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Montag, 4. Juli 2022

Bach, Johann Sebastian - Choralbearbeitungen für Orgel BWV 718, 720, 739, & 1128

Neues in sehr gemischtem Programm


Label/Verlag: Rondeau
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johann Sebastian Bachs neu aufgefundene Orgelfantasie BWV 1128 in einem allzu heterogenen Programm.

Wenn ein neues Werk Johann Sebastian Bachs entdeckt wird und Zweifel an seiner Echtheit ausgeschlossen werden können, ist das zweifellos eine veritable Sensation: In diesem Fall wird dem ohnehin monumentalen und komplexen Werk des kompositorischen Großmeisters ein weiterer Baustein hinzugefügt. So fand die Nachricht, dass im Nachlass eines späteren Thomaskantors, Wilhelm Rust (1822-1892), eine Choralfantasie über den Choral ‚Wo Gott der Herr nicht bei uns hält’ BWV 1128 gefunden wurde, eine entsprechende öffentliche Aufnahme. Dass sich die musikalischen Nachfolger Bachs in einem solchen Fall mit Verve auf die Neuentdeckung stürzen, ist verständlich und verrät das große Traditionsbewusstsein, das Thomasorganist und Thomaner auch in der Gegenwart haben.

Auf der vorliegenden Platte ist um die neu aufgefundene Fantasie herum ein Programm entstanden, das drei inhaltliche Klammern aufweist: Einmal erklingen, ausgehend von der Orgelfantasie, Kompositionen, die textlich-inhaltlich an den Choral ‚Wo Gott der Herr nicht bei uns hält’ anknüpfen: Johann Hermann Schein (1586-1630), einer der Vorgänger Bachs im Amt des Thomaskantors, ist mit einem geistlichen Konzert vertreten, Bach selbst mit der Kantate BWV 178 mit dem gleichen Titel. Die zweite Ebene bildet die Würdigung des Bewahrers und Herausgebers der Werke Bachs, Wilhelm Rust: Er kommt mit einem Teil einer Motette und einer kurzen Orgelfantasie zu Wort. Den Kern der Platte bilden vier gewichtige Orgelfantasien Johann Sebastian Bachs, neben der ‚neuen’ sind das ‚Ein feste Burg ist unser Gott’ BWV 720, ‚Christ lag in Todesbanden’ BWV 718 und ‚Wie schön leuchtet der Morgenstern’ BWV 739.

Das alles umfasst gerade einmal fünfzig Minuten Spielzeit. Damit ist ein Hinweis darauf gegeben, dass eine größere programmatische Kompaktheit sinnvoll gewesen wäre: Am erfolgversprechendsten wäre vermutlich die Konzentration auf das Werk selbst gewesen – Bachs norddeutsche Vorbilder auf dem Gebiet der Orgelfantasie, natürlich die Schwesterwerke aus der Feder Bachs, aber auch die Arbeiten von Zeitgenossen und Nachfolgern wären in diesem Kontext von Interesse gewesen. Sicher ist es auch eine Möglichkeit, die textliche Ebene als Verbindungsglied zu wählen – die Vermischung beider Ideen, einschließlich der Würdigung Rusts, auf deutlich weniger als einer Stunde Spielzeit kann dagegen nicht vollends überzeugen.

Überzeugender Organist

 

Das Spiel Ullrich Böhmes, das klar den Kern der Aufnahme bildet, ist souverän, spielt die Möglichkeiten der Registrierung der Instrumente – vor allem der Bach-Orgel der Thomaskirche – voll aus. Böhme zeigt sich hier als ebenso feinsinniger und strukturbewusster wie kraftvoller Interpret. Das gilt für alle vier erklingenden Fantasien aus der Feder Bachs, die sämtlich durch eine vielschichtige kompositorische Kunstfertigkeit überzeugen und als charakteristische Beiträge zu einer speziellen Kompositionstradition einen musikhistorisch wichtigen Platz einnehmen. Für dieses Repertoire ist die neu aufgefundene Fantasie eine deutliche Bereicherung.

Dagegen gehen das geistliche Konzert Scheins und die Arbeiten Rusts etwas unter: Das kurze Konzert aus der Feder Scheins wird von zwei Knabensopranen musiziert, die dem Wert der Komposition auf Grund erheblicher intonatorischer Mängel und wegen der technischen und interpretatorischen Beschränkungen ihrer jungen Stimmen nicht gerecht werden können. Rusts interessante Werke bekommen zu wenig Raum, um sich ästhetisch entfalten zu können – mehr davon wäre interessant. Die beschließende Kantate Bachs ist solide musiziert, mit einem weich und elegant agierenden Gewandhausorchester und guten solistischen Leistungen.

Alle Teile des kurzen Programms sind interessant und verdienten eine ausführliche Würdigung – zusammengedrängt auf sehr engem Raum bleibt der Eindruck dagegen unbestimmt. Klar ist der Rang der neu aufgefundenen Fantasie herausgearbeitet worden, das ist verdienstvoll. Die Konfrontation auch technisch sehr heterogener Aufnahmen – die älteste ist vom Beginn der 1990er Jahre, Bach-Kantate und Schein-Konzert sind Live-Aufnahmen, die Fantasie BWV 1128 ist erst im Juni 2008 aufgenommen worden – hinterlässt einen etwas getrübten Eindruck. Mehr programmatische Entschlossenheit, Mut und vielleicht etwas mehr Zeit hätten die Platte leicht zu einer Referenzaufnahme machen können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Choralbearbeitungen für Orgel BWV 718, 720, 739, & 1128

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Rondeau
1
01.07.2008
Medium:
EAN:

CD
4037408060233


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Rondeau

Rondeau Production – am kulturellen Puls!

Rondeau Production ist ein Synonym für künstlerisch wie technisch erstklassige Einspielungen von geistlicher Chor- und Vokalmusik. Seit Jahren verbindet das Unternehmen eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Spitzenensembles der Vokalszene: Der Thomanerchor Leipzig, der Windsbacher Knabenchor, der Knabenchor Hannover – gerade hier engagiert sich Rondeau mit Begeisterung für die jungen Talente und stellt ihre beeindruckende Leistungsfähigkeit mit mehrfach ausgezeichneten Aufnahmen unter Beweis. Erstklassige Künstler, deren hohe Ansprüche an sich selbst und der Fokus auf besondere Qualität bedingen die eigene Unternehmensphilosophie und sind der Grundstein für ein in dieser Ausprägung einzigartiges Portfolio an Tonträgern. Eine weitere Öffnung für Orgelmusik mit Künstlern wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme sorgt für weitere Klangvielfalt. Neben Labelmanager und Produzent Frank Hallmann garantiert ein kreatives Team musikbegeisterter Mitarbeiter den hohen Standard. Die Aufnahmen entstehen an interessanten und handverlesenen Konzertorten, während Mischung, Mastering und CD-Produktion im hauseigenen Tonstudio in der Leipziger Petersstraße erfolgen. Daher sorgt nicht nur der Sitz in der Bach-Stadt dafür, dass das Label stets am kulturellen Puls agiert.

Geschichte: Aus der Provinz in die weite Welt!

Rondeau Production – das sind über 25 Jahre begeistertes wie begeisterndes Engagement für die Chormusik in Deutschland auf höchstem Niveau. Karl-Friedrich Beringer, langjähriger Leiter des Windsbacher Knabenchores, gründete 1977 gemeinsam mit Herbert Lange das erfolgreiche CD-Label, um die eigenen Tonträger anbieten zu können, und noch immer gehört das Spitzenensemble aus Mittelfranken zu den Zugpferden des Unternehmens. Im Jahr 2005 entschloss sich die Rondeau Production zu einer Erweiterung ihres Angebots und nahm den traditionsreichen Thomanerchor sowie den Knabenchor Hannover als renommiertes Pendant in ihr Portfolio auf. Diesen vokalen Klangkörpern folgten immer mehr namhafte Chöre und Ensembles, so dass sich der Katalog von Rondeau Production mittlerweile wie ein „Who is who?“ der deutschen Vokalszene liest und anhört. Darüber hinaus ergänzte man das Angebot auch in Richtung Orgelmusik, wofür man Interpreten wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme gewinnen konnte. Seit 1996 ist Frank Hallmann als Journalist und Diplom-Kirchenmusiker Geschäftsführer von Rondeau Production und damit maßgeblich für das heutige breite wie tiefe Angebot des Unternehmens verantwortlich. Rondeau Production ermöglicht dabei nicht nur die Produktion, sondern auch den weltweiten Vertrieb ausgewählter CDs mit exzellenter Geistlicher Chormusik in hoher Qualität. Für den bundesweiten Vertrieb der Tonträger im Fachhandel sorgt Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH und fungiert so als wichtiger Partner der Rondeau Production.


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