> > > Schostakowitsch, Dimitri: Sinfonie Nr. 14 op. 135
Sonntag, 20. Oktober 2019

Schostakowitsch, Dimitri - Sinfonie Nr. 14 op. 135

Ein Morendo in elf Sätzen


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Beethoven Orchester Bonn macht Schostakowitschs Sinfonie Nr. 14 mit sehr guten Solisten zu einem verstörend existenziellen Erlebnis.

Zunächst war ein Oratorium geplant. Doch Dimitri Schostakowitsch hatte schlechte Erfahrungen mit der Gattung gemacht: Das Oratorium 'Das Lied von den Wäldern' komponierte er 1949 nach eigener Auskunft ‚unter Zwang‘ zu Ehren Stalins (und erhielt prompt den Stalinpreis erster Klasse). Zwanzig Jahre später sah er keinen Chor, sondern Solisten vor und vertonte Gedichte von Apollinaire, Lorca, Rilke und Küchelbecker, die sämtlich um den Tod kreisen. Das neue Werk wurde ein elfsätziges Werk für Kammerstreichorchester, Bass und Sopran, eine von Mahlers Orchesterliedern und Sinfonien inspirierte Vokalsinfonie: seine Sinfonie Nr. 14 op. 135.

Sowjetischer Totentanz

Die engste Beziehung unterhält sie zu Mussorgskys Vokalzyklus 'Lieder und Tänze des Todes' (1875/77), den Schostakowitsch 1962 instrumentiert hatte und dessen geringen Umfang von vier Sätzen er bedauerte. Die Konzeption seiner neuen Sinfonie als Totentanz musste er verschweigen; in der berüchtigten Zeitung Prawda gab er Propagandaphrasen von sich. Dieses Taktieren hört man dem Werk jedoch in keinster Weise an. Dringlichkeit klingt aus jeder einzelnen Note – zu hören auf dieser hervorragenden Aufnahme des Beethoven Orchesters Bonn unter Leitung von Roman Kofman, das mittlerweile sämtliche Sinfonien Schostakowitschs eingespielt hat.

‚Ich würde nicht sagen, dass ich mich mit diesem Phänomen abfinde.‘

Die Verteilung der Attacca-Anschlüsse ordnet, versteht man den ersten Satz als Prolog, die elf Gedichtvertonungen zu ‚vier Sätzen über Liebe, Leben und Tod‘. Der Komponist, der 1969 bereits unheilbar krank war (er starb 1975), richtete sich nicht gegen den Tod an sich, sondern gegen den von Menschenhand herbeigeführten: ‚Ich würde nicht sagen, dass ich mich mit diesem Phänomen abfinde.‘ Im achten Satz, 'Antwort der Saporoger Kosaken an den Sultan von Konstantinopel', tut er dies mit drastischem Zorn. Über das zugrundeliegende Gedicht Apollinaires äußerte er: ‚Besäße ich Apollinaires Talent, hätte ich mich mit solchen Versen an Stalin gewandt. Ich tat es mit meiner Musik.‘ Und natürlich ist Stalin gemeint, wenn vom Sultan die Rede ist: ‚Du bist hundertmal verbrecherischer als Barrabas. Lebst mit dem Beelzebub in Nachbarschaft, bist in den ekligsten Sündenpfühlen versunken.‘ Das ist packend musiziert, exaltiert, hart. Nur hier einmal könnte die Interpretation sich tatsächlich noch deutlicher den Extremen annähern. Der nach außen gekehrte Hass kommt auf dieser Einspielung nicht immer ganz so überzeugend zur Geltung wie das Verhärmt-Resignative, das eine tiefe Traurigkeit umschließt und Schostakowitschs vorletzte Sinfonie zu einem verstörend existenziellen Erlebnis macht.

Verzweifeltes Sehnen

Groß ist der Unterschied zum folgenden Satz 'An Delwig', dessen Tonalität, hier Ausdruck von Ich-Identität, in der von kargen Zwölf- und Elftonreihen geprägten Klangumgebung befremdet. Ein romantischer Gestus bricht sich Bahn, verzweifeltes Sehnen klingt aus dem reinen Streichersatz. Sensibel gestaltet der Ukrainer Taras Shtonda seinen Gesangspart. Und sehnend, Grabeskälte verströmend, im eröffnenden 'De Profundis', in dem der Komponist das 'Dies irae' der römischen Totenmesse auf faszinierende Weise in die Dodekaphonie integriert. Das Klangbild ist bestens durchhörbar; die karge Instrumentation trägt ihren Teil dazu bei. Diese beseelte und eindrückliche Interpretation ist nicht weniger als mustergültig.

Magische Verwandlung

Die aus Georgien stammende Sopranistin Iano Tamar ist eine ihm ebenbürtige Partnerin (die Texte stehen selbstredend in russischer Sprache). Großartig ihre Darbietung nicht nur in der packenden dramatischen Szene 'Lorelei'. Kofman führt das kompakte Orchester souverän. Bei diesem Satz wird nichts geglättet, sondern das Fratzenhaft-Hässliche wirkungsvoll ausgestellt. Dann eine magische Verwandlung, in irisierendes Licht getaucht: Lorelei sieht ihren Geliebten unten auf dem Rhein fahren und stürzt sich hinunter. Strömende Wärme macht sich breit, Celestaklang. Das unheimlich gleißende Ende entfaltet eine nachgerade visuelle Wirkung. Der berührende Epilog des Cellos leitet über in das vierte Stück. Fahl und trostlos ist Schostakowitschs Vertonung von Apollinaires 'Die Selbstmörderin', die Wärme von Tamars Sopran bestürzt.

Lauschen in der Stille 

Geradezu unverschämt aufgeweckt erklingt die Zwölftonreihe im Xylophon, das gemeinsam mit der Pauke – beide traditionell niedere, oft auch Tod und Teufel zugeschriebene Instrumente – dem Satz 'Auf Wacht' sein Gepräge verleiht. In 'Malagueña' verströmt die Gitarrengestik der parallelgeführten Violinen spanisches Kolorit. Der aufgepeitschte Streichersatz läuft nicht ins Leere, da der Dirigent die Spannungsbögen sorgfältig entwickelt. Ausdrucksvoll, mit schönen Legato-Bildungen behandelt Shtonta seinen Bass in Apollinaires 'Im Kerker der Santé'. Beim Solo der – klanglich über jeden Zweifel erhabenen – Streicher komponiert Schostakowitsch das Lauschen in der Stille aus: ‚Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein Leben hindurch gemartert haben.‘

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schostakowitsch, Dimitri: Sinfonie Nr. 14 op. 135

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
19.09.2008
Medium:
EAN:

SACD
760623121161


Cover vergössern

MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag MDG:

blättern

Alle Kritiken von MDG...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Dennis Roth:

  • Zur Kritik... Zu verbindlich: Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller und die chinesische Geigerin Tianwa Yang widmen sich Wolfgang Rihms Werken für Violine und Orchester. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Monumentaler Mahler: Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks präsentieren Mahlers Zweite Sinfonie auf höchstem Niveau. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Ausdruckstiefes Meisterwerk: Wolfgang Rihms 2017 uraufgeführte 'Requiem-Strophen' in einer geradezu mustergültigen Interpretation unter der Leitung von Mariss Jansons. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Dennis Roth...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Besser ungewohnt als traditionell: Mit dem Violinkonzert von Einojuhani Rautavaara scheinen sich die Musiker hier wohler zu fühlen als bei Sibelius. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Unbekanntes aus England: John Eccles und Gottfried Finger waren produktive Komponisten für Schauspielmusiken für das New Theatre Lincoln's Inn in London. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Das alternative Brahms-Erlebnis mit Otto Klemperer: Bevor Otto Klemperer die Brahms-Symphonien für EMI in London im Studio einspielte und damit einen Meilenstein der Brahms-Diskografie schuf, dirigierte er die Vierte 1957 live in München. Jetzt wurde der Mitschnitt neu remastered auf CD veröffentlicht. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Allan Pettersson: Vox Humana

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich