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Samstag, 28. Mai 2022

Dean, Brett - Violakonzert

Orchestrale Vielschichtigkeit


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Neuproduktion von BIS bringt vier abwechslungsreiche Werke des Australiers Brett Dean, darunter das Violakonzert mit dem Komponisten als Solisten.

Die Karriere von Brett Dean hat einen nicht ganz gewöhnlichen Verlauf genommen: 1985 bis 2000 war er Bratscher bei den Berliner Philharmonikern, doch zog sich der gebürtige Australier anschließend von diesem Posten zurück, um sich seither vorzugsweise dem Komponieren zu widmen, auf das er sich seit Mitte der Neunzigerjahre immer stärker konzentriert hat. Der unverkennbar individuelle Tonfall von Deans Werken zeugt von einem beachtlichen Wissen um die Differenzierungsmöglichkeiten der instrumentalen Farben. Entsprechend ist der Umgang mit der Ausdruckspalette des Orchesters sehr vielfältig gestreut: Ganz selbstverständlich geht der Komponist etwa mit der Intimität lyrischer Situationen oder mit der dramatischen Intensität von Klangballungen um, ohne dass seine Musik dabei je im Geringsten kitschig oder pathetisch wirkt. Auch in dramaturgischer Hinsicht nehmen seine Werke stark für sich ein, zeigen abwechslungsreich strukturierte Formverläufe, deren episodisch verlaufende Feinmodellierung besonders gut im Violakonzert zur Geltung kommt, das im Mittelpunkt einer Produktion des schwedischen Labels BIS steht.

Ausgehend von dem sehr fein gearbeiteten, mit ‚Fragment’ betitelten Anfang und seinen unterschiedlichen tonräumlichen Schichten entwickelt der Komponist im zweiten Teil (‚Pursuit’) eine unruhige, rhythmisch irreguläre Musik voller zerrissener Virtuosität. Dean selbst agiert hier als Solist voller Energie gegen die pulsierende Vielschichtigkeit der Klangereignisse, gegen die fast körperhaft werdende Bedrohung des Individuums durch die Masse des Orchesters, die dann im angrenzenden ‚Veiled and Mysterious’ in eine klagende Solokantilene geführt wird, gestützt durch irisierende Instrumentalfarben wie etwa trillernde Holzbläser, col legno geführten Violoncelli und gestrichene Schlaginstrumente. Dass dies alles – auch wenn es in der Beschreibung nicht so klingen mag – ganz ohne Klischees geschieht und die Musik von Anfang bis Ende aufgrund ihrer ständigen Umschwünge fesselt, ist vielleicht das größte Kompliment, das man dem Komponisten machen kann. Es hängt aber darüber hinaus auch mit dem glänzend disponierten Sydney Symphony Orchestra zusammen, das unter Leitung von Simone Young die orchestrale Vielschichtigkeit akribisch nachzeichnet.

Dass Dean die Ausgangssituation, die Gegenüberstellung von Solist und Orchester, in einer Art narrativem Diskurs gestaltet, hängt damit zusammen, dass er sich in seiner Musik grundsätzlich gern mit außermusikalischen Situationen befasst bzw. diese zum Anlass nimmt, um auf ihrer Grundlagen musikalische Strukturen zu entwickeln. Dies ist auch in der Komposition ‚Twelve Angry Man’ der Fall, 1997 für die zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker entstanden. Angelehnt an den Verlauf von Sidney Lumets gleichnamigen Film von 1957 (deutscher Titel: ‚Die zwölf Geschworenen’), in dem die Zweifel eines Mannes dazu führen, die konträr denkende Mehrheit vom Gegenteil zu überzeugen, vollzieht sich in der Musik eine Angleichung der rhythmisch kompakt agierenden Klangmasse an einen von Beginn an hervortretenden Solisten. Der farbenreiche und originelle Umgang mit den Möglichkeiten des Celloklangs verblüfft und wird von den zwölf Cellisten des Sydney Symphony Orchestra voller Spannung, aber auch mit einer gewissen Portion Spielwitz vorgetragen.

Die CD enthält neben diesen beiden Kompositionen zwei weitere Werke, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Zum einen ist da das Bratschen-Solostück ‚Intimate Decisions’ (1996) – der Titel bezieht sich auf eine Gemälde von Deans Frau Heather Betts –, dessen teils extreme Virtuosität dem Komponist noch einmal die Möglichkeiten bietet, seine spieltechnischen Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis zu stellen. Zum anderen ist da das Orchesterstück ‚Komarov’s Fall’: 2006 als Beitrag zum ‚Ad Astra’-Projekt entstanden, in dessen Rahmen Simon Rattle bei mehreren zeitgenössischen Komponisten Ergänzungen zu Gustav Holsts ‚The Planets’ in Auftrag gegeben hat, legt es noch einmal Zeugnis von Deans überlegten Umgang mit dem Orchester ab. Die Umsetzung durch das Sydney Symphony Orchestra unter Leitung von Hugh Wolff bringt die unterschiedlichen instrumentalen Ereignisschichten des Werkes sehr klar zum Ausdruck und ist von daher dem bei EMI veröffentlichten Mitschnitt der Uraufführung unter Rattle weit überlegen. Sie setzt damit den gelungenen Schlusspunkt unter eine lohnenswerte und abwechslungsreiche Produktion, die sich zudem als guter Einstieg in die Musik Brett Deans erweist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dean, Brett: Violakonzert

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
24.06.2008
Medium:
EAN:

CD
7318590016961


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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