> > > Dyson, George: Nebuchadnezzar
Montag, 24. Januar 2022

Dyson, George - Nebuchadnezzar

In Wehmut zu hören


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Richard Hickox mit einer seiner letzten Aufnahmen: Die Plattenpremiere von George Dysons 'Nebuchadnezzar' hat Referenz- und Vermächtnischarakter.

Die Quelle einzigartiger Interpretationen aus dem reichen Repertoire britischer Musik des 20. Jahrhunderts ist versiegt: als am 23. November 2008 Richard Hickox der plötzliche Herztod ereilte, wurde die Musikwelt um einen ihrer profiliertesten Sachverwalter beraubt. Wenige Stunden zuvor hatte Hickox für sein Haus-Label Chandos noch Aufnahmen mit Werken von Gustav Holst dirigiert. Bis zuletzt setzte sich Hickox für die Musik Großbritanniens ein – und nicht etwa nur für die ‚Mainstream'-Werke; es war gerade das Randrepertoire, chorische und symphonische Preziosen, die er dem Vergessen entriss und in ausgezeichneten Einspielungen oftmals zu Plattenpremieren-Ehren führte. Eine seiner letzten Einspielungen ist George Dyson gewidmet, dessen 'Canterbury Pilgrims' er 1996 für Chandos ersteinspielte, gefolgt von 'Quo Vadis'. Zuvor bereits hatte sich Hickox diversen Orchesterwerken Dysons angenommen. Mit dem kurzen Oratorium 'Nebuchadnezzar', einem Auftragswerk für das Three Choirs Festival des Jahres 1935, endet nun Hickox' Zyklus der Aufnahmen von Werken George Dysons, die in England durchaus geläufig und gegenwärtig sind, hierzulande aber natürlich kaum bekannt sein dürften.

George Dyson, dessen Musik immer ein wenig so klingt, als habe Edward Elgar Ralph Vaughan Williams' Musik komponiert, stand ganz in der Tradition des Royal College of Music und seiner herausragenden Professoren Hubert Parry und Charles Villiers Stanford, dessen Schüler Dyson war und der das 'Nebuchadnezzar'-Thema bereits 1885 in seinem Oratorium 'The Three Holy Children' behandelt hatte. Ein ähnlich oratorischer 'Schinek' schwebte Dyson nicht vor, eher schon adaptierte er für seinen 'Nebuchadnezzar' die packende und straffe Dramatik und Dramaturgie von William Waltons 'Belshazzar's Feast', dem Sensationserfolg von 1931. Dyson schildert in vier Teilen die Errichtung des goldenen Götzenbildes durch den babylonischen König Nebukadnezar, das von den sich in Gefangenschaft befindlichen Juden angebetet werden soll. Tun sie dies nicht, droht ihnen der Tod im Feuerofen, ein Schicksal, das den drei Juden Schadrach, Meschach und Abed-Nego blüht, weil sie dem Götzen nicht huldigen, stattdessen von ihrem Gott erlöst zu werden hoffen. Zorn seitens Nebukadnezars, der sie den Flammen des Feuerofens übergibt, die den drei Juden jedoch nichts anhaben können, da der Engel des Herrn ihnen den Weg durch die Flammen bahnt. Es folgt die Bekehrung des Königs, die in den allgemeinen Lobgesang des Benedicite mündet.

Der Entdeckung wert

Wer sich nicht daran stört, einmal mehr ein selbstbewusst die kontinentale Avantgarde jener Zeit ignorierendes chorsymphonisches Schaustück vor sich zu haben (danke, liebe Briten, dass ihr euch das bis heute bewahrt habt!), wird an der alle Fasern der Partitur zum Vibrieren bringenden Interpretation durch das BBC Symphony Orchestra, den BBC Symphony Chorus, Tenor Mark Padmore und Bariton Neal Davies unter Richard Hickox Gefallen finden. Gerade in den letzten tondokumentierten Dirigaten Hickox' ist eine noch intensivere Konzentration auf das Binnengeschehen innerhalb der Orchesterfaktur herauszuhören, der das BBC Symphony Orchestra hier energetisch Kontur verleiht und im Verbund mit dem unglaublich präzise und packend agierenden und artikulierenden Chor mustergültige Momente perfekter Chor-Orchester-Symbiose demonstriert. Den Zirkel dynamischer Feinabstufung hat Hickox weit aufgespannt, selbst die leisesten Passagen atmen Spannung und Dramatik und Dysons intrikate Orchestrierung bleibt stets hörbar. Das schlanke Timbre Mark Padmores bildet den idealen Kontrast zu Neal Davies' kernigem, aber klar ausdeutendem Bariton, so dass Dysons Musik stets die nötige Spannkraft und den profilierten Zug bewahren kann, da sie nicht selten in epische Breite gehen möchte.

Gebrauchsmusik

'Nebuchadenzzar' ist nicht die einzige Plattenpremiere dieser Scheibe. Die für den Gebrauch in Schulorchestern komponierte 'Woodland Suite' aus den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg – mitunter gar zu leichtgewichtige Charakter-Miniaturen für Streicher und Holzbläser – wird flankiert von der Orchesterfassung der 'Three Songs of Praise' – melodienfrohe Lobeshymnen in harmonisch unproblematischem Gewand. Hickox betont hier textgemäß das Hymnische, und da mag es nicht schaden, dass er den BBC Symphony Chorus klanglich ein wenig überagieren lässt. Das stimmstarke Ensemble hat nämlich noch die beiden Krönungskompositionen 'O Praise God in His Holiness' (für die Krönung Georges VI. 1937) und 'Confortare' (für die Krönung Elizabeths II. 1953) zu absolvieren. Pathos, Pomp and Circumstance zweier anlassbedingter Eintagsfliegen. Hickox, das BBC Symphony Orchestra und der BBC Symphony Chorus tun das, was britische Ensembles in solchen Fällen immer tun: sie bieten Pathos ohne Gewalttätigkeit, aber mit Strahl- und Klangpracht, dass es eine Freude ist. Zum Englischwerden!

Nachfolge

Hickox ist tot. Nicht nur konnte er begonnene Projekte nicht mehr vollenden, auch stellt sich die Frage, ob es überhaupt einen würdigen Nachfolger gibt, der in ähnlicher Weise unermüdlich nach den großen Schätzen britischer Musik graben und zutage fördern wird. Angesichts dieser Referenzaufnahme mag man (noch) keine Antwort darauf geben können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dyson, George: Nebuchadnezzar

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
19.10.2007
Medium:
EAN:

CD
095115143926


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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