> > > Anton Bruckner: Messe in e: Josef Gabriel Rheinberger: Requiem in Es
Sonntag, 15. Dezember 2019

Anton Bruckner: Messe in e - Josef Gabriel Rheinberger: Requiem in Es

Grosse Messe, kleineres Requiem


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bruckner & Rheinberger: Gelungene Interpretation sehr verschiedener geistlicher Werke.

Anton Bruckners Musik mit der Persönlichkeit des Komponisten in Beziehung zu setzen, ist für viele Exegeten reizvoll gewesen und in mancher Hinsicht auch ertragreich: Die langsame Emanzipation Bruckners auf dem – nie ganz zu Ende gegangenen – Weg hin zu selbstbewusstem und vor allem selbstbestimmtem Künstlertum ist nur ein interessanter Aspekt in diesem Kontext. Deutlich spiegelt sich das in der Obrigkeitsorientierung, ja Hörigkeit des Künstlers, in dem nie versiegenden Wunsch, sich die eigene musikalische Kompetenz bescheinigen zu lassen. Und auch die stetige Bereitschaft des Komponisten, seine Werke nach den tatsächlich oder vermeintlich wohlmeinenden Ratschlägen seiner Schüler und Weggefährten beinahe fortdauernd umzuarbeiten, gehört in diesen Zusammenhang.

Gleichwohl zeigt sich der expressive, auch ästhetisch entschiedene und absolut reife Musiker schon in den 1860er Jahren – in den frühen sinfonischen Arbeiten, aber auch in der 1869 erstmals aufgeführten Messe in e-Moll WAB 27. Schon hier findet sich die dynamische Komplexität, die auch seine späteren Sinfonien kennzeichnet. Fugierende Abschnitte verweisen auf Bruckners intime Kenntnis der alten Satztechniken, der enorme harmonische Reichtum deutet jedoch auch auf die ganz aktuellen musikalischen Entwicklungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Gekoppelt ist die große Bruckner-Messe auf der vorliegenden Platte mit dem erstmals eingespielten Requiem in Es von Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901). Diesem vor allem in Bayern wirksamen Komponisten wurden in letzter Zeit eine Reihe von Einspielungen gewidmet. Sein klein dimensioniertes, kaum zwanzig klingende Minuten umfassendes Werk kann durch einen gleichmäßigen, strömenden Satz in großen Bögen überzeugen. Aber im – zugegeben nicht ganz fairen – Vergleich mit Bruckners Messe werden die fehlende kompositorische Dichte und Raffinesse, die wenig ausgeprägte Expressivität sehr deutlich. Diese Ebenen werden angedeutet, aber nicht durchmessen. Die extrem knappen Sätze gehen damit auch beinahe folgerichtig an fast allen textlichen Herausforderungen und Chancen vorbei. Es handelt sich zweifelsfrei um – auch vom Komponisten selbst so eingeschätzte – Gebrauchsmusik.

Sehr ansprechende Interpretation

 

Der KammerChor Saarbrücken punktet in dieser Aufnahme in vielerlei Hinsicht: Er überzeugt durch klar konturierte Register, was sich schon im schwebenden Kyrie der Bruckner-Messe erweist. Hier kommt auch eine zweite Stärke zum Tragen: Die stabile Intonation wird durch den Lackmustest der nach langen Passagen des bloß chorischen Musizierens einsetzenden Bläser betont. Im dynamischen Bereich gelingen vor allem die fein gezeichneten Linien, widerstehen Chor und Dirigent der Versuchung, nach einmal erreichtem Forte-Höhepunkt in dieser ‚Arbeitslautstärke’ weiter zu agieren. Gleichwohl ist auch das konzentrierte Klangvolumen überzeugend, werden die großen Stimmumfänge der einzelnen Stimmen souverän bewältigt, klingen die Sekundreibungen und generell die Spannungsklänge selbstverständlich. Ebenfalls gut ausgehörte Akkordverbindungen in den zarten Schlüssen sind ein weiterer Pluspunkt der Interpretation.

Georg Grün gelingt eine sehr zutreffend gearbeitete Bruckner-Messe, die den gravierenden, vordergründigen Versuchungen nicht erliegt. Grün integriert die ebenso geschmeidigen wie kraftvollen Bläser und überwindet den der e-Moll-Messe zugeschriebenen Ausdruck der Sperrigkeit und Unzugänglichkeit, ohne das Werk weichzuspülen. Gleichzeitig wird die erhebliche ästhetische Differenz präsentiert die den älteren Bruckner vom jüngeren Rheinberger trennt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Anton Bruckner: Messe in e: Josef Gabriel Rheinberger: Requiem in Es

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.07.2008
59:30
2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4009350834149
8341400


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"In seiner bekannten „Messe in e“ verbindet Anton Bruckner die Tradition des alten Palestrina-Vokalstils mit den musikalischen Mitteln seiner Zeit. Neben dem herben Klangbild und den ausgeprägten dynamischen Kontrasten hebt sich diese Messe vor allem durch die außergewöhnliche Instrumentierung mit einer reinen Bläserbesetzung von den anderen Orchestermessen Bruckners ab. Neben der anspruchsvollen Begräbnismotette „Libera me“ von Bruckner ist hier erstmals Josef Gabriel Rheinbergers „Requiem in Es“ auf CD eingespielt. In einem meisterhaften a cappella-Satz vermag Rheinberger mit einfachen Mitteln große Spannungsbögen und wirkungsvolle musikalische Momente zu erzeugen. Der KammerChor Saarbrücken beweist einmal mehr seine Spitzenstellung und überzeugt besonders in den absolut homogen gesungenen a cappella-Passagen sowie durch feine dynamische Schattierungen."


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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