> > > Chédeville, Nicolas: Le Printems ou Les Saisons Amusantes (Bearbeitungen nach Vivaldi)
Montag, 3. August 2020

Chédeville, Nicolas - Le Printems ou Les Saisons Amusantes (Bearbeitungen nach Vivaldi)

Vivaldi remixed


Label/Verlag: Arts music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Bonbon für Liebhaber extravaganter Barockmusik: Arts Music legt eine wunderbare Bearbeitung von Antonio Vivaldis Concerti op. 8 durch seinen französischen Zeitgenossen Nicolas Chédeville vor.

Bis in unsere Tage hinein hält der Erfolg an, den Antonio Vivaldi mit seinem Konzertzyklus 'Le quattro stagioni' ('Die vier Jahreszeiten') erzielte. 1725 im Rahmen der Sammlung 'Il Cimento dell’Armonia e dell’Invenzione' op. 8 in Amsterdam erschienen, verbreiteten sich die Werke außerordentlich rasch und wurden von den Zeitgenossen vorwiegend positiv aufgenommen. Ihre Popularität – und hier rangierte der ‚Frühling’ ganz weit vorne – führte bereits im nachfolgenden Jahrzehnt dazu, dass die ‚Jahreszeiten’-Concerti als bedeutendste Werke Vivaldis angesehen wurden. Es wundert daher nicht, dass es auch andernorts zu vergleichbaren Auseinandersetzungen mit diesem Sujet kam. Das Label Arts Music wartet nun mit einer SACD auf, die einer dieser Auseinandersetzungen nachspürt und den Hörer dazu an den französischen Hof nach Versaille versetzt, nämlich in die Zeit des kunstbegeisterten Königs Louis XV. und des Komponisten Nicolas Chédeville (1705–1782). Die Besonderheit liegt nicht nur darin, dass hier eine fast vergessene Musik zum Klingen gebracht wird, sondern auch in der Art, wie sich der Franzose seinem italienischen Kollegen nähert, indem er dessen Kompositionen – einer weit verbreiteten Praxis folgend – zum Gegenstand einer tief greifenden Bearbeitung macht.

Chédeville benutzt in seiner 1739 publizierten Sammlung 'Les Saisons Amusantes' das gesamte Vivaldische Opus 8 als Quelle zur Zusammenstellung eines eigenen, nunmehr sechsteiligen Konzertzyklus, der sich als eine Art von ‚Remix’ der ursprünglichen Veröffentlichung darstellt. Nur drei der Originalwerke bleiben dabei in formaler Hinsicht unangetastet – nämlich die Concerti op. 8 Nr. 1 ('La primavera'), Nr. 6 und Nr. 8 – während die übrigen Werke aus einzelnen Konzertsätzen Vivaldis neu zusammengesetzt werden. Dass es tatsächlich darum geht, den ‚Quattro stagioni’ des Italieners ein auf dessen Material basierendes ‚neues’ Opus entgegenzustellen, ergibt sich aus Titel der neuen Sammlung, in dem zugleich auch eine Verlagerung ins Heitere der unterhaltenden Hofmusik hinein mitschwingt. Zudem dehnt Chédeville die 'Saison Amusantes' auf eine Sechszahl aus, indem er den üblichen Jahreszeiten (Concerti Nr. 1 c-Dur 'Le Printemps', Nr. 2 C-Dur ‚'Les Plaisirs de l’Été', Nr. 4 G-Dur 'L’Automne' und Nr. 6 c-Moll 'L’Hiver') noch die Zeit der Ernte (Concerto Nr. 3 g-Moll 'La Moisson') und das Fest des Heiligen St. Martin (Concerto Nr. 5 C-Dur 'Les Plaisirs de la St. Martin'), das mit einer klimatisch milderen Zeit vor dem Wintereinbruch zusammenfiel, hinzufügt.

Ein weiteres Spezifikum von 'Les Saisons Amusantes' liegt in der Besetzung der Sammlung, denn die solistische Violine (die bei Vivaldi stellenweise um weitere Violinsoli ergänzt ist und in den übrigen Concerti aus op. 8 auch durch eine Oboe ersetzt werden kann) wird durch die Trias aus Violine, Blockflöte und der damals am französischen Hof äußerst beliebten Drehleier ersetzt. Da Chédeville im Zuge dieser Modifikation auch die Tonarten verändert und mitunter in harmonische Struktur und Ablauf der Originale eingreift, verleiht er den Werken ein völlig neues Klanggewand und lokalisiert seine Konzertbearbeitungen, was sich entscheidend auch dem Gebrauch der Drehleier verdankt, im Umfeld pastoraler Schäferspiele – in einem gedanklichen Gefüge also, das die im Vivaldischen Realismus manifesten Affekte wie Furcht, Unwetter und winterliche Kälte vollständig zugunsten eines anmutigen Kunstbildes von jahreszeitlichen Freuden aus der Musik verbannt. Das ist nicht nur aus kulturgeschichtlicher Perspektive faszinierend, sondern auch musikalisch äußerst spannend.

Daher macht es viel Freude, die musikalische Umsetzung anzuhören, die vom Ensemble ‚Les Eclairs de Musique’ sowie den Solisten Matthias Loibner (Drehleier), Enrico Casazza (Violine) und Chiara de Ziller (Blockflöte) in exzellenter Klangqualität präsentiert wird: Die Musiker verstehen es außerordentlich gut, Chédevilles extravagante Mischung aus italienischer Virtuosität und französischer Eleganz abwechslungsreich darzustellen. Besonders überzeugend ist die ausgewogene klangliche Balance, die zwischen den Solisten einerseits und zwischen differenziert eingesetzter Solistengruppe und Orchester andererseits herrscht. Darüber hinaus erfährt der Basso continuo durch geschickten Einsatz unterschiedlicher Harmonie tragender Instrumente eine facettenreiche Gestaltung, wodurch die solistischen Passagen immer in neuem anderen Licht erscheinen. Beide Elemente tragen entscheidend dazu bei, dem undramatischen Charakter von Chédevilles Bearbeitung ein Gegengewicht zu verleihen und die Abfolge der sechs Concerti für den Hörer so zu strukturieren, dass er sie gewissermaßen als von mannigfaltigen Stimmungen durchzogenes pastorales Gemälde wahrnehmen kann. Ergebnis ist eine höchst lohnenswerte Bereicherung des auf Tonträger dokumentierten Barockrepertoires.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Chédeville, Nicolas: Le Printems ou Les Saisons Amusantes (Bearbeitungen nach Vivaldi)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arts music
1
14.11.2008
54.14
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
600554766980
47669-8


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Arts music

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Die ARTS Produkte heben sich nicht nur durch ihre exquisiten Inhalte und den herausragenden Künstlern und Interpreten hervor, sondern zeichnen sich auch durch die bisher unübertroffenen, kristallklaren 24bit/96kHz Aufnahmetechnik sowie der außerordentlichen Gestaltung der Booklets in vier bis fünf unterschiedlichen Sprachen aus.
Jedes Jahr veröffentlichen wir zwischen 25 und 30 neue Titel auf CD, Hybrid SACD, DVD-Video oder DVD-Audio, die sowohl bei der nationalen als auch der internationalen Presse großen Anklang finden.
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