> > > Lin Jaldati singt: Lieder von Fürnberg, Eisler u.a
Freitag, 7. Oktober 2022

Lin Jaldati singt - Lieder von Fürnberg, Eisler u.a

Was die Vergangenheit gegenwärtig macht


Label/Verlag: Hastedt
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Insgesamt stellt diese CD einen wichtigen Beitrag zu einem sehr vernachlässigten Bereich der Musikgeschichte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg dar.

Vergessene Komponisten sind oft nicht zu Unrecht vergessen, manche Komponisten sind aber, und dies zählt umso schwerer, resultierend aus Unrecht vergessen. Hierzu zählen die Kompositionen von Louis Fürnberg, Mordechaj Gebirtig, deren Werke auf einer CD beim Bremer Hastedt Verlag erschienen sind. Der dritte Komponist, Hanns Eisler, ist zwar kein Unbekannter, aber auch für ihn gilt, dass viele seine Werke erst wieder entdeckt werden müssen. Auf dieser CD sind nur Aufnahmen aufgeführt, die bisher nicht im Angebot waren und dies auch noch in ausgezeichneten Interpretationen.

Die Interpretationen Lin Jaldatis zeichnen sich durch nuancenreiche, rhythmisch genaue Diktion aus, die die melodische Frische der Lieder von Louis Fürnberg kongenial nachzeichnen. Louis Fürnberg, groß geworden in einem jüdisch-tschechischen, deutschsprachigen Kulturkreis, der so viele spannende Künstlerpersönlichkeiten hervorgebracht hat, die aber fast alle im 'Dritten Reich' verfolgt wurden und nach dem Zweiten Weltkrieg, falls sie überlebten, auch nicht recht Fuß fassen konnten.

Ein besonders Highlight auf der vorliegenden CD ist sein satirisches Märchenlied ‘Courths-Mahleria’ (1934). Hörenswert auch die weiteren Lieder dieses leider heute fast gänzlich vergessenen Komponisten, wie das sarkastische Lied ‘Die Mausemutter’ (1940/41), das ironisch poetisch das Schicksal der Kriegsmütter, deren Söhne im Krieg gefallen sind, thematisiert. Das hat in der Diktion von Lin Jaldati, die die Ironie, die spröde Verzweiflung, das Nicht-Pathos dieser Lieder kongenial erfasst, überhaupt nichts Sentimentales, sondern regt zum Nachdenken an. Das macht neugierig auf die weiteren Kompositionen von Louis Fürnberg.

Überzeugend die raffinierte Umsetzung der satztechnischen und rhythmischen Metamorphosen der ‘Vier Wiegenlieder für Arbeitermütter’ nach Texten von Bertolt Brecht von Hanns Eisler. Nach diesen teilweise fröhlichen Ausflügen in die Regionen des Kabaretts gibt es auch solche Lieder aus dem Widerstand im Ghetto und den Ausblick auf die Leidenssituationen des jüdischen Volkes, wenngleich auch die schon angesprochenen scheinbar harmlosen Lieder durch die Leiden gewissermaßen imprägniert wurden.

Auch diese Lieder werden extrem intensiv und nachhaltig interpretiert. Man höre sich bloß die beiden Interpretationen von ‘s’brennt’ an, die Mordechaj Gebirtig nach Pogromen in Przytyk (1936) und Brisk (1937) schrieb. Er war eigentlich Tischler von Beruf und konnte keine Noten schreiben, seine Kompositionen wurden von Freunden aufgeschrieben Gbirig wurde bei der ersten großen ‘Aktion’ zur Liquidierung des Krakauer Ghettos am 4.Juni 1942 erschossen.

Was das Besondere dieser CD ausmacht, ist nicht die Tatsache, dass viele dieser historischen Aufnahmen – Lin Jaldati starb vor und 20 Jahren – hier zum ersten Male einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, sondern die Stimme von Lin Jaldati, die mit einer stürmischen Vitalität und mit viel Zartheit diese Lieder in jidischer Sprache singt. Das unterscheidet diese Ausnahmeinterpretin so wohltuend von vielen ihrer Kollegen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Sie wird kongenial begleiten von ihrem Lebenspartner, dem Pianisten und Musikwissenschaftler Eberhard Rebling, der im Jahre 2008 gestorben ist und als ‘Gerechter unter den Völkern’ von Yad Vaschem geeehrt wurde. Eine klangtechnisch vorzügliche authentische Aufnahme, die im wahrste Sinne so etwas evoziert, was man mit ‘Eingedenksein’ bezeichnen könnte. Ein hervorragendes Textbuch rundet den vorzüglichen Eindruck ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lin Jaldati singt: Lieder von Fürnberg, Eisler u.a

Label:
Anzahl Medien:
Hastedt
1
Medium:
EAN:

CD
691230533224


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Hastedt

Wiederentdeckung einer Musiklandschaft - Vier Jahrzehnte Musik in der DDR.

ACHTZEHN JAHRE - Hastedt - ACHTZEHN JAHRE <BR> Seit achtzehn Jahren stellt Hastedt wichtige KomponistInnen vor, die in der DDR gelebt und gearbeitet haben - mit exemplarischen Werken und in erstveröffentlichten Aufnahmen von Solisten/Orchestern aus der ehemaligen DDR. Aber auch KomponistInnen aus Berlin, Bremen, Brünn, Bukarest oder Glasgow finden Sie in unserem Programm.

Interpretenporträts von herausragenden, doch weitgehend vergessenen Künstlern aus dem vorigen Jahrhundert vervollständigen unser Programm.

Poldi Mildner (1913-2007), eine Pianistin aus der Liszt-Schule. Einen "Vulkan am Klavier" nannte Franziska Kottmann die einstündige Sendung über sie im DLF.<P>

Branka Musulin (1917-1975), die Magierin am Klavier. FONO FORUM hat ihr und der Hastedt-CD eben (02/13)einen zweiseitigen Artikel gewidmet. Neu in 2014 erschien von ihr eine Doppel-CD mit ihren schönsten Plattenaufnahmen aus den 60ern (Ravel, Franck und Chopin-Konzerte), zusammen mit den Diabelli-Variationen von Beethoven.<P>

Anja Thauer (1945-1973), die "deutsche Jacqueline du Pré", wie die Süddeutsche Zeitung sie nannte, ist mit bisher drei CDs vertreten, die alle begeisterte Kritiken ernteten. Anja Thauer war eine charismatische Musikerin, die leider viel zu früh starb. <P>  

Jenny Abel, Violine mit Roberto Szidon (1941-2011) am Klavier mit Brahms' dritter Sonate, Medtners 1. Sonate, der Violinsonate von Poulenc sowie zwei hinreißenden kleineren Werken von Messiaen und Rachmaninow werden in Rundfunkproduktionen der achziger Jahre vorgestellt. <P>

Max Rostal (1905-1991), ein legendärer Geiger in der ersten Jahrhunderthälfte - und nach seiner Rückkehr aus dem Exil ein ganz wichtiger Lehrer für eine ganze Geiger"generation". An ihn wird in exemplarischen Kammermusik-Aufnahmen aus den fünfziger Jahren erinnert. <P>

 


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