> > > Sciarrino, Salvatore: Orchesterwerke
Mittwoch, 13. November 2019

Sciarrino, Salvatore - Orchesterwerke

Acht Blicke auf Sciarrino


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kairos bringt eine spannende CD-Box auf den Markt, die anhand von acht Werken die Entwicklung des Komponisten Salvatore Sciarrinos über 30 Jahre hinweg dokumentiert.

Zweifellos hängen die sich derzeit häufenden Tonträger-Veröffentlichungen zu Salvatore Sciarrino mit dem sechzigsten Geburtstag des Italieners im vergangenen Jahr zusammen. Zum dritten Mal erscheint nun innerhalb kürzester Zeit eine neue Produktion, diesmal unter Regie des österreichischen Labels Kairos. Hier hat man sich beachtlich ins Zeug gelegt und wartet gleich mit einer Dreierbox auf, bei der es sich um die beste und umfassendste Sciarrino-Edition handeln dürfte, die derzeit überhaupt erhältlich ist. Denn sie vermittelt dem Hörer anhand von acht Kompositionen, die zum größten Teil noch nie zuvor auf Tonträgern veröffentlicht wurden, Einblicke in das Schaffen für Orchester aus dem Zeitraum von 1974 bis 2005. Dadurch werden die Konstanten ebenso wie die Wandlungen von Sciarrinos eigenwilligem Kompositionsstil über die Jahre hinweg deutlich.

Erinnerungssplitter

Maßgebliche Kraft bei dieser Unternehmung ist das Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI unter Leitung von Tito Ceccherini, in einigen Kompositionen verstärkt durch den Einsatz der Solisten Franceso Dillon (Violoncello), Marco Rogliano (Violine), Mario Caroli (Flöte), Daniele Pollini (Klavier) und Moni Ovadia (Sprecher). Ceccherini, der sich mit zeitgenössischer Musik bestens auskennt und in den vergangenen Jahren einige Uraufführungen von Werken Sciarrinos leiten konnte, beweist auf jeden Fall eine glückliche Hand für die originelle Musik seines Landsmannes, denn er weiß ihr faszinierend kalkulierte Klänge zu entlocken und diese – seien sie auch noch so leise und unscheinbar – zu starken Wirkungen zu bündeln.

Exemplarisch hierfür sind etwa die in dynamischen Wellen und verschiedenen Dichtezuständen verlaufenden ‚Variazioni` für Violoncello und Orchester (1974), in denen die subtil von Francesco Dillon erzeugten Klangfarben des Solocellos immer wieder von den orchestralen Klangwolken eingetrübt werden. Gelungen ist aber auch das gleichermaßen den Geiger Marco Rogliano wie die Orchestermusiker betreffende Changieren zwischen ungemein sinnlichem Wohlklang und dahinhuschenden Klangschatten in ‚Allegoria della notte’ für Violine und Orchester (1985) – ein Kontrast, den Sciarrino dadurch erzeugt, dass er Erinnerungssplitter aus dem Kopfsatz von Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll op. 64 mit ihrer romantischen Ausdruckskraft in seine eigene musikalische Sprache versenkt, so dass nur noch gelegentlich deren Umrisse hörbar werden.

Stärken und Schwächen

Die übrigen Werke mit Instrumentalsolisten – ‚Frammento e Adagio’ für Flöte und Orchester (1991) und ‚Recitativo oscuro’ für Klavier und Orchester (1999) – überzeugen durch die Gestaltung der wiederum ganz anderen Klangdramaturgien und zeigen dadurch auch, auf welch unterschiedliche Weise Sciarrino das Problem des Miteinanders von Solist und Orchesterapparat jeweils gelöst hat. Eine gewisse Sonderstellung nimmt allerdings die Komposition ‚Morte di Borromini’ für Sprecher und Orchester (1988) ein, da hier die psychische Grenzsituation vor einem Selbstmord, von Moni Ovadia in fast sachlichem Tonfall an einigen Stellen des Stückes erzählt, im Mittelpunkt steht. Toll ist es, wie Ceccherini das relativ statische Material Sciarrinos immer neu ausleuchtet und dabei eine immense Spannung aufbaut.

Die reinen Orchesterkompositionen ‚I fuochi oltre la ragione’ (1997), ‚Il suono e il tacere’ (2004) und ‚Shadow of sound’ (2005) lassen vielleicht am deutlichsten die Schwächen der Umsetzung erkennen. Denn obgleich die Musiker die Gestaltungsspielräume nachvollziehen, die ihnen der Dirigent vorgibt, schleichen sich immer wieder auch Probleme mit der technischen Bewältigung des Komponierten ein, lässt sich – insbesondere in ‚Shadow of sounds’ und ‚Il souno e il tacere’ – der Mangel an Präzision des Zusammenspiel beim Vortrag der gestischen, an barocke Figuren gemahnenden Melodielinien nicht verbergen. Das ändert aber nichts an der faszinierenden Gesamterscheinung, die Ceccherini den Werken zu geben vermag, und zwar sowohl in der feinen Klanglichkeit von ‚I fuochi oltre la ragione’, wo die außerordentlich klar gezeichneten Texturen stellenweise von unerbittlich starren Rhythmusimpulsen durchzogen sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Sciarrino, Salvatore: Orchesterwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
3
19.09.2008
Medium:
EAN:

CD
9120010281372


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Von Prof. Dr. Stefan Drees zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Selbstbezügliches Geschichtenerzählen: Eine Produktion von Winter & Winter präsentiert den italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino als musikalischen Geschichtenerzähler. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 20.08.2008)
  • Zur Kritik... Faszinierende Neueinspielung: Bei col legno erscheint eine Neueinspielung von Salvatore Sciarrinos Musiktheater ?Lohengrin?, flankiert von zwei sehr unterschiedlichen Instrumentalkompositionen. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 25.08.2008)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Das Liszt-Problem: Boris Giltburgs Diskographie weist ihn als Experte der romantischen Pianistik aus. Mit Liszts 'Transzendentaletüden' ergänzt er sein Repertoire nun um einen wichtigen Baustein. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
  • Zur Kritik... Europäische Zusammenarbeit: Eine vorbildliche Kooperation bei der orchestralen Erkundung der Musik eines vergessenen jüdischen Meisters. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Der Botschaft verschrieben: Komponistenschicksale in Töne gemeißelt, davon künden die Cellokonzerte von Schostakowitsch und Weinberg. Genau das fördern Nicolas Altstaedt und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin in ihrer großartigen Interpretation zu Tage. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Ernest Bloch: Symphony for Cello & Orchestra - Maestoso

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich