> > > Patricia Kopatchinskaja spielt: Werke für Violine und Orchester von Kühr, Resch & Zykan
Dienstag, 27. Juni 2017

Patricia Kopatchinskaja spielt - Werke für Violine und Orchester von Kühr, Resch & Zykan

Eine Platte für Selberdenker


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label col legno präsentiert eine herausragende Produktion mit Violinkonzerten von österreichischen Komponisten aus drei unterschiedlichen Generationen.

Dies ist eine ganz besondere und auf ihre Art extrem faszinierende CD – eine Platte freilich, die sich wohl eher dem an zeitgenössischer Musikproduktion interessierten Hörer als dem normalen Klassikliebhaber erschließen wird. Das Label col legno hat drei Violinkonzerte von österreichischen Komponisten aus drei unterschiedlichen Generationen, alle jedoch nach der Jahrtausendwende komponiert, nebeneinander gestellt und ermöglicht damit einen vergleichenden Blick darauf, wie das Konzert auch heute als kompositorische Problemstellung begriffen werden kann. Tatsächlich findet jede der hier präsentierten Generationen andere Fragestellungen, an denen sie sich in Bezug auf die Gegenüberstellung von Solist und Orchester abarbeitet. Und zu erleben, wie dies an Werken derselben Gattung passiert, macht viel von der Spannung aus, die mit der Produktion verbunden ist.

Dass dies mit teils haarsträubenden violintechnischen Anforderungen verbunden ist, braucht kaum gesondert betont zu werden. Ein großes Lob gilt daher der in allen drei Fällen atemberaubend agierenden, in Moldawien geborenen Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die sich – sekundiert vom Radio-Symphonieorchester Wien unter jeweils andere Dirigenten – den Werken und den in ihnen gestellten Aufgaben mit einem Höchstmaß an Aufmerksamkeit, mit einem ungemein breit gefächerten Repertoire an Ausdrucksnuancen und vor allem mit hörbarer Freude an der Darstellung von Details widmet. Dies schlägt umso deutlicher zu Buche, als es sich hier ausschließlich um Live-Einspielungen handelt, deren intensive und spannungsreiche Atmosphäre mittels exzellenter Klangqualität eingefangen wurde.

Drei Generationen im Vergleich

Die älteste Generation vertritt der inzwischen verstorbene Altmeister Otto M. Zykan (1935-2006) mit seinem Violinkonzert ‚Da drunten im Tale’ (2004). Die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hat untrügliche Spuren in der Komposition hinterlassen, denn ohne die Tradition der Violinkonzerte Alban Bergs und Arnold Schönbergs scheint dieses Werk undenkbar. Die berückend schöne Orchestration – von Dirigent Bertrand de Billy in einem ständigen Schwebezustand zwischen Schwindel erregender klanglicher Präsenz und feiner, fast sphärisch anmutender Wirkung gehalten – entwirft über unterschiedlichste, manchmal nostalgisch, manchmal ironisch wirkende Klangsplitter hinweg einen kaleidoskopartigen Wechsel von Situationen, die jedoch gleichsam einem erzählerischen Faden zu folgen scheinen. Der Violinpart mit seiner Ausrichtung an stark erweiterten traditionellen Spieltechniken gibt sich einerseits virtuos, orientiert sich andererseits jedoch immer auch am Melos – ein Umstand, dem die Geigerin mit ständigen Wendungen und Klangfärbungen begegnet.

Ganz anders wirken dagegen die ‚Movimenti’ (2006) von Gerd Kühr (* 1952) mit ihren ständigen Brüchen, hinter denen gleichfalls Erinnerungsfragmente hervorblitzen. Nicht nur die vielen Wendungen der Musik, auch der Anfang wartet mit Überraschungen auf: wenn der Hörer nämlich erkennen muss, dass der Stimmvorgang des Orchesters sich plötzlich zur Grundlage eines fein gesponnenen Klangs verändert, über dem in höchsten Lagen schwebend die Solovioline einsetzt – ein Prozess, der im Ende der Komposition im Stimmen der leeren Saiten des Soloinstruments gespiegelt wird. Stefan Asbury zeichnet die Wendungen von Kührs Musik aufmerksam nach, Kopatchinskaja beeindruckt durch souveräne Bewältigung der geforderten Spieltechniken und durch genaue Umsetzung der Stimmungsschwankungen, die Passagen voller Fragilität mit eisig wirkender Klanglichkeit ebenso umfassen wie Ausbrüche voller Emotionaliät und Wärme der Tongebung. Dabei gerät vor allem das letzte Drittel des Werkes dermaßen intensiv, dass man kaum zu atmen wagt.

Der jüngste im Bunde der versammelten Komponisten ist schließlich Gerald Resch (* 1975), der in seinem Werk ‚Schlieren’ (2005) die Aufmerksamkeit mehr in den Bereich harmonischer Differenzierungen und Spannungszustände verlagert. Mit der räumlich hervorragend wahrnehmbaren Bewegung orchestraler Klangmassen, in deren Dramaturgie Resch den wiederum von Kopatchinskaja faszinierend ausgeleuchteten Solopart auf immer wieder neue Weise einzubinden versteht, erreicht er ganz andere, aber nicht weniger intensive Wirkungen als Zykan oder Kühr. Johannes Kalitzke zeichnet als Dirigent das musikalische Geschehen sehr plastisch nach und setzt dabei die aus dem Orchester hervorquellenden Klangattacken mit großer, fast körperlich wirkender rhythmischer Prägnanz um.

Großes Lob

Für mich gehört diese Produktion ohne jeden Zweifel zu den spannendsten Platten des auslaufenden Jahres, denn sie ist ein wichtiges Dokument, das sich mit der Aktualität des Komponierens für die Konzertgattung befasst und schon von daher einen hohen Repertoirewert verdient. Darüber hinaus ist es angenehm, dass hier keine schwülstigen Klänge im Stile einer rückwärts gewandten Alibi-Moderne zu hören sind (derzeit aufgrund des Engagments einer bekannten Geigerin wieder einmal populär und daher gern als Nonplusultra zeitgenössischen Musikschaffens dargestellt), sondern dass tatsächlich kompositorisch wie musikalisch Gehaltvolles vermittelt wird. Zum Gelingen des Projekts trägt daher auch bei, dass man den Hörer gleichsam literarisch mit einem Text von Peter Waterhouse in die Wahrnehmung der Werke einstimmt, ohne die Musik erklären zu wollen. Es ist also – mit anderen Worten – auch eine Platte für den aufmerksamen Selberdenker, eine Produkition, die sich mit Wucht gegen allgegenwärtige Musikberieselung und leichte Handhabbarkeit stellt. Und dafür muss man dem Label col legno höchsten Respekt zollen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Patricia Kopatchinskaja spielt: Werke für Violine und Orchester von Kühr, Resch & Zykan

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
1
17.10.2008
EAN:

9120031340348


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col legno

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert.

col legno nutzt die jeweils für die Produktionen optimalen Tonträger und Formate - von der CD über Multichannel Medien bis hin zu gänzlich neuen Entwicklungen. Dabei bieten wir unseren Hörern immer "state-of-the-art" Technik und beste Audioqualität.

col legno - new colors of music


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