> > > Martinu, Bohuslav: Cellosonate Nr. 3 H. 340
Samstag, 28. Mai 2022

Martinu, Bohuslav - Cellosonate Nr. 3 H. 340

Regentag con fuoco


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das junge tschechische Duo Tomáš Jamník und Ivo Kahánek hat eine runde, intensive CD mit Cellosonaten vorgelegt, die Lust am Hören und Lust auf Mehr erzeugt.

Ein graues Cover mit dunkelgrauer Schrift, auf dem ein graues Flussfrachtschiff abgebildet ist, das aussieht als wäre es im Begriff, im grauem Flusswasser zu versinken, wobei es keinen Zeugen hätte, als die graue Brücke im Hintergrund. Im Booklet graue Seiten, Photos mit grauem Himmel und Graustich. Alles etwas regnerisch. Aber die CD selbst spiegelt gewohnt silbrig und bunt, und enthält Musik, die zwar das viele Grau nachvollziehbar macht, deren harte Melancholie aber auch mit einigem con fuoco aufbegehrt. Diese im ersten Augenschein etwas trist aufgemachte CD versammelt tschechische Kompositionen aus den 50er-Jahren des gerade vergangenen Jahrhunderts, und dabei allerdings zwei Generationen von Komponisten. Neben der dritten Cellosonate von Bohuslav Martinù (1890-1959) aus dem Jahr 1952 und einem Variationsstück aus dem Todesjahr des Komponisten, stehen die ‘Suita balladica’ (1955) von Petr Eben (1929-2007) und die Cellosonate von Luboš Sluka, entstanden 1956. Mit Luboš Sluka, Jahrgang 1928, spannt sich ein Bogen bis zu den lebenden Zeitgenossen, und die Konzentration auf ein Jahrzehnt erschließt ein ganzes Jahrhundert tschechischer Celloliteratur.

Die Zusammenballung öffnet sich noch stärker in die Gegenwart durch die beiden (ebenfalls tschechischen) Musiker, den Cellisten Tomáš Jamník und den Pianisten Ivo Kahánek. Die beiden bereits hochdekorierten Musiker sind erst Anfang Zwanzig, aber legen mit dieser CD bereits ihre zweite gemeinsame Produktion vor. Ebenfalls beim Label Supraphon erschien letztes Jahr eine Einspielung des Duos mit Werken von Janáèek, Kabeláè und Martinù. Hier bahnt sich also ein zugleich junger und intensiv spezialisierter Zugriff an.

Allen eingespielten Werken gemeinsam ist der anspielungsreiche Zugriff auf das Volksliedgut der Region. In diesen kantilenenreichen Gefilden sind Jamník und Kahánek ebenso trittfest und ausdrucksstark wie im Bereich der harschen, kühl eindrucksvollen Gesten, wie man sie aus der Musik der 50er-Jahre kennt, die weiter östlich oder weiter westlich entstanden ist. Insgesamt begeistert die grandiose dynamische Spannweite, die das Duo auslotet, die Lust am Ausreizen in alle Extreme, ohne der Überreizung und Überhitzung zu erliegen. Nicht nur im Kraftvollen, ‘Lauten’, auch im Leisen und gleichsam Horchenden liegen hier eindrückliche Momente. So etwa im zweiten Satz der Martinù-Sonate, in der sich das Spiel immer wieder an einen Nullpunkt von Lautstärke und Rhythmus annähert, und dort eine Spannung aufnimmt, die zurück in den ‘Normalbereich’ führt.

Wie wunderbar klar und farbenreich Kahánek das Klavier spielt, das kann er etwa in einem langen Solo im dritten Satz der Martinù-Sonate zeigen. Wie er hier verschiedene Stimmen in ihren Wechselreden, Unterbrechungen, Zustimmungen und Ablehnungen voneinander absondert und durchsichtig gegliedert in den Raum stellt, hat bereits etwas altmeisterlich Souveränes. Und nicht zuletzt an ebenjener Stelle, beim erneuten Einsatz des Cellos, eröffnet Jamník, dass hier nicht nur zwei für sich genommen exzellente junge Musiker am Werk sind, sondern auch ein zusammengewachsenes Duo. Um den Schneid, den sie etwa dem zweitem Satz von Ebens ‘Suita balladica’, einer Mazurka, mitgeben, dürfte sie manch älterer Kollege beneiden. Zwar kann Jamník noch nicht die Abgeklärtheit und vollständige Verfügungsgewalt auf seinem Instrument entfalten wie Kahánek, aber das ist nur um ein Weniges. Sein expressives Spiel wird klanglich nur in der Höhe etwas dünn und schneidend, und in einigen Sätzen kann er nicht ganz auf Augenhöhe auf die süffisant biegsame Beweglichkeit des Klavierparts antworten. Aber das schmälert, wie gesagt, nicht das Frühwerksverdienst dieser beiden Musiker: Ein Duo, das uns hoffentlich noch viele Sonaten einspielen wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Martinu, Bohuslav: Cellosonate Nr. 3 H. 340

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
19.09.2008
Medium:
EAN:

CD
099925394721


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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