> > > Flotow, Friedrich von: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2
Samstag, 23. Januar 2021

Flotow, Friedrich von - Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Jenseits von 'Martha'


Label/Verlag: Sterling
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Friedrich von Flotow, bekannt als Schöpfer der Oper 'Martha', wird hier mit vier Werken als Orchesterkomponist vorgestellt.

Die Musikgeschichte ist voll von Vätern, die dem Wunsch ihres Nachwuchses zu einer Laufbahn als Musiker skeptisch gegenüberstanden. Ein berühmtes Beispiel ist Hector Berlioz, dem in jungen Jahren der Klavierunterricht verboten wurde – wovon er paradoxerweise als Komponist profitierte: Seine Orchesterwerke entbehren typisch ‚klavieristischer’ Stellen, wie sich manch anderem Tondichter in den Fingern lagen. Eher selten kam es vor, dass ein Vater die Bestrebungen seines Sohnes aktiv unterstützte. Bei Friedrich von Flotow (1812–1883) war dies der Fall: Im Jahr 1828 machte sich Vater Flotow mit seinem gerade 16-jährigen Filius auf die weite Reise von der mecklenburgischen Provinz nach Paris. Der talentierte junge Mann wurde am Conservatoire aufgenommen und studierte bei Pixis und Reicha, erste Erfolge stellten sich bald ein. 1844 gelang Flotow mit der Hamburger Uraufführung seiner Oper 'Alessandro Stradella' der Durchbruch, drei Jahre später wurde 'Martha' in Wien enthusiastisch gefeiert. An den Erfolg seines noch heute bekanntesten Werkes konnte der Komponist jedoch nicht anknüpfen. Sein Schaffen jenseits der Oper ist praktisch unbekannt, so auch die beiden Klavierkonzerte des 18- bzw. 19-Jährigen, die auf dieser CD von Carl Petersson interpretiert werden. Hans Peter Wiesheu leitete das philharmonische Orchester Pilsen. Zu hören sind außerdem zwei weitere Orchesterwerke: Die 'Jubelouvertüre' (1857) und die 1861 entstandene Schauspielmusik zu 'Wilhelm von Oranien'.

Obwohl die beiden Konzerte nur ein Jahr trennt, kann man zwischen dem ersten Klavierkonzert in c-moll und dem zweiten in a-moll eine beachtliche Entwicklung erkennen. Das dreisätzige erste Konzert dauert nur 14 Minuten und wirkt etwas bieder, das Finale bewegt sich an der Grenze zur Banalität. Petersson und Wiesheu sind bemüht, das Mögliche aus dem Stück herauszuholen, doch den besseren Eindruck hinterlässt eindeutig das zweite Konzert: Nur wenig länger als das Schwesterwerk, zeigt es Flotow in allen vier Sätzen als stilsicheren und inspirierten Tondichter, der auch den Orchesterpart vielschichtiger gestaltete als im ersten Konzert. Neben einem Meisterwerk wie beispielsweise Schumanns Konzert wirkt zwar auch dieses Stück etwas blass, aber eine Entdeckung ist es allemal – Peterssons zupackende, fast forsche Interpretation hat daran erheblichen Anteil. Wiesheu, der auch den Booklet-Text verfasst hat, räumt dem Solisten große Freiheiten ein und macht so klar, dass das Werk – trotz seiner Viersätzigkeit – eindeutig der Tradition des Virtuosenkonzertes zuzuordnen ist. In beiden Stücken ist die Balance zwischen Solo und Orchester gut, auch wenn die Blechbläser bisweilen etwas aus der Ferne zu kommen scheinen.

Jubelouvertüre und Schauspielsmusik entpuppen sich – so vielleicht nicht beabsichtigt – als eigentliche Juwelen dieser Veröffentlichung. Vor allem die fünf Abschnitte der Schauspielmusik halten einem Vergleich etwa mit Mendelssohn durchaus stand, raffiniert integrierte Flotow das populäre 'Rule Britannia' in den dritten Satz. Die Ouvertüre stattete der Komponist dem Anlass (Wiedereröffnung des Schlosses Schwerin) gemäß mit einer ordentlichen Portion Pathos aus, doch das Werk wirkt dadurch keineswegs dumpf. Beide Stücke geben den Orchestermusikern, die sich in den Konzerten oft zurückhalten mussten, reiche Entfaltungsmöglichkeiten. Warum solch gelungene Schöpfungen völlig in Vergessenheit geraten konnten, ist unerklärlich. Wiesheu, den Pilsener Philharmonikern und dem Label Sterling gebührt das Verdienst, hier zumindest ein echtes Meisterwerk entdeckt zu haben. Die beiden Konzerte und wohl auch die Ouvertüre ragen nicht übermäßig aus dem Durchschnitt des mittleren 19. Jahrhunderts heraus. 'Wilhelm von Oranien' zeigt aber, dass Flotow viel mehr erinnerungswürdige Werke geschrieben hat als nur seine Erfolgsoper 'Martha'. Man beginnt zu begreifen, was verloren ging, als viele ungedruckte Stücke Flotows im Zweiten Weltkrieg im Berliner Hausarchiv des Verlegers Bote & Bock verbrannten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Flotow, Friedrich von: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Sterling
1
28.10.2008
Medium:
EAN:

CD
7393338107729


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Sterling

Sterling is a record label specialising in orchestral music from the Romantic era, founded by Bo Hyttner. Most of the CDs released by Sterling contain previously unrecorded works. After setting out with Swedish romantics, Sterling is now spreading out towards the musical heritage of other European countries. In Sweden, the label is represented through CDA.



Additional to our series of Romantic orchestral classics, we release two more series:
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