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Donnerstag, 2. Dezember 2021

Wagner - Régeny, Rudolf - Stücke mit Orchester

Zwischen Anspruch und Zugänglichkeit


Label/Verlag: Hastedt
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Einst war er ein gefeierter Opernkomponist, heute ist er beinahe unbekannt: Rudolf Wagner-Régeny wird hier mit sechs Orchesterwerken ins Gedächtnis gerufen.

Der heute fast völlig vergessene Rudolf Wagner-Régeny (1903 – 69) war in den 1930er Jahren einer der führenden Opernkomponisten. Sein erstes großes Werk für Musiktheater, 'Der Günstling' nach Victor Hugo, wurde nach der Dresdener Uraufführung 1935 im ganzen Land gespielt. Ähnlich vielversprechend sah es für 'Die Bürger von Calais' aus, 1939 unter Herbert von Karajans Leitung aus der Taufe gehoben. Doch die NS-Kulturpolitik warf Wagner-Régeny einen Knüppel zwischen die Beine, das Werk wurde kurzerhand abgesetzt – vermutlich war den Nazis der Stoff in ihren Kriegsplanungen nicht willkommen. Von diesem Schock konnte sich der Komponist nicht mehr erholen – zwar fehlte es ihm nach dem Zweiten Weltkrieg nicht an Ämtern und Würden, doch ein großer Wurf gelang ihm nicht mehr.

Die auf dieser CD vorgestellten Werke umfassen Vokal- und Instrumentalmusik aus den Jahren 1935 bis 1969, aufgenommen teilweise noch zu Lebzeiten Wagner-Régenys. Die Namen der vertretenen Dirigenten (Klaus Tennstedt, Kurt Masur, Kurt Sanderling) zeigen, welchen Ruf der Tondichter einst genoss, zumal in der damaligen DDR – seit 1950 war er Kompositionslehrer an der Musikhochschule in Ost-Berlin. Die sechs zu hörenden Stücke sind die 'Orchestermusik mit Klavier' (1935), die Opernsuite 'Persische Episode' (1940/50), die 'Cantica Davidi Regis' (1954), 'Einleitung und Ode' (1967), 'Acht Kommentare zu einer Weise des Guillaume de Machaut' (1967) und die 'Gesange des Abschieds' (1969) für Bariton und Orchester.

Wie bei historischen Aufnahmen kaum anders zu erwarten, ist die Klangqualität teilweise etwas dürftig. Die Defizite sind aber nicht so gravierend, dass man verzweifeln müsste. In der 'Orchestermusik mit Klavier' etwa wurde das Soloinstrument etwas zu vordergründig abgebildet, und auch Siegfried Lorenz´ Bariton in den 'Gesängen des Abschieds' sticht zu stark hervor. Musikalisch gibt es ebenfalls gewisse Schwankungen: Die Suite aus der 'Persischen Episode' etwa wird von der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin unter Tennstedt hinreißend dargeboten, Anklänge an Weills 'Dreigroschenoper' inklusive. 'Einleitung und Ode' dagegen, Wagner-Régenys letztes Orchesterwerk, erfahren unter Sanderling eine sehr stark gedehnte Interpretation, in der die (unstrittig vorhandene) elegische Seite des Werkes gnadenlos überbetont wird. Die kompositorische Flexibilität des Tondichters macht es den Musikern allerdings oft schwer: Munter mischte er Stile durcheinander, ließ sich mal von Hindemith, mal von Strawinsky inspirieren – ohne je reine Kopien zu produzieren. Was die Stücke bei aller Verschiedenheit eint, ist ihre gute Zugänglichkeit. Selbst wenn Wagner-Régeny auf mittelalterliche Musik (Machaut) zurückgriff, gelang ihm dies auf eine Weise, die den Hörer nicht überfordert. Masur und das Kammerorchester der Dresdener Philharmonie tragen das Ihre zu dem gelungenen Eindruck bei, den die 'Acht Kommentare' hinterlassen.

Meinem Empfinden nach das gelungenste Werk der CD ist die 'Orchestermusik mit Klavier', ein energiesprühendes Stück, das von der herausragenden Solistin Eleonore Wikarski souverän dargeboten wird. Die Vortragsanweisung des dritten Satzes – 'freimütig, frisch' – könnte über dem gesamten Werk stehen, das zudem durch seine Kompaktheit überzeugt. Dies gilt auch für die 'Cantica David Regis' für Bass, Chor und Orchester – die zarten Streicherklänge zu Beginn des 'Miserere' lassen einmal kurz Assoziationen an Namensvetter Richard Wagner aufkommen, dem Wagner-Régeny sonst denkbar fernstand. Beschlossen wird die abwechslungsreiche Werkschau mit den 'Gesängen des Abschieds', die ursprünglich als 'Herrmann-Hesse-Gesänge' für Bariton und Klavier entstanden und später instrumentiert wurden. Man darf hier nicht Richard Strauss´ 'Vier letzte Lieder' als Maßstab ansetzen, doch die fünf Gesänge haben durchaus ihren eigenen Reiz. Siegfried Lorenz wird vom Rundfunksinfonieorchester Leipzig unter Adolf Fritz Guhl einfühlsam begleitet.

Wer bereit ist, die erwähnten klanglichen Einschränkungen in Kauf zu nehmen, kann auf dieser CD Rudolf Wagner-Régeny als bemerkenswerten Komponisten kennenlernen, der die Balance zwischen Anspruch und Zugänglichkeit stets wahrte. Die Leistungen der Orchester und Dirigenten variieren, doch als Abwechslung im Repertoire hat diese Veröffentlichung aus der Reihe 'Musik der Zeit' dennoch Beachtung verdient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Wagner - Régeny, Rudolf: Stücke mit Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hastedt
1
15.01.2008
Medium:
EAN:

CD
691230533125


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Hastedt

Wiederentdeckung einer Musiklandschaft - Vier Jahrzehnte Musik in der DDR.

ACHTZEHN JAHRE - Hastedt - ACHTZEHN JAHRE <BR> Seit achtzehn Jahren stellt Hastedt wichtige KomponistInnen vor, die in der DDR gelebt und gearbeitet haben - mit exemplarischen Werken und in erstveröffentlichten Aufnahmen von Solisten/Orchestern aus der ehemaligen DDR. Aber auch KomponistInnen aus Berlin, Bremen, Brünn, Bukarest oder Glasgow finden Sie in unserem Programm.

Interpretenporträts von herausragenden, doch weitgehend vergessenen Künstlern aus dem vorigen Jahrhundert vervollständigen unser Programm.

Poldi Mildner (1913-2007), eine Pianistin aus der Liszt-Schule. Einen "Vulkan am Klavier" nannte Franziska Kottmann die einstündige Sendung über sie im DLF.<P>

Branka Musulin (1917-1975), die Magierin am Klavier. FONO FORUM hat ihr und der Hastedt-CD eben (02/13)einen zweiseitigen Artikel gewidmet. Neu in 2014 erschien von ihr eine Doppel-CD mit ihren schönsten Plattenaufnahmen aus den 60ern (Ravel, Franck und Chopin-Konzerte), zusammen mit den Diabelli-Variationen von Beethoven.<P>

Anja Thauer (1945-1973), die "deutsche Jacqueline du Pré", wie die Süddeutsche Zeitung sie nannte, ist mit bisher drei CDs vertreten, die alle begeisterte Kritiken ernteten. Anja Thauer war eine charismatische Musikerin, die leider viel zu früh starb. <P>  

Jenny Abel, Violine mit Roberto Szidon (1941-2011) am Klavier mit Brahms' dritter Sonate, Medtners 1. Sonate, der Violinsonate von Poulenc sowie zwei hinreißenden kleineren Werken von Messiaen und Rachmaninow werden in Rundfunkproduktionen der achziger Jahre vorgestellt. <P>

Max Rostal (1905-1991), ein legendärer Geiger in der ersten Jahrhunderthälfte - und nach seiner Rückkehr aus dem Exil ein ganz wichtiger Lehrer für eine ganze Geiger"generation". An ihn wird in exemplarischen Kammermusik-Aufnahmen aus den fünfziger Jahren erinnert. <P>

 


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