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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Brun, Fritz - Sinfonien Nr. 5 & 10

Erstaunliche Modernität


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Adriano setzt mit dem Moscow Symphony Orchestra seinen Brun-Zyklus fort. Die 5. und 10. Sinfonie beweisen, dass Brun trotz aller Traditionsverbundenheit moderner war als bisweilen angenommen.

Der Schweizer Komponist Fritz Brun (1878-1959) hat ganze zehn Sinfonien geschrieben, als deren Vorbilder sich insbesondere die Spätromantiker Brahms und Bruckner ausmachen lassen. Das Festhalten sowohl an der in Verruf geratenen Gattung der Sinfonie als auch einer von der Moderne weitestgehend unbeeinflussten Tonsprache waren im fortschrittsgläubigen 20. Jahrhundert keine gute Ausgangsbasis für eine dauerhafte Rezeption. Trotz guter Kritiken geriet Bruns Schaffen bald in Vergessenheit, woran sich bis heute fast nichts geändert hat. Der Plattenmarkt sieht entsprechend dürftig aus, von Konzertprogrammen ganz zu schweigen. Es gibt aber Hoffnung, denn der Schweizer Dirigent Adriano ist ein überzeugter Verfechter der Musik Fritz Bruns und legt hier nun seine bereits dritte Platte mit sinfonischer Musik seines Landsmanns vor; es ist dabei die zweite, die beim ebenfalls schweizerischen Label Guild untergekommen ist. Wie bereits bei den früheren Einspielungen leitet Adriano das Moscow Symphony Orchestra.

Verweigerung der Erlösung

Die vorliegende Produktion stellt die 5. Sinfonie Es-Dur sowie die 10. und letzte Sinfonie in B-Dur vor; beide Werke folgen der traditionellen Viersätzigkeit und übersteigen das Ausmaß einer Brahms-Sinfonie nicht. Wer Fritz Brun unreflektiert als ‚hoffnungslosen Romantiker und Schwärmer’ bezeichnet, kann sich durch die 1929 entstandene Fünfte eines Besseren belehren lassen. Bereits die ungewohnten Tempobezeichnungen machen neugierig: Auf eine ‚Chaconne’ folgt ein außergewöhnlich kurzer Satz mit der Tempo-Angabe ‚Gehetzt, phantastisch’; der folgende langsame Satz bildet das Herzstück der Sinfonie vor dem ‚wütenden’ Finale. Im Gegensatz zu manch anderem Komponisten setzt Brun seine Vorgaben aber wirklich um; Es-Dur garantiert keinen Wohlklang: Die Sinfonie ist erstaunlich dissonant und hart in der Aussage, der kurz aufflackernde zweite Satz lässt den Hörer ratlos zurück, während das Finale einem tätlichen Angriff gleichkommt. Keine Erlösung, kein ‚per aspera ad astra’ – die Sinfonie schließt unbarmherzig. Trotz aller Traditionsverbundenheit hat Brun hier ein erstaunlich modernes Werk geschaffen, das vielleicht erst in unserer Zeit richtig beurteilt werden kann; wohl völlig zu Recht hat der Komponist seine Fünfte als die problematischste seiner Sinfonien eingestuft. Deutlich entspannter wirkt schließlich die letzte Sinfonie Bruns, die aber auch alles andere als ein sinfonisches Leichtgewicht oder ein ‚heiterer Ausklang’ ist.

Mit viel Biss

Adriano hat das wieder einmal engagiert mitgehende Moskauer Orchester gut auf die Musik eingestellt; der Zugriff des Dirigenten ist ungemein packend und intensiv. Die der Musik innewohnenden Härten werden ohne Scheu herausgestellt, geglättet wird nichts. Dass Brun insbesondere an die Streicher hohe bis höchste Anforderungen stellt, ist angesichts der souveränen Leistung kaum zu hören. Beide Sinfonien kommen außerordentlich knackig und mit viel Biss daher; wie sehr der Dirigent in der Musik aufgeht, beweist das wütende Knurren während einer Generalpause kurz vor Schluss des Fünften. Die sehr direkte Aufnahme vermittelt die Intensität der Musik sehr gut, wirkt aber grundsätzlich etwas eng und nicht von bestmöglicher Natürlichkeit. Der vom Dirigenten verfasste Einführungstext ist erfreulich ausführlich und stellt einen gut lesbaren und sachkundigen Überblick über Leben und Schaffen Bruns dar. Wer an der Sinfonie im 20. Jahrhundert interessiert ist, bekommt hier zwei interessante Beiträge einer zu Unrecht kaum noch vernommenen Stimme zu hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brun, Fritz: Sinfonien Nr. 5 & 10

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
1
11.09.2008
Medium:
EAN:

CD
795754732023


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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