> > > Martinu, Bohuslav: Sämtliche Werke für Violine und Klavier
Sonntag, 29. Mai 2022

Martinu, Bohuslav - Sämtliche Werke für Violine und Klavier

Vielfältig, aufregend, punktgenau


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bohuslav Matousek und Petr Adamec spielen die Musik für Violine und Klavier von Bohuslav Martinu.

Einen Zeitraum von mehr als 35 Jahren – von den ersten Versuchen des 19-Jährigen in der ‚Elegie’ (H 3, 1909) bis hin zum feinen Spätstil der ‚Tschechischen Rhapsodie’ (H 308, 1945) reichend – deckt Bohuslav Martinus Schaffen für die Besetzung Violine und Klavier ab. Hier spiegelt sich im Kleinen die stilistische Bandbreite seiner Arbeit, hier zeichnen sich aber auch die Ansprüche ab, mit denen der Komponist seine Werke an unterschiedliche Zielgruppen richtete. Die vorliegende 4-CD-Box von Supraphon mit dem Martinu-erprobten Geiger Bohuslav Matousek und dem Pianisten Petr Adamec, obgleich nichts anderes als eine Wiederveröffentlichung von Aufnahmen aus den Jahren 1996 bis 1998, ist auf dem Plattenmarkt ohne wirkliche Konkurrenz und unterstreicht nachdrücklich, dass man Martinu als Schöpfer von Kammermusik viel mehr Aufmerksamkeit schenken sollte.

Matousek und Adamec verstehen es, die vielen Facetten der einzelnen Kompositionen ins rechte Licht zu rücken, so etwa den modalen oder hochchromatischen Duktus der frühen Kompositionen, den im Spiel mit rhythmischen und metrischen Vertracktheiten sich abzeichnenden Einfluss des Jazz, die Polyphonie einer an neoklassizistischen Ideen orientierten Musik oder die rhapsodischen Elemente, die in den späteren Werken zu finden sind. Die Art, wie sie dabei den divergierenden musikalischen Ansprüchen nachlauschen, macht die Aufnahme besonders hörenswert. Da ist zunächst einmal der im Zusammenspiel tadellose Zugriff auf Martinus ungemein spannende und stilistisch höchst unterschiedliche Sonaten mit Nummerierung: Das brillante Zusammenspiel macht die originelle, mit Violinkadenzen ebenso wie mit Blues- und Jazzelementen angereicherte Sonate Nr. 1 (H 182, 1929) ebenso zu einem musikalischen Mittelpunkt der Box wie die elegant dargebotene Sonate Nr. 2 (H 208, 1931) und die reife, vor allem im Scherzo atemberaubend musizierte Sonate Nr. 3 (H 303, 1944).

Dann ist da aber auch die prägnante Wiedergabe der eher pädagogisch motivierten oder an den musizierenden Dilettanten gerichteten Musik, wie der für Albert Einstein komponierten ‚Fünf Madrigalstanzen’ (H 297, 1943). Vor allem die als ‚Sieben Arabesken’ (H 201a, 1931) betitelten Studien sowie die ‚Rhythmischen Etüden’ (H 202, 1931) sind punktgenau interpretiert. Mit erstaunlicher rhythmischer Präzision setzen Matousek und Adamic diese Miniaturen um, die sich auf kurzweilige Art den rhythmischen und metrischen Problemen der damaligen zeitgenössischen Musik widmen und dadurch auch ein höchst lebendiges Beispiel für wirklich geistvolle Studienwerke bilden. Die auf die Bedürfnisse von Schülern abgestimmte Sonatine G-Dur (H 262, 1937) ist schlicht musiziert, zeigt aber dennoch, wie stark diese strukturell einfache Musik wirken kann. Allerdings fällt gerade hier auf, dass die Musiker die Dynamik – und damit wichtige Möglichkeiten zur Gestaltung – nicht so recht ausloten. Damit ist eines der Probleme angesprochen, das auch an anderen Stellen gelegentlich aufblitzt: Manchmal könnte die Musik dynamisch stärker profiliert sein, denn die Notentexte geben mehr her. Gerade Matousek wirkt manchmal im Vortrag ein wenig zu bedächtig.

Hinzu kommt, dass er im einen oder anderen Fall auch etwa zu wenig Flexibilität an den Tag legt. So gibt sich das Duo zwar redlich Mühe, die etwas sperrigen frühen Sonaten ohne Nummerierung (C-Dur, H 120, 1919; d-Moll, H 152, 1926) – zum Umkreis all jener Werke gehörend, die Martinu nicht zur Veröffentlichung vorgesehen hatte – wiederzugeben. Doch könnte der Vortrag des Geigers beispielsweise im Mittelsatz aus der d-Moll-Sonate in Bezug auf die Tongebung und Vibratomodulation durchaus wandlungsfähiger sein. Angesichts der Gestaltungskraft, die er etwa in Werken wie der dritten Sonate an den Tag legt, wirkt diese – vielleicht bewusste? – Beschränkung hier etwas deplaziert. Als weiteres Problem erweist sich schließlich die wechselnde Aufnahmequalität der einzelnen Werke, die – wohl aufgrund abweichender Mikrofonierung –sich vor allem in Bezug auf den Klavierpart feststellen lässt, wirkt er doch in einigen Werken zugleich präsenter (weil lauter) und verhallter, so etwa im ‚Impromptu’ (H 166, 1927). Das ändert aber nichts daran, dass diese CD-Box eine sehr empfehlenswerte Sammlung mit aufregender Kammermusik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts enthält.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Martinu, Bohuslav: Sämtliche Werke für Violine und Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
4
19.09.2008
Medium:
EAN:

CD
099925395025


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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