> > > Dohmen, Andreas: Orchesterwerke
Freitag, 23. August 2019

Dohmen, Andreas - Orchesterwerke

Klangbefragung mit sinnlichen Qualitäten


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine CD aus der Reihe ?Edition zeitgenössische Musik? des Deutschen Musikrats stellt den Komponisten Andreas Dohmen vor.

Der Komponist Andreas Dohmen gehört zu den stillen Persönlichkeiten im gegenwärtigen Musikbetrieb: Sein Œuvre umfasst eine überschaubare Anzahl von Werken, die oft über längere Zeiträume hinweg entstehen. War sein Schaffen bislang auf Tonträgern kaum dokumentiert – neben Festival-Mitschnitten von den Wittener Tage für neue Kammermusik und den Donaueschinger Musiktagen existiert noch die Einspielung einer Vokalkomposition mit den Neuen Vocalsolisten Stuttgart –, so widmet ihm nun der Deutsche Musikrat die neueste Veröffentlichung aus seiner bei Wergo erscheinenden Reihe ‚Edition zeitgenössische Musik’. Die CD enthält, in brillanter Aufnahmequalität, die jedes Detail der Werke außergewöhnlich gut zur Geltung kommen lässt, vier seit 2000 entstandene Werke und fasst in dieser Auswahl brennpunktartig die Kennzeichen von Dohmens Schaffen zusammen.

Ein zentrales Moment seiner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Prozessen des Überschreibens von Strukturen oder mit dem Verlust von Informationen durch Kopier- und Bearbeitungsvorgänge, jeweils verstanden als Differenz im Sinne der Nichtwiederholbarkeit einmal gesetzter Ereignisse. Exemplarisch hierfür ist die ‚Musik für Gerhard Richter (Portraits und Wiederholung II)’ für großes Orchester (1999/2000), interpretiert vom SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Leitung von Lothar Zagrosek, in der die vorgetragenen Instrumentalklänge während der Aufführung von den Interpreten auf Diktiergeräte aufgenommen und später wieder abgespielt werden, wodurch der unvollkommene Klang dieser Reproduktionsmedien zur eigenständigen Variable des Ausdrucks wird. Das Resultat erweist sich als vielschichtiges, ständigen Veränderungen unterworfenes Panorama, in dem die Klangkonturen immer wieder verwischt werden, um an anderer Stelle ein neues Profil auszubilden.

Hinter diesem Ergebnis steht auch ein anderes wichtiges Thema Dohmens, nämlich die Suche nach musikalischen Analogien für Techniken aus der bildenden und plastischen Kunst. Während es hier letzten Endes auch um Pendants zu den Übermalungs- und Bearbeitungsprozessen in den photorealistischen Arbeiten des Malers Gerhard Richter geht, macht der Komponist in ‚frottages’ für Ensemble (2000/01) die gleichnamige künstlerische Technik des ‚Durchreibens’ zum Anknüpfungspunkt für eine akustische Filterung und Aufdeckung latent vorhandener, aber verdeckter musikalischer Strukturen, was er etwa durch das Abtasten von Dichtestadien, Intervallkonstellationen und Elementfeldern erreicht und zur Ausarbeitung verschieden komplexer Hörsituationen nutzt. Vom Ensemble Modern unter Leitung von Kasper de Roo wird dies mit einer enorm farbigen, fast schon plastischen Wirkung der einzelnen Instrumente realisiert.

Fesselnd ist auch die Vereinigung von Orchester- und Perkussionsklängen in ‚tempo giusto’ für großes Orchester mit Schlagquartett-Solo (2002/03) – wiedergegeben vom Schlagquartett Köln und dem WDR Sinfonieorchester unter Stefan Asbury –, denn Dohmen behandelt die Solistengruppe wie ein Metainstrument, eine aus vier gleichen, kaum voneinander unterscheidbaren Varianten eines einzigen Solisten. Die enge Verzahnung der Parts und ihre höchst unterschiedliche Wechselwirkung mit dem Orchester ist mit einer Spannung umgesetzt, die viel über die aufmerksame Musizierhaltung verrät, die Dohmens Werke grundsätzlich erfordern. Wie sich die stark differierenden Klangschichten von Sologruppe und orchestralem Klangkörper immer wieder durchdringen, überlagern oder gegenseitig beeinflussen, so dass sich die Musik permanent in Bewegung befindet, ist schon großartig und zeugt zudem von großer Meisterschaft im Umgang mit den Instrumenten.

Die sinnliche Qualität, die Dohmens Musik hier wie in den anderen Werken erlang, findet sich auch im einzigen Vokalwerk der CD, dem ‚Kuhlmannkommentar’ für Sopran, vier Männerstimmen und drei Instrumentalisten  (2001), dem ein Gedicht des Barockdichters Quirinus Kuhlmann sowie dessen eigenhändiger, auf Zahlenspekulationen basierender Kommentar zugrunde liegen. Dohmen versenkt die Wort- und Zahlenspielereien gleichermaßen in den Strukturen seiner Komposition, verwebt Stimmen und Instrumente der Ausführenden – neben Mitgliedern des Ensemble Modern sind die Neuen Vocalsolisten Stuttgart zu hören – eng miteinander und gaukelt dem Hörer so wechselnde Perspektiven vor. Das macht viel Freude, wenn man sich darauf einlässt, erfordert aber auch ein aufmerksames Zuhören, weil sich viele Details dieser Musik nicht unbedingt bei der ersten Berührung erschließen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dohmen, Andreas: Orchesterwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.10.2008
Medium:
EAN:

CD
4010228656824


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Dirigent(en):Zagrosek, Lothar


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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