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Sonntag, 29. Mai 2022

Frische Clavier Früchte - Das Cembalo zur Zeit Johann Sebastian Bachs

Das Cembalo zu Zeiten Bachs


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Claudia Schweitzer spielt Cembalowerke von acht Komponisten aus der Zeit um 1700, wirft dabei aber manche Frage auf.

Im Mittelpunkt dieser bei Musicaphon erschienenen CD steht (wie auch im Untertitel der Produktion zu lesen ist) das ‚Cembalo zur Zeit Johann Sebastian Bachs’, genauer: Claviermusik aus dem mitteldeutschen Raum, die möglicherweise für den um 1700 verwendete Cembalotyp mit zwei Resonanzböden entstanden ist. Die Cembalistin Claudia Schweitzer hat eine gelungene Auswahl von acht Werken sehr unterschiedlicher Komponisten zusammengestellt, die sich geografisch wie historisch auf den voluminösen Klang dieses Instrumententyps beziehen lassen, und trägt diese auf einer in der Werkstatt Jürgen Ammer 1993 entstandenen Kopie eines um 1715 in Thüringen gebauten Originalinstruments vor. So schön die Idee von ihrer Konzeption her auch ist: Das präsentierte Ergebnis enttäuscht doch in mancherlei Hinsicht.

Zu hören ist eine gelegentlich etwas oberflächlich wirkende Darstellung, die zwar durchaus schöne Passagen enthält, aber ansonsten nicht in allen Belangen erzeugt. Einen positiven Eindruck machen vor allem die Suite F-Dur von Johann Heinrich Buttstett, die Passacaglia d-Moll von Johann Philipp Krieger sowie die ‚Suonata Quinta’ e-Moll aus Johann Kuhnaus Sammlung ‚Frische Clavier Früchte’, in der Schweitzers Spiel am souveränsten wirkt. Dagegen wirkt die Interpretation in anderen Werken eindimensional und zeigt vor allem in harmonisch komplexen Sätzen oder chromatisch angereicherten Werkteilen im Hinblick auf die Ausdeutung der Affektsprache Schwächen, da an ihre Stelle eine eigenartige, schwer zu greifende Nervosität der Ausführung tritt.

Dies ist etwa in der Allemande von Friedrich Wilhelm Zachows Suite h-Moll der Fall, während etwa die an dritter Stelle stehende Sarabande wesentlich subtiler musiziert ist. Auch die eröffnende chromatische Fantasia in Johann Kriegers ‚Fantasia è Partita’ zeigt Schwächen, da der Satz in Bezug auf die Rhythmik überhastet wirkt und überhaupt einen wenig spannungsreichen Eindruck vermittelt. Problematisch ist auch die anschließende Allemande, die beim Vortrag zerfällt. Der Umstand, dass Schweitzer die Rhythmik manchmal eher starr belässt (so in der ‚Fuga Finalis’ von Zachows Suite), wächst sich mithin (wie in der Fuge von Johann Christian Bachs ‚Praeludium und Fuge Es-Dur’) gar zu einem mechanisch wirkenden Dahinströmen der Musik aus.

Am deutlichsten wird diese zweispältige Haltung in zwei Werken: In Johann Sebastian Bachs Concerto d-Moll BWV 987 macht die Cembalistin die Sprünge und Brüche der deklamatorischen Werkteile auf gelungene Weise zum Ausgangspunkt ihrer Wiedergabe, geht die raschen Sätze aber ein wenig zu gleichförmig an. Und den neun Variationen von Johann Pachelbels Arietta F-Dur eignet im Verlauf ein gewisses Moment von Starre, zu dem an einigen Stellen eine allzu abrupte Vortragsweise hinzukommt. Das größte Problem dieser CD ist aber, dass die unterschiedlichen, aber dennoch wahrnehmbaren Personalstilistiken der gewählten Komponisten nicht ausreichend entwickelt sind und die Stücke in ihrer Aufeinanderfolge zu ähnlich und manchmal sogar austauschbar wirken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Frische Clavier Früchte: Das Cembalo zur Zeit Johann Sebastian Bachs

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Musicaphon
1
17.06.2008
69:43
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4012476568850
M 56885


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"Informationen über den deutschen Cembalobau des 17. Jahrhunderts und damit über das Instrumentarium, das den deutschen Cembalisten um 1700, dem jungen Bach und seinen Zeitgenossen, zur Verfügung stand, sind rar. Unter den erhaltenen Instrumenten dieser Zeit befindet sich ein einmanualiges, unsigniertes Cembalo aus Thüringen, erbaut um 1715, heute im Instrumentenbestand des Eisenacher Bachhauses. Seine baulichen und klanglichen Eigenschaften weisen zurück in das 17. Jahrhundert. Die Besonderheit des Instrumententyps besteht in der akustischen Anlage mit zwei Resonanzböden, welche das erstaunliche Volumen des verhältnismäßig kleinen Instruments erklärt. Der Klangcharakter ist dunkel und grundtönig und erinnert, da durch den doppelten Resonanzboden der Anreißpunkt der Saite stark zur Mittel hin verschoben ist, an Virginal und Laute. Der in dieser Einspielung verwendete Nachbau des Instruments stammt aus der Werkstatt Jürgen Ammer (1993). Er hat den Umfang G1 - d3, zwei 8‘-Register und Lautenzug. Das Prinzip der doppelten Resonanzböden scheint ein Merkmal früher deutscher Cembali zu sein und findet sich bereits bei dem ersten erhaltenen Instrument von Hans Müller, Leipzig 1557. Im thüringischen Raum taucht es für uns nachvollziehbar zur Bachzeit noch einmal als Miniatur in der Puppensammlung „Mon plaisir“ der Arnstädter Gräfin Auguste Dorothea von Schwarzburg-Arnstadt auf. In der vorliegenden Aufnahme erklingen Werke aus dem mitteldeutschen Raum, deren Komponisten mit dem Klangtypus der Instrumente dieser Cembalobautradition vertraut waren."


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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