> > > Widmann, Jörg: Streichquartette Nr. 1 - 5
Donnerstag, 24. September 2020

Widmann, Jörg - Streichquartette Nr. 1 - 5

Für entdeckungsfreudige Naturen


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jörg Widmann, Komponist, Klarinettist und Professor in Freiburg, scheint es jedes Mittel recht, um den vier Streichinstrumenten extreme Schattierungen zu entlocken. Quartett Nr. 3 ist ein Knüller.

Weit ist der Bogen gespannt, wenn nervtötendes Kratzen ertönt und Pizzicato-Wirbel einen schier den Atem rauben, z. B. beim ‘Reigen seliger Geister’ von Helmut Lachenmann. Der hat sich ja in seinem zweiten Streichquartett auf exzessive Weise dem Prozess der Klangerzeugung verschrieben. Aber auch anderen Avantgarde-Vertretern scheint jedes Mittel recht, um den vier Streichinstrumenten extreme Schattierungen zu entlocken. Da wird offenkundig, dass das zeitgenössische Musikverständnis längst keine geschlossenen Traditionsräume mehr kennt, vielmehr eine unübersehbare Vielfalt an musikalischen Erscheinungsformen offeriert. So haben Matthias Pintscher, Brian Ferneyhough oder Elliott Carter komplexe, hoch komplizierte Partituren in die Welt gesetzt, die den Interpreten nicht nur jegliche erdenkliche Präzision abverlangen, sondern auch das Feeling für das recht Timing.

Die Gattung des Streichquartetts treibt in der Avantgarde-Szene immer wieder neue Blüten, und sie vermag gewaltige Sprengkräfte zu entfesseln. Dafür bietet der unlängst bei den Münchner Opernfestspielen gefeierte, mit vielen Preisen geehrte, als Professor für Klarinette in Freiburg lehrende und unermüdlich Solisten, Kammermusik-Formationen und Orchester mit Werken versorgende Komponist Jörg Widmann treffende Vergleichsmöglichkeiten. Was so aus seiner kompositorischen Feder fließt, tönt in einer modern geschärften Sprache. Da wechseln schmerzhafte Reibungen und ruhig ausklingende Segmente im spannungsgeladenen Wettstreit der Instrumente. Fünf Streichquartette hat er bisher geschrieben. Sie verfolgen eine zyklische Idee, stellen eine Einheit dar. Jedes Quartett repräsentiert eine archetypische Satzform: als ‘Introduktion’ versteht sich das erste Quartett, während im zweiten Quartett ein Largo bis an die Grenzen der Statik rückt. Gift und Galle spuckt das  im Stile eines Scherzos geschriebene dritte (Jagd) Quartett. Setzt das vierte Quartett Formen des Schreitens und Gehens in Gestalt von Andante und Passacaglia, so versucht sich das fünfte Quartett mit Sopranstimme als ein ‘Versuch über die Fuge’.

Keine Frage: Schonkost wird den Hörern von Jörg Widmann nicht gereicht. Umso mehr kommen entdeckungsfreudige Naturen auf ihre Rechnung. Derlei rhythmisch Vertracktes, die Stimmen so kunstvoll verwebendes,  spielt wohl kein Quartett auf Anhieb. Da bedarf es schon einer besonderen Kategorie von Musikern, cleveren mutigen Streitern, wie das renommierte Leipziger Streichquartett, dem die Lust auf musikalische Innovationen buchstäblich im Nacken sitzt. Da gilt es, viel spieltechnische Perfektion, aber auch Identifikationskraft aufzubringen, um im Labyrinth von komplexen Strukturen rhythmisch auf dem rechten Weg zu bleiben. Besonders gilt das für das 2005 in Essen aus der Taufe gehobene vierte Quartett – ein dicht gearbeiteter Einsätzer, …’ mit extremer Informationsdichte für jede Stimme’ (Widmann). Jeder Spieler besitzt seine ‘eigene Atempartitur’. Das Hin-und-Her-Geschiebe der Figuren, die artifizielle Innerlichkeit, all die differenziert sich ereignenden Pizzicato-Einschübe, formt das Leipziger Team zur bezwingend geschlossenen Einheit. Das ist zugleich der Versuch, aus einem Maximum an Komplexität und Einfachheit als Ganzes zu vereinigen.

Welch ein Wurf ist doch das dritte Quartett, das im November 2003 aus Anlass des dreißigjährigen Bestehens von Klaus Lauers legendären Römerbad-Musiktagen in Badenweiler aus der Taufe gehoben wurde. Da befinden sich buchstäblich vier Instrumentalisten auf wilder Jagd. Der auf  Welle ‘Erfolg’ schwimmende Komponist gelingt ein Krimi zu viert. In der Tat schlüpfen die Quartett-Herren in die Rolle von Jägern. Die Spannung wird bis zum Siedepunkt gepeitscht, gleich einer Metamorphose, in der die Jäger schließlich selbst zu Gejagten werden und Schreie von sich geben, als würden sie von einer Kugel getroffen. Mit Atem nehmender Perfektion durchstreifen die vier Spieler das polymetrisch durchwirkte Gestrüpp der pochenden Rhythmen bis hin zum desaströsen Ende, das den Cellisten ereilt. Er sinkt von der ‘Kugel’ getroffen in sich zusammen. Jedes Live-Konzert spendet den Quartett-Leuten wohl verdienten Jubel. Das geschah nicht nur bei der Uraufführung in Badenweiler. Gleiches gebührt der spannungsvollen Interaktion des Leipziger Streichquartett, das wie immer von der Aufnahmetechnik (Tonmeister Friedrich Wilhelm Rödding, aufgenommen in der Paul-Gerhardt-Kirche Leipzig) optimal bedient wird. Quartett-Fans dürfen sich freuen. Denn hier gibt es eine Menge zu entdecken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Kritik von Prof. Egon Bezold,


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    Widmann, Jörg: Streichquartette Nr. 1 - 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
19.09.2008
Medium:
EAN:

CD
760623153124


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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