlin Classics
1
14.11.2008
64:33
2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
782124164423
0016442BC


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"Weihnachten ist ein Fest der Traditionen. Die Festtage sind eng verbunden mit Erinnerungen, die uns seit Kindheitstagen begleiten. So erzeugt vornehmlich das Hören bekannter Weihnachtslieder eine Atmosphäre, die sofort besondere Erinnerungen wachruft. Mit Es ist ein Ros entsprungen greift das Vocal Concert Dresden, einer der besten Kammerchöre Deutschlands, nun bewusst alte Traditionen auf und schafft eine wunderbare Zusammenstellung bekannter Weihnachtslieder und weihnachtlicher Motetten Alter Meister. So finden sich auf dieser Aufnahme Werke wie „Still, still, still“, „Alle Jahre wieder“, „O Jesulein süß“ oder „Stille Nacht“, und einige der weltweit längst populär gewordenen englischen Carols wie „O little town of Bethlehem“, „O come, o ye faithful“ oder “Away in a manger”, die den besonderen Zauber des Weihnachtsfestes verbreiten. "


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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