> > > Sotelo, Mauricio: Werke für Soloinstrument & Ensemble
Montag, 15. Juli 2019

Sotelo, Mauricio - Werke für Soloinstrument & Ensemble

Durch Klang zum Licht


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mauricio Sotelos Kompositionen vereinen Farbe und Klang zu einer schillernden Musik voller historischer und optischer Assoziationen.

Beim Hören von Musik sind im besten Falle sämtliche Sinne beteiligt. Man muss keine synästhetischen Phänomene herbeiziehen, denn die Erfahrungen, die Musik im Hörer berührt, können allen sinnlichen Bereichen entstammen. So muss es dem spanischen Komponisten Mauricio Sotelo ergangen sein, als er zum ersten Mal die riesigen Gemälde des irischen Malers Sean Scully gesehen hat. Seine leuchtenden Farbflächen waren für ihn sofort Musik, ‘Walls of Light’, Wände des Lichts, strahlende Luft, in der Musik schwingt und existiert. Im Zuge dieses Erlebnisses sind eine ganze Reihe von Werken entstanden, die dem Schaffen Sean Scullys gewidmet sind oder sich von ihm inspirieren. Bei Kairos ist nun eine CD erschienen, die vier dieser Kompositionen Sotelos versammelt.

Das früheste Stück der ‘Wall of Light’-Serie, Chalan für Percussion und Ensemble, stellt dem Hörer sieben unterschiedliche Klanglandschaften vor Augen. Der Einbezug der indischen Tabla und die Integration von rhythmischen Formeln südindischer Musik evozieren dabei Momente hinduistischer Ikonografie mitsamt einer ganzen Reihe von bildlichen und geistigen Assoziationen. Wie in den Bildkompositionen Sean Scullys spachtelt Sotelo in seiner Musik zahlreiche Schichten übereinander, die jedoch nicht in einem undefinierbaren Schwarz enden, sondern aufgrund ihrer Transparenz einen musikalischen Raum von großer Tiefe schaffen. Dabei blitzen immer wieder einzelne Farbklänge auf, die gewissermaßen einen übergeordneten, formalen Rhythmus erzeugen. Expressivität wird hier durch formale Elemente erzeugt, das unmittelbar Narrative ist dieser Ästhetik dankenswert fremd.

Dass diese Musik dennoch nicht abstrakt bleibt, liegt an den Zitaten einer langen Musiktradition, die Sotelo in sein Werk einflicht. In ‘Chalan’ sind es mit den Erfahrungen südindischer Musik die Wurzeln der spanischen Flamenco-Tradition, in ‘Night’ für Percussion und Ensemble ist es der Flamenco selbst, der der Musik Leben einhaucht. Durch spezielle Schlegel ist es dem Schlagzeuger möglich, ein seinem Instrument den perkussiven Tritt des Tänzers mit expressivem Gesang zu vereinen.

Sotelos Musik ist durchaus kein traditioneller Flamenco mit falschen Tönen. Vielmehr gelingt es ihm, ‘in einer Tradition einen authentischen Ausdruck zu finden’, alte Strukturen neu zu interpretieren und zu dekonstruieren. So hört man in ‘Como llora el agua...’ für Flamenco-Gitarre solo ständig die Klanglichkeit eines alten, scheinbar bekannten Flamenco, und dennoch ist diese Musik alles andere als traditionell; sie ist tatsächlich etwas Neues, wie ein Trugbild des Alten. Das äußert feinsinnige und farbig-nuancenreiche Spiel von Juan Manual Canizares tut sein Übriges dazu, Tradition und Moderne zu einem spannenden Klangbild zu vereinen. ‘Wall of light black – for Sean Scully’ für Saxophon und Ensemble lässt das Saxophon in die Klangwelt des Flamencogesanges, der Toná, eindringen. Die gebrochene Stimme des Sängers mit all seinen Arabesken findet ihren Widerhall in dem mikrotonal eingefärbten Klang des Saxophons.

Mauricio Sotelo gelingt es zudem, in seiner Musik eine bestimme Art von Farbigkeit hörbar zu machen. Die Musik färbt die Luft ein lichtarm ein, und erzeugt ein dunkles, schwaches Leuchten. Mit dem indischen Tabla-Meister Trilok Gurtu, dem spanischen Percussionisten Miquel Bernat und dem Saxophonisten Marcus Weiss sind die solistischen Parts in wunderbar musikalischen Händen. Hier wird musikalische Tradition hörbar, ohne in biedere Volkstümlichkeit auszuarten. Die musikFabrik unter der Leitung von Brad Lubman, Stefan Asbury und des Komponisten selbst bildet den brillanten Untergrund dieser musikalischen Erfahrung, nicht nur mit herausragenden solistischen Momenten, sondern auch mit feinnervig aufeinander abgestimmtem Ensemblespiel. So erscheinen Sotelos Werke in gebührend farbigem Licht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Sotelo, Mauricio: Werke für Soloinstrument & Ensemble

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
14.11.2008
Medium:
EAN:

CD
9120010281402


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Schwabenbass-Legende: Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als wäre dieses Porträt Gottlob Fricks eine Wiederauflage der ewig gleichen Frick-Highlights, aber es gibt bei genauerem Hinsehen und Hinhören eben doch noch eine ganze Menge 'Neues' zu entdecken und zu genießen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Goldfisch in breitem, kühlem Fluss: Stephen Houghs Repertoirebreite erstaunt immer wieder, insbesondere aufgrund des ganz eigenen Tons, der auch dieser seiner ersten Debussy-Monographie den Wert manch neuer Perspektivik verleiht. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Meisterliche Mugge: Freunde der romantischen Kammermusik für Klavier und Streicher dürften mit dieser hybriden SACD ihre Freunde haben. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Heinrich von Herzogenberg: Quintett op.43 - Allegro

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich