> > > Bononcini, Giovanni: San Nicola di Bari, Oratorium für vier Stimmen mit Concertino und Grosso
Donnerstag, 28. Januar 2021

Bononcini, Giovanni - San Nicola di Bari, Oratorium für vier Stimmen mit Concertino und Grosso

Der heilige Nikolaus als barocker Oratorienheld


Label/Verlag: Ramée
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kurzzusammenfassung: Eine gediegene Einspielung eines ansprechenden, zeittypischen barocken Oratoriums.

Giovanni Bononcinis heutige geringe Bekanntheit steht in diametralem Gegensatz zu seiner einstigen Berühmtheit – zu Lebzeiten galt er als einer der führenden Komponisten Italiens. Er entstammte einer bedeutenden Musikerfamilie und wurde an San Petronio in Bologna ausgebildet, einer zentralen Stätte der Pflege aktueller Vokal- und Instrumentalmusik. Durch den musiknärrischen Kardinal Pamphili kam Bononcini in Kontakt mit der elitären Accademia dell’Arcadia. Den Gipfelpunkt seiner Karriere bedeutete Bononcinis Wechsel in die Dienste der kaiserlichen Hofkapelle in Wien.

Ein zeittypisches italienisches Oratorium…

Das Oratorium San Nicola di Bari entstand 1693 noch in Italien. Es ist das erste barocke Oratorium, das die Lebensgeschichte des populären Heiligen Nikolaus behandelt – ein zeittypisches Werk primär betrachtenden Charakters mit einer stereotypen Abfolge von Rezitativen und Arien. In den Arien offenbart sich Bononcinis herausragende melodische Begabung. Neben Arien mit reiner Continuo-Begleitung stehen streicherbegleitete, darunter solche, in denen es zu einer Concerto-grosso-artigen Aufteilung in ein Solo-Concertino von zwei Geigen und Tutti kommt, gleich wie in einigen Arien der Oratorien von Alessandro Stradella. Der Text des Nikolaus-Oratoriums ist moralisierend und eher undramatisch, wie es sich für ein Oratorio volgare (also in italienischer Sprache im Gegensatz zum lateinischsprachigen Oratorium) des späten 17. Jahrhunderts gehört. Durch die abwechslungsreiche und affektintensive Gestaltung der Arien wird das Werk aber nie langweilig.

...in gediegener Interpretation

Für musikalische Vielfalt sorgt auch die abwechslungsreiche Besetzung des Continuo-Parts mit Erzlaute, Cembalo, Orgel, Cello, Bassvioline, Violoncello piccolo und Kontrabass. Die belgischen Musikerinnen und Musiker des Ensembles Les Muffatti bemühen sich um akzentuiertes Spiel im Sinne der historischen Aufführungspraxis. Dabei ist dem Orchester ein erfreulich hoher Standard zu bescheinigen. Die Wahl der Tempi scheint schlüssig und nie übertrieben, sondern aus der Musik heraus entwickelt.

Zeittypisch an San Nicola di Bari ist auch, dass die Hauptrollen des Nikolaus und seiner Mutter zwei Sopranen zugedacht sind, die Nebenrolle des Clizio einem Alt und nur eine einzige Rolle einer tieferen Stimmlage zugedacht ist, nämlich die des Vaters des Heiligen (Bass). Die beiden Sopranistinnen Lavinia Bertotti und Elena Cecchi Fedi verfügen über sehr ähnliche helle, beweglich geführte, aber wenig charakteristische Sopranstimmen, wie sie heute bevorzugt im Bereich der so genannten Alten Musik eingesetzt werden – mit typisch italienischen Timbres, erinnernd etwa an Roberta Invernizzi. Die Damen meistern ihre Parts sehr sicher und durchaus überzeugend. Gabriella Martelaccis Alt ist charakteristischer in der Färbung, aber auch nicht zu schwer und beweglich genug für rasche Passagen. Der Alte-Musik-erfahrene Bass Furio Zanasi vereint beeindruckende Tiefe mit erstaunlicher Flexibilität und überzeugt von den Solisten am meisten. Insgesamt sind die Leistungen des Vokalensembles aber als sehr gediegen zu bezeichnen.

Hier liegt eine erfreuliche Einspielung eines bedeutenden Werkes des barocken Oratorienrepertoires vor. Gediegenheit prägt nicht nur die musikalischen Leistungen, sondern auch den Gesamteindruck der Produktion: Cover, Booklet und CD-Box.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bononcini, Giovanni: San Nicola di Bari, Oratorium für vier Stimmen mit Concertino und Grosso

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ramée
1
01.09.2010
Medium:
EAN:

CD
4250128508063


Cover vergössern

Ramée

Das Label RAMÉE wurde im Jahre 2004 von Rainer Arndt gegründet.
In den ersten vier Jahren seiner Existenz hat sich RAMÉE bereits als eine vielbeachtete Marke am CD-Markt der Alten Musik etabliert. Etliche Veröffentlichungen des noch kleinen Katalogs haben das Lob von Fachpresse und Publikum gefunden und sind mit Preisen prämiert worden. Sechs bis acht »handverlesene« Produktionen pro Jahr des Ein-Mann-Betriebes konzentrieren sich vor allem auf selten oder noch nicht eingespielte Literatur der Alten Musik oder auf bekanntere Werke in neuen und ungewöhnlichen Interpretationen.
Dabei werden nicht nur höchste Ansprüche an die Aufnahme selbst gestellt, sondern ebenso an die graphischen und taktilen Eigenschaften der Hülle sowie an die literarische und wissenschaftliche Qualität des Textheftes: RAMÉE-CDs sollen poetische Objekte als Ganzes sein, denn das Vergnügen des Ohres ist untrennbar mit dem des Auges und der Hand verbunden. Eine Edition für anspruchsvolle Liebhaber guter Musik!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Ramée:

  • Zur Kritik... Seufzende Seele: 'Ich besinge die seufzende Seele', dieser Titel der vorliegenden CD weist schon darauf hin: Es geht um die Grenzerfahrung und Endlichkeit der menschlichen Seele und damit des ganzen Menschen. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Gelungene Transkriptionen: Dass Johann Sebastian Bachs Musik durch Bearbeitungen nicht kaputtzukriegen ist, hat sich seit Jahren herumgesprochen. Das Cellini Consort hat nun eine Version für drei Gamben erstellt – durchaus erfolgreich. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Nicht-Wiener Klassiker: Fast jeder Mozart-Zeitgenosse hat es schwer. Johann Franz Sterkel wird in den letzten Jahren stärker erkundet – mit immer wieder überzeugenden Ergebnissen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Ramée...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Franz Gratl:

blättern

Alle Kritiken von Dr. Franz Gratl...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Elegante Serenata: Hasses 'Enea in Caonia' liegt bei cpo in seiner Ersteinspielung vor: Ein handverlesenes Solisten-Quintett und ein lustvoll agierendes Orchester – das fesselt und macht große Freude. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Farbenreich: Eine wichtige Wiederauflage zum Clara-Schumann-Bizentenarium. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Liszts Lieder ohne Worte: Schubert-Liszt in einer virtuosen, aber vor allem melodischen Interpretation: Can Çakmur brilliert mit dem 'Schwanengesang', den Liszt 1840 kongenial für Klavier solo arrangiert hat. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2020) herunterladen (2399 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (1/2021) herunterladen (2400 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonio Rosetti: Violin Concerto in D Major, Murray C7 - Adagio molto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich