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Donnerstag, 11. August 2022

Lang, Klaus - Kammermusikwerke

Spiel mir das Lied vom weissen Kaninchen


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Musik Klaus Langs provoziert durch ihre vermeintliche Einfachheit und widersetzt sich der Forderung des Ereignisses. Konzentrierte Interpretationen durch das Klangforum Wien.

'der fette hirte und das weiße kaninchen.', so lautet der Titel eines der Werke des Österreichers Klaus Lang – musikalische Fettleibigkeit oder ein Hang zum Kulinarischen in der Kultur sind dem 1971 in Graz geborenen und dort lehrenden Komponisten aber fremd. Es ist die Wiederentdeckung der Mystik in der Musik, verbunden mit der idealistischen Rückkehr zum Leitbild der Satztechnik, die sich Klaus Lang in jedem seiner Werke neu auf die Fahnen schreibt, auf denkbar kalligraphische Art und Weise. Vier seiner intimen Klangstudien sind nun in Interpretationen des Klangforum Wien bei Kairos erschienen.

Klaus Lang ist ein Handwerker, und das im besten Sinne des Wortes. Jedes seiner Werke verlangt ihm einen neuen Zugang zur Materie ab, und somit die Wahl neuer Mittel, so wie ein mittelalterlicher Freskenmaler immer wieder neu die Beschaffenheit des Untergrundes prüfen musste. Gemeinsam ist seinen Werken das Bekenntnis zur klaren Struktur, zu einer geordneten Systematik, ohne dass diese als solche hörbar würde. Die schon fast hörige Unterordnung unter kompositorische Strukturen, geometrische Anordnungen und tonale Systeme steht nicht – wie im Mittelalter – für die perfekte Ordnung des göttlichen Universums; vielmehr erwirkt sie hier die Entpersonalisierung des Werkes, ähnlich den Zufallsaktionen eines John Cage, nur andersherum.

Natürlich steht zu Beginn des musikalischen Schöpfungsprozesses stets die Persönlichkeit des Komponisten, mit seinen positiven und negativen Prägungen, doch ist die Rede von einem Personalstil gerade deswegen obsolet, weil er gerade dies nicht sein will. Auf einer zweiten Ebene verschwindet schließlich auch die rigide Systematik unter dem akustischen Resultat einer stillen, oft schon meditativen Musik.

In seinem Klavierquintett 'drei goldene tiger.' (wie jeder seiner Titel trägt auch dieser den affirmativen Punkt am Ende, nicht die zweifelnden, in neuerer Musik so beliebten drei...) erstehen aus einer stimmungsreinen, aus Obertönen aufgebauten Klangfläche fremde Elemente, temperierte Töne und Akkorde des Klaviers oder auf einer Allintervallreihe aufgebaute Pizzicato-Linien.

Ein ähnliches Prinzip verfolgt Lang in seinem Sextett 'die goldenen tiere.' in dem Fastsynchrones einer vielschichtigen und zerbrechlichen Fläche aus geräuschhaften, bewusst indefiniten Klängen unaufdringliche Akzente aufsetzt.

Mitteilsamer ist da schon das oben erwähnte, dialogische 'der fette hirte und das weiße kaninchen.', in dem kleine Flöte und kleine Trommel morseähnliche Botschaften in eine komplexe Klangschicht obertonreicher Flöten- und Beckenklänge werfen.

Im 'book of serenity.', dessen Titel unweigerlich an Zyklen wie Hans Ottes Stundenbuch denken lässt, exponiert Lang in acht kapitelähnlichen Abschnitten einen musikalischen Traktat heiterer Gelassenheit.

Die Musiker des Klangforum Wien widmen sich allen vier Werken mit großem Klangsinn und kontemplativer Innigkeit. Gerade eine Musik, die auf den virtuosen Gestus verzichtet, das Handwerk des Instruments hinter der puren Aussage verschwinden lässt, benötigt den Sinn für die Form, für den überzeugten Gestus, der das Abrutschen in banale Rhetorik verhindert. Diesen Anspruch erfüllen die Interpreten der Aufnahme auf höchstem Niveau.

Charakteristisch für Klaus Langs Musik ist die Forderung an den Hörer, sich konzentriert und kontemplativ auf die Musik einzulassen – das geht immer mit einer gewissen Dauer einher, die bei fehlender Disposition durchaus ihre Längen haben kann. Langs Musik fordert heraus und widersetzt sich dem Anspruch der Überinformation, will vielleicht ein konkretes Gegenbild zur Masseninformation der heutigen Zeit sein. Sie lässt Räume zum Nachdenken und provoziert durch ihre vermeintliche Simplizität. Auch wenn ästhetisch manches Resultat diskussionswürdig scheint, ist der radikale Ansatz Langs in einer Musikwelt, die selten zu sich selbst findet, ein nützlicher Denkanstoß. Vielleicht hat er so, ohne es zu wollen, mehr als andere zu einem Personalstil gefunden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lang, Klaus: Kammermusikwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
14.11.2008
Medium:
EAN:

CD
9120010281433


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