> > > Stravinsky, Igor: Le sacre du printemps
Montag, 24. Februar 2020

Stravinsky, Igor - Le sacre du printemps

Stravinskys Frühlingsweihe im Winterschlaf


Label/Verlag: Octavia
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Einspielungen des Sacre du Printemps gibt es wie Sand am Meer und durch Bernstein, Ansermet, Chailly, Boulez oder Rattle auch zahlreiche Referenzaufnahmen. Jaap van Zwedens Neuinterpretation bleibt weit hinter diesen Erwartungen zurück.

Es gibt Werke bei denen man sich fragt, warum sie nach wie vor Jahr für Jahr eingespielt werden, ohne auch nur den Hauch einer Chance zu haben, etwas Neues, Innovatives oder Überraschendes präsentieren zu können. Man kennt dieses Phänomen von zweitklassigen Einspielungen der Symphonien Beethovens oder Mahlers, den Goldberg-Variationen Bachs und eben auch vom Sacre du Printemps von Igor Stravinsky. Schließlich kann man mit Bernstein, Ansermet, Chailly, Boulez und Rattle zwischen mehreren beeindruckenden Referenzaufnahmen wählen, und hat mit Järvi mittlerweile auch eine sehr gute Aufnahme auf dem SACD-Format.

Die beiden grundverschiedenen Stravinsky-Ballettmusiken, der Sacre du Printemps und Apollon Musagète (beide in den Versionen von 1947), die das japanische Label Octavia nun unter der musikalischen Leitung von Jaap van Zweden veröffentlicht hat, sind wahrlich mehr als überflüssig. Von den Bruckner-Aufnahmen auf dem gleichen Label weiß man, dass van Zweden eigentlich kein zweitklassiger Dirigent ist und jeder kurze Blick auf seine Biographie belegt dies ebenfalls: Studium an der renommierten Julliard School in New York, mit 19 Jahren der jüngste Dirigent in der Geschichte des Royal Concertgebouw Orchestra und seitdem Dirigent an den bedeutendsten internationalen Orchestern, seit der Spielzeit 2008/09 musikalischer Direktor des Dallas Symphony Orchestra - das klingt zunächst recht viel versprechend.  Sein Sacre ist jedoch angesichts der hohen Erwartungshaltung fast eine kleine Blamage – umso mehr in der großspurigen SACD-Version, die auch klanglich nicht das hält, was sie verspricht.

Von der revolutionären Ausstrahlung und existenziellen Kraft des Sacre ist ebenso wenig zu spüren, wie vom archaischen „Primitivismus“, den das Werk so unverwechselbar machte. Inspiriert von der russischen Folklore hatte Igor Stravinsky in den 1920er Jahren ein beeindruckendes Werk geschaffen, das durch seine fulminante Bläserorchestration, die dissonanten Intervalle und eine fragmentarisch-brutale Rhythmik mit stetig wechselnder Pulsation zu einer wahren musikalischen Revolution führte. Im Sommer 1911 und März 1913 entstand zusammen mit Sergej Diaghilev und Nicolas Roerich zunächst das Konzept für ein neuartiges Ballett, dass später im Théatre des Champs-Elysées uraufgeführt wurde. Nicht nur durch die neuartige Musik, sondern auch aufgrund der provokanten Choreographie von Vaclav Nijinsky wurde der Sacre zu einem Skandal. War der Schauplatz damals Paris, konnte zuletzt Simon Rattle in Berlin mit seinem Filmprojekt Rhythm is it! beweisen, dass auch in unserer Zeit Stravinskys Hauptwerk nichts von seiner unvergleichlichen, vitalen Ausdruckskraft verloren hat.

Bei Jaap van Zweden und dem Netherlands Radio Philharmonic Orchestra fehlt nun jedoch jegliche Energie und Power. Die Spannung und Präzision der rhythmischen Fraktur – die Einspielungen von Leonard Bernstein oder auch Boulez so reizvoll machen – schwankt zwischen Unsicherheit und Schwammigkeit. Man hat angesichts der großen Referenzaufnahmen sicher einfach auch eine zu hohe Erwartungshaltung, die nur selten erfüllt, und im Prinzip an keiner Stelle im Werk übertroffen wird. Der Studiobearbeitung lastet zudem das Schicksal an, die musikalische Struktur erheblich zu vereinfachen, indem einzelne Instrumente immer wieder unmotiviert und einfach nicht homogen aus dem Orchesterklang herausstechen, da sie wohl im Nachhinein betont hervorgehoben wurden. Was bei Rattle eindrucksvoll zum Ausdruck kommt, fehlt bei van Zweden völlig: die natürliche Balance einer überragenden Live-Aufnahme. Gerade der rhythmische „Drive“ ist ein musikalisches Element, das im Studio einfach nicht rekonstruierbar ist. Entweder man hat ihn oder man hat ihn nicht.

Jaap van Zwedens Lektüre von Apollon Musagète kann die Aufnahme dann auch nicht mehr retten. Der Apollon, der gut 15 Jahre nach dem Sacre entstand, ist als Ballett natürlich auch die weitaus geringere Herausforderung und bedient sich weitestgehend einer neobarocken Formensprachen, wie der Französischen Ouvertüre. Van Zweden durfte 1995 als junger Dirigent Richard Chailly bei seiner Einspielung für Decca assistieren und hat von dort einiges auf sein Dirigat übertragen. Dennoch bleibt er weit hinter den Anforderungen seines „Maestros“ zurück. Die Spannungskurven, die das tänzerische Fließen der Formen garantieren, werden immer wieder durch unglückliche Tempowechsel durchbrochen. Die Fülle an ausdifferenzierten Klangfarben und die bis ins Detail genau artikulierte Tongestaltung hat Chailly ebenfalls um einiges intensiver herausgearbeitet. Das Royal Concertgebouw Orchestra ist letztlich natürlich auch ein deutlich souveränerer Klangkörper, als das eher zweitklassige Netherlands Radio Philharmonic Orchestra – bleibt am Ende nur die Frage, warum man diese Leistung auf eine hochwertige CD einspielen muss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Stravinsky, Igor: Le sacre du printemps

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Octavia
1
25.07.2008
Medium:
EAN:

SACD
5425008376592


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Octavia

EXTON & TRITON sind zwei audiophile Reihen von Octavia Records aus Japan, die sich vornehmlich auf europäische Sinfonik, Klaviermusik und Kammermusik spezialisiert haben.

Die Zusammenarbeit mit so bedeutenden Orchestern wie Sydney Symphony, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Pittsburgh Symphony Orchestra, Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und so berühmten Dirigenten und Künstlern wie Vladimir Ashkenazy, Manfred Honeck, Sakari Oramo, Pascal Rogé, Jaap van Zweden u.v.a. zeugen von derem hohen Anspruch.


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