> > > Messiaen, Olivier: Éclairs sur l´Au - Delá
Mittwoch, 17. Juli 2019

Messiaen, Olivier - Éclairs sur l´Au - Delá

Von der Unendlichkeit des Seins


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit einem musikalisch wie klanglich überzeugenden Konzertmitschnitt von Olivier Messiaens ?Éclairs sur l?Au-Delà? erhält der Hörer eine lohnende Gelegenheit, tief in die musikalischen und geistigen Welten des Komponisten einzutauchen.

Mit Olivier Messiaen gedenkt die Musikwelt in diesem Jahr eines Komponisten, dessen Rezeption facettenreicher nicht sein könnte: einer der großen Neuerer des zwanzigsten Jahrhunderts, der doch schon zu Lebzeiten ein Klassiker war. Ein Impulsgeber musikalischer Strömungen, und doch ein Außenseiter, dessen gedanklichen Konzeptionen meist auf Unverständnis stoßen mussten. Anlässlich seines hundertsten Geburtstags erscheint nun bei Kairos eine Aufnahme von Messiaens letztem Orchesterwerk, dem großen Zyklus ‘Éclairs sur l’Au-Delà…’, ein Konzertmitschnitt der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Ingo Metzmacher.

Die ‘Streiflichter über das Jenseits’ thematisieren in elf Sätzen die Unendlichkeit des Seins und der Herrlichkeit Gottes. Meditationen über das, was danach kommt, über das Unaussprechliche, die Aufhebung der Zeit. Neben der Farbigkeit der Musik und des Lebens ist es immer die wieder die Zeit, die Messiaen in seiner Musik auf unterschiedliche Weise musikalisiert. Das irdische Zeitempfinden müsse man außer Acht lassen und sich den kosmischen Dimensionen dieser Musik der Verheißung überantworten, so die ganz persönliche Höranleitung von Ingo Metzmacher.

‘Zwei kindliche Sterne, die sich dem Unendlichen öffnen’, nennt die Dichterin Cecile Sauvage, die Mutter Messiaens, in einem Gedichtband die Augen ihres ungeborenen Sohnes. Und wirklich ist es das Unendliche, dem Messiaen in seinem ganzen Schaffen ein Denkmal setzt, vom ‘Quatuor pour la Fin du Temps’ – dem Quartett für das Ende der Zeit – bis zum letzten Satz der ‘Éclairs’, in dem die Zeit aufgehoben wird: ‘Le Christ, lumière du Paradis’, ein Satz, der der Vollendung des irdischen Seins gilt, dem Ende der Zeit.

Dieser überirdischen, kosmischen Zeitdimension steht das irdische Gotteslob gegenüber: die Vogelstimmen, Hindu-Rhythmen, Messiaens eigene rhythmische Techniken. Wie ein Großteil von Messiaens Spätwerk sind auch die ‘Éclairs sur l’Au-Delà…’ eine Zusammenfassung seiner musikalischen Sprache, eine Synthese seiner Beschäftigung mit dem Rhythmus der Welt. Immer wieder ertönen die unterschiedlichsten Vogelgesänge, die sich, wie bereits in der Oper ‘Saint-Francois d’Assise’ jedem festen Zeitmaß entziehen und in freien Tempi übereinander geschichtet werden. So bringt der Satz ‘Plusiers Oiseaux des arbres de Vie’ insgesamt fünfundzwanzig verschiedene Vogelstimmen aus der ganzen Welt zu Gehör.

Den Wiener Philharmonikern gelingt unter der Leitung von Ingo Metzmacher eine wunderbare Interpretation, die geglückte Verbindung von gewachsener Klangkultur und präziser rhythmischer Durchsichtigkeit. Im Orchestertutti strahlen glitzernde Klangmassen, die Streicherkantilenen atmen in großen Bögen, die Bläsersätze sind ungemein homogen und von einer natürlichen, beinah singenden Virtuosität. Dabei geht nie eine gewisse französische Leichtigkeit verloren, besonders überzeugend im achten Satz, ‘Les Étoiles et la Gloire’, der trotz seiner schier unüberschaubaren Materialfülle wie aus einem Guß gelingt.

Ingo Metzmacher beschränkt sich nicht auf souveräne Koordination, sondern flößt der Aufnahme jenen Esprit ein, der zwischen irdischer und göttlicher Zeit vermittelt: klingendes Lob des Diesseits und des Jenseits.

Mit diesem auch klanglich überzeugenden Konzertmitschnitt erhält der Hörer eine lohnende Gelegenheit, tief in die musikalischen und geistigen Welten Olivier Messiaens einzutauchen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Messiaen, Olivier: Éclairs sur l´Au - Delá

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
19.09.2008
Medium:
EAN:

CD
9120010281310


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Von Paul Hübner zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Musik aus Andalusien: Das Orquestra Baroca Sevilla bringt eine CD mit Trauermusik aus dem Andalusien des 18. Jahrhunderts heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Les Rarissimes de Gina Bachauer: Die griechische Pianistin Gina Bachauer hätte eine vertiefte diskografische Erkundung verdient. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Klingende Jahreszeiten: Dmitri Kitajenko gibt mit der Zagreber Philharmonie eine Lehrstunde in musikalischer Poesie. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Peter Tschaikowsky: String Quartet No.2 op.22 in F major - Adagio - Moderato assai

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich