> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Zaide KV 344. Deutsches Singspiel in zwei Akten (Fragment)
Montag, 29. November 2021

Mozart, Wolfgang Amadeus - Zaide KV 344. Deutsches Singspiel in zwei Akten (Fragment)

Kein Gelegenheitskauf


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label cpo legt Mozarts 'Zaïde' in der Vervollständigung von Brian Michaels als Doppel-CD vor. Während die Wiener Akademie unter Thomas Haselböck überzeugt, müssen bei den Gesangssolisten Abstriche gemacht werden.

Für Musikwissenschaftler ist Mozarts Singspiel-Fragment 'Zaïde' nicht nur deshalb von Interesse, weil es thematisch und kompositorisch als Vorläufer der 'Entführung' gilt, sondern auch, weil es zu einer Zeit entstand, als sich Mozarts biographisch folgenschwerer Bruch mit dem Salzburger Erzbischof bereits in aller Deutlichkeit abzeichnete. Opernliebhaber hingegen schätzen das unvollendete Werk vor allem wegen der in Melodienseeligkeit schwelgenden Arie 'Ruhe sanft, mein holdes Leben', die zu einem Paradestück jeder lyrischen Sopranistin avanciert ist.

In den letzten Jahren hat aber auch eine breitere Rezeption des restlichen Torsos eingesetzt, dessen sechzehn auf zwei Akte verteilte Gesangsnummern ohne Ouvertüre, verbindende Dialoge und – dies ist vielleicht am schwerwiegendsten – ohne Finale geblieben sind. Da das Libretto von Johann Andreas Schachtner verschollen ist, kann man den Ausgang der Handlung nicht rekonstruieren, ja nicht einmal in seinem Charakter erahnen: lässt Sultan Soliman Zaïde und ihren Geliebten Gomatz wirklich hinrichten oder gibt es eine versöhnliche Lösung des Konfliktes wie in der 'Entführung'? Dass diese existenzielle Frage offen bleibt, birgt natürlich einen gewissen Reiz und ist ein Hauptgrund dafür, dass es neben konzertanten auch immer wieder szenische Auseinandersetzungen mit 'Zaïde' gibt.

Der vorliegenden Gesamtaufnahme von cpo liegt eine Präsentationsform zugrunde, die der Regisseur Brian Michaels und der Dirigent Martin Haselböck 2005/2006 erarbeitet und unter anderem in Wien, Amsterdam und Düsseldorf halbszenisch aufgeführt haben. Im Gegensatz zu den ebenfalls im Mozart-Jahr vorgestellten Fassungen von Chaya Czernowin (Salzburg) und Tobias Moretti (Wien) beinhaltet sie jedoch weder neu komponiertes Material noch textliche Modernisierungen, sondern stellt vielmehr einen Versuch dar, das Werk im historischen Sinne zu vervollständigen. Michaels hat hierfür neue Dialoge verfasst, deren Sprache sich am Vokabular des 18. Jahrhunderts orientiert und die die inhaltlichen Lücken einigermaßen befriedigend füllen. Ans Ende steht ein genregemäßes, als Quartett angelegtes lieto fine: bewusst durchbricht Soliman das Klischee vom unzivilisierten Despoten und statuiert durch die Freilassung von Zaïde und Gomatz ein Exempel in puncto Humanität und Nächstenliebe. Realisiert wird dieses Finale durch die Neutextierung des auf 1785 datierenden Vokalsatzes 'Dite almeno, in che mancai' KV 479.

Wenn diese neue äußere Form auch als mehr oder weniger ‚runde Sache’ erscheint – die musikalische Umsetzung kann unterm Strich nicht überzeugen. Positiv hervorzuheben ist das saubere, stets von Spannung durchpulste Spiel der Wiener Akademie, die besonders im als Ouvertüre eingesetzten Sinfoniesatz G-Dur KV 318 einen zeitgemäßen Mozart-Klang erzeugt, sowie Haselböcks Dirigat, das mit straffen Tempi und pikanten Akzenten den Singspiel-Duktus des Werks subtil relativiert. Auch Markus Schäfer, der den Gomatz mit angenehm timbriertem Tenor zuverlässig singt (und in den Dialogen engagiert spricht), hinterlässt einen soliden Eindruck.

Ansonsten müssen gesanglich leider Abstriche gemacht werden. Markus Brutscher legt den Soliman mit zittrigem, oft unangenehm schneidendem Tenor fast schon als Buffo-Rolle an, der man ihre autoritäre Position nicht abnimmt, während Christian Hilz’ Allazim klanglich zu weich und indifferent gerät. Am problematischsten ist jedoch die Besetzung der Titelpartie mit der Spanierin Isabel Monar, die sämtliche Dialoge so unidiomatisch artikuliert, dass man vor die Wahl gestellt wird, entweder einen Track weiterzuschalten oder die unfreiwillig komischen Ambivalenzen zu goutieren (wenn sie Soliman gegen Ende als ‚Kanallie’ beschimpft, klingt dies wie ‚Kanadier’). Hinzu kommen ernste stimmliche Defizite: In der Mittellage breit und ohne Sitz geführt, gerät ihr Sopran in der Höhe zunehmend unter Druck, wodurch sich – teils beträchtliche – Intonationstrübungen einstellen. Als Gelegenheits- oder Repertoirekauf qualifiziert sich die Aufnahme unter diesen Bedingungen nicht – zumal eine Referenzeinspielung wie die mit Maria Stader und Fritz Wunderlich von 1956 schon für rund ein Drittel des Preises zu haben ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Alexander Meissner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Zaide KV 344. Deutsches Singspiel in zwei Akten (Fragment)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.10.2008
Medium:
EAN:

CD
761203728121


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Mozart, Wolfgang Amadeus
 - Ouvertüre. Sinfonie KV 318 -
 - Akt 1. Chor - Brüder, lasst uns lustig sein
 - Akt 1. Melolog. Gomatz - Unerforschliche Fügung!
 - Akt 1. Dialog - Aria. Zaide - Dort liegt er, mein Geliebter - Ruhe sanft, mein holdes Leben
 - Akt 1. Dialog - Arie. Gomatz - Als Sklave sitze ich hier - Rase, Schicksal, wüte immer
 - Akt 1. Dialog - Duetto. Zaide, Gomatz - Du hast mein Bild gefunden - Meine Seele hüpft vor Freuden
 - Akt 1. Dialog - Aria. Allazim, Gomatz - Viel zu viel Unglück - Herr und Freund, wie dank ich dir!
 - Akt 1. Dialog - Aria. Allazim - Jedoch Zeit haben wir nicht mehr - Nur mutig, mein Herze, versuche dein Glück
 - Akt 1. Dialog - Terzett. Zaide, Gomatz, Allazim - Der Himmel soll uns gnädig sein - O selige Wonne
 - Melolog & Aria. Soliman - Zaide entflohen!
 - Dialog - Aria. Soliman, Zaide - So hat dich nun meine Rache eingeholt - Trostlos schluchzet Philomele
 - Dialog - Aria. Soliman - Weine du nur, Zaide - Ich bin so bös als gut
 - Dialog - Aria. Soliman, Zaide - Zaide, Gomatz! Verrat oder Rebellion - Tiger! Wetze nur die Klauen
 - Dialog - Aria. Soliman, Allazim - Ich habe mich entschieden - Ihr Mächtigen seht ungerührt
 - Dialog - Quartetto. Soliman - Allazim, mein Erretter - Freundin, stille deine Tränen
 - Dialog - Finale nach dem Quartett KV 479. Soliman - O Herr, großzügig ist dein Herz
 - Aria. Osmin - Wer hungrig bei der Tafel sitzt


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Dirigent(en):Haselböck, Martin
Orchester/Ensemble:Wiener Akademie
Interpret(en):Schäfer, Markus
Brutscher, Markus
Hilz, Christian
Monar, Isabel


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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