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Sonntag, 29. Mai 2022

Distler, Hugo - Klavierwerke

Am Rand des Repertoires


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Distler einmal anders: Bisher nicht eingespielte Klavierwerke des bedeutenden deutschen Chorkomponisten in einer soliden Aufnahme mit Annette Töpel.

Komponistengeburtstage, zumal runde, sorgen in aller Regel für eine große Zahl frischer Aufnahmen bekannten Repertoires. Sie bieten jedoch auch Anlass, an den Rändern des Werkes zu forschen und unter- oder gar unbelichtete Bereiche in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. So war und ist es auch im Falle Hugo Distlers, dessen einhundertsten Geburtstag in diesem Jahr vor allem die Freunde der Chormusik begehen.

Die vorliegende Aufnahme zeigt jedoch, dass Distler neben den umfänglich bekannten und diskographisch gut dokumentierten Werken für Chor und für Orgel auch auf dem Feld der Klaviermusik aktiv war. Das resultierte teils aus seiner Ausbildungszeit in Leipzig, während der ihn Hermann Grabner zu satztechnischen ‚Hausarbeiten’ anhielt, die den gestellten Aufgaben jedoch eigenständige Aspekte abgewannen und sie im besten Sinne künstlerisch überformten: Auf der vorliegenden Platte stehen eine ‚Dreistimmige Invention’ und ein ‚Largo für Klavier’ aus den Jahren 1928/29 stellvertretend für diese Sphäre. Hier zeigt sich der Meister der späteren Chorwerke noch harmonisch komplex, im Ausdruck expressiv und im Vergleich atypisch.

Später – was bei einem so jung aus dem Leben geschiedenen Künstler wie Distler fast absurd klingt – wandte er sich auf dem Gebiet der Klaviermusik den kleinen Formen zu. Hierbei wurde die Beschäftigung mit Bartoks ‚Mikrokosmos’ Vorbild: Kurze, prägnante Miniaturen zeichnen klare Charaktere. Beispiele dafür sind Distlers ‚Elf kleine Klavierstücke op. 15b’ von 1936 oder die Sammlung ‚30 Spielstücke für die Kleinorgel oder andere Tasteninstrumente op. 18’ von 1938. Sie sind vielleicht weniger eigenständige Musik im pianistischen Sinn oder im Kontext der Traditionen des Komponierens für das Klavier, als vielmehr eine interessante Facette im Schaffen Distlers, der in diesen Arbeiten seine grundlegenden Gestaltungsprinzipien in einem anderen Medium umsetzt. Daneben sei auf das bewusste Anknüpfen an die Tradition der Komposition für verschiedene Tasteninstrumente verwiesen, die sich in die grundsätzlich retrospektive ästhetische Orientierung Distlers einfügt.

Solide

 

Annette Töpel hat schon mehrfach an den ‚Rändern des Repertoires’ gearbeitet: Platten mit weniger prominenten Arbeiten von Mozart, Beethoven und Schubert zeugen davon. Diese Nischen durchmisst sie mit kontrolliertem Anschlag, feinem Klangsinn und der Fähigkeit, auch kleine kompositorische Elemente zu einem musikalischen Ganzen zusammenzufügen. Dabei artikuliert sie differenziert und stellt im Passagenwerk eine gute Geläufigkeit unter Beweis. Und eine weitere Fähigkeit ist für das Gelingen der Platte von Belang: Töpel versucht nicht, die strukturell oft wenig komplexen und kurzen Stücke unnötig mit äußerer Deutung aufzuladen – in ihrer typischen Sprödigkeit wirken die musikalischen Miniaturen unmittelbar. Distlers Musik fehlt – und das ist nicht nur in diesen Arbeiten für Klavier zu beobachten – das Sinnliche weitgehend. Durch die gleichzeitige Abgrenzung von der Romantik und die Rückbesinnung auf alte, oft strukturell dominierte Vorbilder, wirkt die Musik musikästhetisch nicht selten eingezwängt.

Dem durchaus warmen und ausgewogenen Klang der Aufnahme mangelt es ein wenig an Prägnanz, die Bassregister klingen trotz der Wärme des Schimmel-Flügels gelegentlich dumpf.

Annette Töpel gibt insgesamt jedoch einen interessanten Einblick in ein diskographisch unbeleuchtetes Feld im Schaffen Distlers. Dass es sich dabei vielleicht nicht um ein eigenständig bedeutsames Repertoire für Klavier handelt, fällt nicht ins Gewicht: Für das Verständnis des künstlerischen Weges und die Rundung des Bildes Distlers füllt diese Aufnahme eine erkennbare Lücke.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Distler, Hugo: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Musicaphon
1
24.06.2008
66:35
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4012476568997
M 56899


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"Hugo Distler ist vor allem als Chor- und Orgelkomponist bekannt geworden. Er hat aber auch eine ganze Reihe von Instrumentalwerken, darunter Kammer- und Klaviermusik, komponiert. Diese Facette seines Schaffens verdient mehr Beachtung, denn etliche bemerkenswerte Werke finden sich hierunter. Eine Voraussetzung für die Beschäftigung mit diesen Werken ist jedoch, dass sie zugänglich sein müssen; beispielsweise ist ein erheblicher Teil von Distlers Klavierwerken bislang noch nicht veröffentlicht bzw. seit langem nicht mehr greifbar. Eine kritisch-praktische Gesamtausgabe der Klavierwerke befindet sich derzeit in Vorbereitung. Zu Distlers Lebzeiten kamen für Klavier solo lediglich im Mai 1942, also ein knappes halbes Jahr vor seinem Tod, die bereits sieben Jahre zuvor komponierten Elf kleinen Klavierstücke op. 15b heraus. Bis dahin lag ausschließlich die 1935 im Rahmen einer Sammlung neuer weihnachtlicher Klaviermusik veröffentlichte kleine Komposition über das Weihnachtslied Vom Himmel hoch, da komm ich her vor. Dass sich viele der 30 Spielstücke für die Kleinorgel oder andere Tasteninstrumente op. 18, Nr. 1 (entstanden und veröffentlicht 1938) auch auf dem Klavier ausführen lassen, geht aus dem Titel zwar hervor, doch deutet der Titel die eigentliche Bestimmung dieser Miniaturen für kleine Orgel an, weshalb sich Pianisten nicht unmittelbar ermuntert fühlen dürften, sich diesen Miniaturen zuzuwenden. - Alles in allem verwundert es kaum, dass Distlers Klaviermusik auf Tonträger bislang de facto nicht vertreten war. Diese Lücke und der 100. Geburtstag des Komponisten am 24. Juni 2008 sind Anlass für die vorliegende CD mit Distlers wichtigsten Klavierwerken und mit dem Großteil der 30 Spielstücke op. 18, Nr. 1 (auch sie sind auf einem Klavier gespielt erstmals auf dieser CD zu hören)."


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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