> > > Schubert, Franz: The Auryn Series Vol. VIII
Montag, 25. Oktober 2021

Schubert, Franz - The Auryn Series Vol. VIII

Ein Meister des Unerwarteten


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine gemeinsame Ausdrucksintention ist spürbar.

Anstatt sich hier an der doch recht müßigen Frage zu verzetteln, ob und inwiefern in dieser späten Komposition Schuberts eine Todesahnung bereits spürbar sein könnte, soll hier der Blick einmal kurz auf die Frage der ungewöhnlichen Besetzung und auf Schuberts kompositorisches Zeitgefühl gelenkt werden.

Schuberts Zeitempfinden war immer etwas ‚für-sich-stehend‘, doch bei einigen seiner späten Kompositionen (etwa auch den späten Klaviersonaten) scheint sich diese Dimension etwas zu verselbständigen. Selbst ein zutiefst seriöser Interpret und ausgemachter Schubert-Apologet wie Alfred Brendel fühlte sich angesichts dieser epischen Tendenzen zu der Aussage hingerissen, man solle doch als Interpret - auch aus Rücksicht auf das Publikum - ruhig auf die ein oder andere Wiederholung bei Schubert verzichten. Brendel steht keinesweg alleine da mit seinem Plädoyer für ein abgekürztes Geschehen. Eine Entwicklung im Sinne Beethovens findet ja schließlich auch nicht statt, wozu also diese epischen Weiten und Breiten?

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Schubert sich hier für eine Besetzung entschieden hat, die seit Boccherini weitgehend aus dem Blickfeld der Komponisten verschwunden war: das Quintett mit zwei Celli anstelle zweier Bratschen. Der Unterschied ist keineswegs eine Kleinigkeit, denn nun gibt es nicht nur ein Cello, das für die harmonischen Fundamente und eine gewisse Stabilität sorgt, sondern auch eines, was von diesen Fragen unbelastet am melodischen Geschehen ungehemmt teilnehmen kann.

Schubert hat in diesem Quintett eine Vorliebe für melodische Paarläufe: Da verbündet sich mal die erste Geige mit einem Cello oder die zweite Geige mit der Bratsche, und dann wieder machen zweite Geige und ein Cello melodisch gemeinsame Sache (was mit einem Cello allein so natürlich nicht möglich wäre). Da findet jedoch keineswegs immer eine bedeutende thematische Entwicklung statt: Es ist vielmehr so, dass durch die verschiedenen Kombinationen verschiedene Klangfarben entstehen, oder besser gesagt: Klangebenen, die Schubert variiert und als Kontraste gegenüberstellt. Das ist ein ziemlich bedeutender Faktor bei dieser Komposition, und die Art und Weise, wie Schubert seine musikalischen Themen in immer wieder neuen Färbungen vorstellt, macht einen Großteil der Stärke dieses Quintetts aus.

Das Auryn-Quartett (hier verstärkt durch den Cellisten Christian Poltéra) ist sich dieser Tatsache offenkundig bewusst, doch liegt der Schwerpunkt hier vor allem auf Phrasierungsfragen und der Gestaltung des dynamischen Geschehens, und zwar so ausgeprägt, dass man zu Beginn befürchten muss, das vehemente ‚espressivo‘ könne sich schnell abnutzen, eine Befürchtung, die sich dann allerdings als unbegründet erweist. Die Stärke der Einspielung liegt vielleicht darin, dass eine gemeinsame Ausdrucksintention spürbar wird, ohne dass die Individuen dabei insgesamt allzu geglättet und angepasst zu erscheinen. Man weiß natürlich nicht, was im Einarbeitunsprozess vonstatten gegangen ist, doch hat man im Resultat nicht den Eindruck, dass sich jemand auf Kosten der anderen oder des Stückes partout in den Vordergrund drängeln möchte oder zu passiv ist. Auch Poltéra als Gast wirkt überhaupt nicht wie ein Fremdkörper im seit vielen Jahren aufeinander eingespielten Quartett, und die Intonation aller wurde vom Solistischen zurückgeschraubt und den kammermusikalischen Bedingungen optimal angepasst.

Ob man die vorhin angesprochenen Klangebenen und die durch Stimmallianzen entstehenden Färbungen nicht doch ein wenig stärker herausstellen könnte, ist allerdings die große Frage. Man kann darauf keine ‚endgültige‘ Antwort geben, weil es sich nicht um einen eigentlichen Interpretationsfehler handelt, sich so zu entscheiden wie das Auryn-‘Quintett‘ - in diesem Fall geht es lediglich um eine Geschmacksfrage. Allerdings müssten bei einer stärkeren Konzentration auf Klangblöcke viele wichtige Phrasierungsdetails (auch Dinge, die Schubert gezielt vorgeschrieben hat) vielleicht nicht gerade geopfert, aber doch sehr in den Hintergrund treten.

Es spricht aber einiges dafür, dass diese Klangebenen zu dieser Zeit für Schubert von eminenter Wichtigkeit waren, und zwar besonders im Zusammenhang mit seiner Vorliebe für unerwartete Harmoniewechsel. Zum Glück wird das Wechseln in überraschende harmonische Sphären in dieser Einspielung nicht aufwendig (etwa in dynamischer Hinsicht) vorbereitet. Man hört das sonst oft sehr theatralisch, doch wirkt das dann meist so, als ob jemand laut ankündigen würde, dass man im nächsten Augenblick erschreckt werden wird: Das kann dann einfach nicht mehr funktionieren. Schubert war zwar kein Meister im Erschrecken, wohl im Unerwarteten, und die plötzlichen Verschiebungen hinsichtlich seiner harmonischen Plattentektonik können ihre Wirkung eben nur entfalten, wenn man nicht unbedingt damit rechnet (es muss zu Schuberts Zeit entweder reichlich unbedarft oder aber ziemlich dreist gewirkt haben). In dieser Einspielung ist eher die ausgesprochen seltene Tendenz spürbar, dass die harmonischen Verschiebungen vielleicht sogar einen Tick zu beiläufig passieren, manchmal gehen sie fast unter im Phrasierungsgeschehen, was dann wiederum auch ein wenig schade ist.

Der Eindruck, dass bei dieser Interpretation insgesamt Phrasierungsfragen und die melodischen Verläufe vorrangig vor den harmonischen und klanglichen Aspekten betrachtet wurden, wird zum Teil auch durch den eher rauen, ungeglätteten Klang des interpretierenden Quintetts suggeriert (was nicht von Nachteil sein muss). Dies scheint nicht zuletzt allerdings auch an den nicht ganz homogen zusammenklingenden Instrumenten zu liegen und nicht ausschließlich auf Interpretationsentscheidungen zurückzugehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Annette Lamberty,


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    Schubert, Franz: The Auryn Series Vol. VIII

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Veröffentlichung:
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Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Tacet
1
15.09.2001
0:52:53
2001
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
4009850011002
TACET 110

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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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