> > > Sibelius, Jean: Sinfonien Nr. 6 & 7
Montag, 24. Februar 2020

Sibelius, Jean - Sinfonien Nr. 6 & 7

Ashkenazys zweiter Sibelius-Zyklus


Label/Verlag: Octavia
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die zweite Auseinandersetzung Vladimir Ashkenazys mit den Sibelius-Sinfonien findet hier ihren Abschluss. Interpretatorisch ähnlich wie der frühere Zyklus, klangtechnisch nicht brillant genug.

Im Zusammenhang mit Sibelius ist der Name Vladimir Ashkenazys kein unbekannter: Bereits in den 1980er Jahren hat er mit dem Philharmonia Orchestra sämtliche Sinfonien des wohl bedeutendsten finnischen Komponisten eingespielt. Etwa zwanzig Jahre später kehrt er noch einmal zu dem hierzulande leider nach wie vor abfällig belächelten Sinfoniker zurück und hat nun mit dem Stockholmer Royal Philharmonic Orchestra einen kompletten Zyklus nebst einiger kleinerer Orchesterwerke aufgenommen, der in rascher Folge beim japanischen Label Exton auf SACD erschienen ist. Die vierte Folge enthält nun mit den Nummern 6 und 7 die noch verbleibenden Sinfonien; abgerundet wird das Programm durch die Karelia-Suite op. 11 und die ‚Valse triste’ op. 44/1.

Vor- und Nachteile

Es hat Vor- und Nachteile, die sechste Sinfonie d-Moll op. 104 und die siebte Sinfonie C-Dur op. 105 miteinander zu koppeln. Der Vorteil liegt in der aus musikalischer Sicht interessanten Gegenüberstellung der beiden Werke, die in enger zeitlicher Nachbarschaft komponiert wurden und bei allen evidenten Unterschieden doch auch einige materielle Gemeinsamkeiten aufweisen. Der Nachteil ist rein vermarktungstechnischer Natur: Beide Sinfonien gehören nicht gerade zu den Zugpferden in Sibelius’ sinfonischem Schaffen, was jedoch nicht an kompositorischen Mängeln liegt sondern an der schroffen, reservierten Klangsprache. Die sehr intime Sechste ist sogar die am wenigsten gespielte Sinfonie – das Werk enthält jedoch eine Fülle schöner Gedanken, die sich nur beim ersten Hören kaum erschließen. Vielleicht hatte man diese Problematik auch im Hinterkopf, als man den beiden Sinfonien mit Karelia-Suite und ‚Valse triste’ zwei wirklich populäre Stücke zur Seite stellte.

Was gibt es Neues?

Was kann dieser neue Zyklus bieten, um einen Platz im Repertoire zu beanspruchen und zu behaupten? Das könnte ein die Möglichkeiten der SACD nutzendes zeitgemäßes Klanggewand ebenso sein wie neue Erkenntnisse in der Interpretation. In beiden Punkten muss man sich jedoch enttäuscht sehen. Zwar wirkt Ashkenazys Neudeutung keineswegs schwächer als der ältere Zyklus, in manchem zweifellos pointierter und konzentrierter, aber wirklich Neues bekommt man nicht geboten. Das souverän musizierende und klangschöne Orchester erfüllt seinen Part mit Bravour. Aber was macht Ashkenazy daraus? Sehr gut ist die sechste Sinfonie gelungen, die hier wie aus einem Guss wirkt. Die organisch wachsenden Formen können sich in natürlicher und ungezwungener Weise entwickeln, die Strukturen werden in luftigem Klang präsentiert, alles wirkt abgeklärt und entspannt. Während diese Sechste einen Gewinn darstellt, wirkt die Siebte nun weniger gelungen; das fällt direkt am Beginn auf, dessen Brüten und Tasten Ashkenazy früher besser herausgearbeitet hat. Sehr gut sind die beiden ‚Zugaben’ geraten, die keine Wünsche offen lassen.

Fortschritt bei der Klangtechnik?

Bleibt die Frage nach einem deutlichen Fortschritt in Sachen Aufnahmequalität. Aber auch hier bietet die Produktion nicht das, was man sich erhoffen konnte. Die 2006 und 2007 im Stockholmer ‚Konserthus’ entstandenen Live-Mitschnitte bieten insbesondere im herkömmlichen Stereo-Mix einen außergewöhnlich klaren und transparenten Klang. Problematisch ist jedoch die Wiedergabe über ein Surround-System, die keinen nennenswerten Fortschritt bringt. Ein kleines Plus an Plastizität wird durch den hier metallisch-künstlich und aufgesetzt wirkenden Nachhall zunichte gemacht; die Tiefenstaffelung könnte besser sein, ja grundsätzlich wirkt das Orchester klanglich nicht so präsent, wie man das etwa von Exton-Produktionen aus dem Prager Rudolfinum kennt. Es muss jedoch gesagt werden, dass der Surround-Mix durchaus akzeptabel und keineswegs so misslungen ist wie diejenige der vierten und fünften Sinfonie; immerhin ist hier die Mehrkanalvariante nicht schlechter als der Stereo-Mix. Ein echtes Konzertsaal-Feeling will sich jedoch nicht einstellen.

Fazit

Die äußere Gestaltung des Zyklus ist ansprechend und zeigt ausnahmsweise nicht die bei Exton häufig zu findenden einfallslosen Porträts oder Studien der Dirigenten – dem japanischen Booklet ist ein separates Faltblatt mit einer englischen Übersetzung beigefügt, die auf Werke und Interpreten eingeht. Wäre der Klang herausragend gut, könnte man diesen Zyklus audiophilen Sibelius-Freunden durchaus empfehlen, und das ist auch das, was ich mir persönlich erhofft hatte. So jedoch bleibt es ein zweifelhaftes Vergnügen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sibelius, Jean: Sinfonien Nr. 6 & 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Octavia
1
25.07.2008
Medium:
EAN:

SACD
5425008376585


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Octavia

EXTON & TRITON sind zwei audiophile Reihen von Octavia Records aus Japan, die sich vornehmlich auf europäische Sinfonik, Klaviermusik und Kammermusik spezialisiert haben.

Die Zusammenarbeit mit so bedeutenden Orchestern wie Sydney Symphony, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Pittsburgh Symphony Orchestra, Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und so berühmten Dirigenten und Künstlern wie Vladimir Ashkenazy, Manfred Honeck, Sakari Oramo, Pascal Rogé, Jaap van Zweden u.v.a. zeugen von derem hohen Anspruch.


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