> > > Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 4 G-Dur
Donnerstag, 20. Februar 2020

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 4 G-Dur

Transparente Vierte


Label/Verlag: Octavia
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gute Aufnahme der Vierten von Mahler. Das Prager Orchester überzeugt durch natürliche Musizierlust, die Aufnahme ist transparent und plastisch, lediglich die Solo-Violine sticht zu sehr heraus.

Die vierte Sinfonie von Gustav Mahler (1860-1911) bildet den Schlusspunkt der sogenannten ‚Wunderhorn-Sinfonien’. Die Entstehung hat eine längere Geschichte: Das 1892 komponierte Lied ‚Das irdische Leben’, das nicht in die Wunderhorn-Lieder aufgenommen wurde, sollte ursprünglich als letzter Satz der – ohnehin schon überlangen – dritten Sinfonie fungieren, fand seine Bestimmung aber schließlich als Zielpunkt einer neuen Sinfonie: der 1901 uraufgeführten Vierten. Die naive Stimmung des Lieds hat auf die Tonsprache der gesamten Sinfonie abgefärbt: das Werk ist in lichten Farben gehalten, dramatische Zuspitzungen oder wüste Klangballungen finden sich nicht. Der Verzicht auf Posaunen und eine für Mahler-Verhältnisse ungewöhnlich klein besetzte Schlagwerkbatterie sind bereits äußere Indizien für diese Leichtigkeit. Diese Charakteristik erhebt die Sinfonie zugleich in die Rolle eines heiteren Intermezzos im gesamten sinfonischen Schaffen Mahlers; dass im ersten Satz die Trompetenfanfare des Beginns der Fünften anklingt, schafft dann auch bereits eine Verbindung zu den rein instrumentalen mittleren Sinfonien.

Natürlich und ungezwungen

Das japanische Label Exton hat – neben Bruckner, Sibelius und Dvorák – auch einen Mahler-Zyklus in Arbeit, von dem bereits Einspielungen der dritten, fünften und sechsten Sinfonie erschienen sind. In allen Fällen musiziert das von Zdenek Mácal geleitete Tschechische Philharmonische Orchester; die im Prager Rudolfinum aus einem Live-Mitschnitt aus dem Jahre 2006 hervorgegangene Aufnahme liegt im SACD-Format vor. Das tschechische Orchester gefällt von Beginn an durch seine gleichermaßen engagiert wie gänzlich ungezwungen und natürlich wirkende Musizierlust, welche die Musik in warmem und vollem Klang zum Atmen bringt. Kleinere Unstimmigkeiten im Zusammenspiel sind auf die Live-Situation zurückzuführend und beeinträchtigen den Musikgenuss in keiner Weise. Mácal arbeitet zudem zahlreiche Details liebevoll heraus, ohne der Musik Gewalt anzutun oder sie gar ‚gegen den Strich zu bürsten’. Die zahlreich vorhandenen kontrapunktisch verwobenen Stimmen werden gleichwertig behandelt und sind akustisch stets gut zu trennen. Das betrifft auch die nie untergehende Stimme der Sopranistin Michaela Kaune, deren schlanke und junge Stimme der geforderten Stimmung bestens gerecht wird; lediglich in der Höhe wirkt ihr Organ etwas eng.

Eine Violine gegen den Rest der Welt

An der großen Transparenz hat natürlich auch die herausragende Aufnahmetechnik enormen Anteil, die sich durch unverfälschten und tiefenscharfen Klang auszeichnet. Im Mehrkanalmodus entfaltet sie zudem ein deutliches Mehr an Plastizität; nur wenige Huster stören den Musikgenuss. Einen Kritikpunkt gibt es jedoch: Offenbar hat man die Aufnahme im Studio in der Balance nachgearbeitet, um eine möglichst große Durchhörbarkeit zu gewährleisten. Das ist nach meinem Geschmack prinzipiell in Ordnung, darf aber die authentische Konzertsituation nicht so sehr verfälschen, dass die Manipulation unüberhörbar wird. Das ist im vorliegenden Falle leider bei der – zum Glück nur gelegentlich eingesetzten – Solo-Violine geschehen, bei der das richtige Maß doch recht deutlich verfehlt wurde. Diese unrealistische klangliche Dominanz führt auch zu eigenartigen Effekten: Mahler wusste natürlich, wie gut (bzw. schlecht) sich eine einzelne Violine gegen ein ganzes Orchester durchsetzen kann und hat die dynamischen Vorschriften entsprechend angepasst. Die fff-Pizzicati der Solo-Violine im ersten Satz sind, um ein Beispiel zu nennen, nun schlicht und einfach viel zu penetrant. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass die Sopranistin diese Sonderbehandlung nicht ansatzweise genießt, hier ist die klangliche Authentizität voll gewahrt. Die japanische Textbeilage enthält – wie bei Exton üblich – eine separate Einlage mit einer englischen Übersetzung der kompakten Einführung sowie den Liedtext im deutschen Original ebenso wie in englischer Übersetzung. Das Liedtext-Original findet sich jedoch auch im japanischen Teil; dafür vermisst man Angaben zu den Interpreten. Unterm Strich handelt es sich hier um eine wirklich gute Einspielung der vierten Sinfonie Mahlers, die aus musikalischer wie klangtechnischer Sicht einiges zu bieten hat. Schade, dass wegen der beschriebenen Besonderheit der Aufnahme ein fader Nachgeschmack bleibt, der leicht zu vermeiden gewesen wäre.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 4 G-Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Octavia
1
25.07.2008
Medium:
EAN:

SACD
5425008376578


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Octavia

EXTON & TRITON sind zwei audiophile Reihen von Octavia Records aus Japan, die sich vornehmlich auf europäische Sinfonik, Klaviermusik und Kammermusik spezialisiert haben.

Die Zusammenarbeit mit so bedeutenden Orchestern wie Sydney Symphony, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Pittsburgh Symphony Orchestra, Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und so berühmten Dirigenten und Künstlern wie Vladimir Ashkenazy, Manfred Honeck, Sakari Oramo, Pascal Rogé, Jaap van Zweden u.v.a. zeugen von derem hohen Anspruch.


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