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Dienstag, 9. August 2022

Messiaen, Olivier - Sämtliche Orgel-, Klavierwerke und Lieder

Messiaen im Paket


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Brilliant Classics veröffentlicht den 17 CDs umfassenden ersten Teil einer ‚Messiaen Edition’ mit Orgelwerken, Klavierkompositionen und Liedern.

Dem einhundertsten Geburtstag von Olivier Messiaen am 10. Dezember 2008 ist es zu verdanken, dass derzeit zahlreiche neue Produktionen und Wiederveröffentlichungen seiner Werke auf dem Plattenmarkt kursieren. Zu letzteren gehören auch die Einspielungen, die das Label Brilliant Classics in einer monumentalen 17-CD-Box als ‚Messiaen Edition Vol. 1’ mit den Kompositionen für Orgel (acht CDs), für Klavier (sieben CDs) sowie mit den Werken für Stimme und Klavier (zwei CDs) zusammengefasst hat: ein von Anspruch und Kaufpreis her konkurrenzloses Unternehmen, das – ausgestattet mit einem recht ausführlichen, aber lediglich englischsprachigen Booklet – dem Hörer eine ganze Reihe sehr guter Aufnahmen beschert und daher unbedingt empfehlenswert für denjenigen ist, der sich intensiver mit dem Schaffen des 1992 verstorbenen Franzosen auseinandersetzen möchte.

Orgelwerke

Die Einspielung der Orgelwerke auf insgesamt acht CDs – es handelt sich um alle zu Lebzeiten des Komponisten veröffentlichten Kompositionen, während die erst in jüngerer Zeit aus dem Nachlass publizierten Stücke wie das ‚Offrande au Saint Sacrement’, das ‚Prélude pour orgue’ oder die ‚Monodie’ fehlen – stammt aus dem Jahr 1994 und wurde nach ihrer damaligen Erstveröffentlichung bereits Ende 2007 in remasterter Qualität von Brilliant Classics als eigenes Box-Set unter dem nicht ganz zutreffenden Titel ‚Complete Organ Works’ herausgegeben. Der Organist Willem Tanke ist hier auf der Adema/Schreurs-Orgel in der Basilika St. Bavo im niederländischen Haarlem zu hören. An seinen Interpretationen, wiewohl in spieltechnischer Hinsicht brillant, fällt die häufig eher gedeckte Registrierung auf, die den leuchtenden Farbenreichtum des Instruments nicht immer in seiner ganzen Vielfalt zum Zuge kommen lässt und im Vergleich zu anderen Aufnahmen stellenweise gewöhnungsbedürftig ist.

Selbst bei euphorischen Ausbrüchen, etwa in ‚Dieu parmi nous’ aus dem Zyklus ‚La Nativité du Seigneur’ (1935), im ‚Sortie’ der ‚Messe de la Pentecôte’ (1950) oder in der zweiten der ‚Méditations sur le mystère de la Saint Trinité’ (1969), pflegt Tanke aufgrund seiner als meditativ zu begreifenden Grundhaltung ein gewisses Maß an Zurückhaltung, was die Musik in einigen Fällen – so auch in Stücken wie den ‚Chants d’oiseaux’ aus dem ‚Livre d’orgue’ (1951) – doch relativ nüchtern erscheinen lässt. Dadurch entsteht, auch in Wechselwirkung mit einer gedehnten Temponahme, manchmal der Eindruck, als würden die schwärmerischen Elemente von Messiaens sinnlicher, zum Monumentalen tendierender Klangmystik bewusst zugunsten einer beinahe schon puritanischen Strenge domestiziert, auch wenn beispielsweise Zyklen wie ‚Les Corps glorieux’ (1939), insbesondere dessen ausgedehnter und zu Beginn höchst dramatischer Teil ‚Combat de la Mort et de la Vie’, aufgrund dieses Ansatzes an Spannung gewinnen.

Klavierwerke

Sieben CDs der Messiaen-Box sind den Klavierwerken gewidmet, allesamt Neuauflagen von Einspielungen mit dem Pianisten Peter Hill, die erstmals während der Achtziger- und Neunzigerjahren bei Regis Records veröffentlicht wurden. Hills Aufnahme des gigantischen Klavierzyklus ‚Vingt regards sur l’Enfant-Jésus’ (1944) schließt eigentlich beinahe nahtlos an Tankes Wiedergabe der Orgelwerke an, denn auch hier herrscht über weite Strecken hinweg eher meditative Ruhe und Konzentration als interpretatorische Extrovertiertheit. Die Genauigkeit bei der Umsetzung des Notentexts in den komplexen, vielschichtig angelegten Stücken und die damit verbundene rhythmische Präzision, aber auch die differenzierte Zeichnung filigraner Texturen in leisen Dynamik-Bereichen nehmen allerdings sehr für Hills Wiedergabe ein, obgleich es mittlerweile eine ganze Reihe empfehlenswerter Einspielungs-Alternativen gibt, darunter etwa jene von Pierre-Laurent Aimard (Teldec, 2000), in der die koloristische Wirkung der Messiaenschen Harmonik eine Spur deutlicher zum Ausdruck gebracht wird.

Auch von dem ‚Catalogue d’oiseaux’ (1956-58) liegen mittlerweile mehrere Aufnahmen vor, doch genießt Hills Interpretation immer noch die Aura des Authentischen, da er die Tour de Force durch die Vogelstimmen einst gemeinsam mit dem Komponisten erarbeitet hat. Überzeugend ist die Klarheit seines Zugriffs sowie die damit verbundene reiche Palette an Klangfarben und Artikulationsnuancen, die er nicht nur in diesen Stücken, sondern auch in Werken wie den berüchtigten ‚Quatre Études de rythme’ (1949/50) vorbildlich anzuwenden weiß. Ein Höhepunkt der Klavier-CDs ist darüber hinaus der gemeinsam mit Benjamin Frith eingespielte Zyklus ‚Visions de l’Amen’ (1943) für zwei Klaviere, in dem beide Pianisten zur Höchstform auflaufen. Mit ihrer interpretatorisch dichten, im Zusammenspiel gleichermaßen präzisen wie strukturell klaren und klanglich überlegten Umsetzung unterstreichen Hill und Frith die nahezu orchestrale Farbpalette von Messianes Klavierwerk und zeichnen sie im Spannungsfeld von bedächtiger Klanggebung (besonders schön am Ende des ‚Amen de l’Agonie de Jésus’) und hymnischem Tonfall (so in ‚Amen de Desir’) nach.

Klavierlieder

Da Messiaen nach 1945 keine Werke für Stimme und Klavier mehr geschrieben hat, umfasst die Einspielung dieser Kompositionen – sie wurde erstmals 2005 von Brilliant Classics unter dem Titel ‚Vocal Works’ veröffentlicht – lediglich zwei CDs mit drei Zyklen und ebenso vielen Einzelliedern. Überraschend sind allerdings kompositorische Gestaltungskraft und Ideenreichtum, mit denen der Komponist dem klavierbegleiteten Lied begegnet und den Interpreten dabei ihr ganzes Können abverlangt. Was die Sopranistin Ingrid Kappelle und der Pianist Hâkan Austbø leisten, braucht keinen Vergleich zu anderen Aufnahmen zu scheuen. Kappelle ist den schwierigen Vokalpartien vollauf gewachsen, und meistert die große Spannweite des Ausdrucks mit Bravour. So berührt sie einerseits gerade in ‚Harawi’ (1945) häufig die meditative Seite von Messiaens Musik und findet dafür oftmals einen fast zärtlich zu nennenden Tonfall; andererseits nutzt sie jedoch auch – so in einigen der Lieder aus den ‚Poèmes pour Mi’ (1939) oder aus den ‚Chants de terre et de ciel’ (1939) – die Möglichkeit eines ausgesprochen kraftvollen und bisweilen gar dramatischen Gesangs.

Austbøs Vortrag der diffizilen Klavierparts mit all ihrer komplexen Akkordik, der verschachtelten Rhythmik, den vertrackten Vogelstimmen-Kaskaden und den ständig sich ändernden, bisweilen – so in den ‚Trois Mélodies’ (1930) – gar impressionistisch anmutenden Farbwerten überzeugt durch interpretatorische Qualitäten, die sich der Pianist offenbar bei seiner Auseinandersetzung mit den ‚Vingt regards sur l’Enfant-Jésus’ und dem ‚Catalogue d’oiseaux’ (Naxos, 1994 und 1997) angeeignet hat. Die Art und Weise, wie beide Interpreten gerade den Liederzkylus ‚Harawi’ in partnerschaftlichem Miteinander und exzellentem Zusammenwirken zu einer hoch spannenden Angelegenheit machen, indem sie die ganze Bandbreite ihre Fähigkeiten zur Anwendung bringen, ist schon beeindruckend. Die seltsam exotisch anmutende Schönheit dieser zwischen Introspektion und Ekstase angesiedelten Gesänge mit ihrer teils extremen vokalen wie pianistischen Virtuosität enthält – obgleich es auch hier eine ganze Reihe guter bis sehr guter Vergleichsaufnahmen gibt – vielleicht einige der eindrücklichsten Momente, die auf der gesamten 17-CD-Box zu hören sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Messiaen, Olivier: Sämtliche Orgel-, Klavierwerke und Lieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
17
02.05.2008
Medium:
EAN:

CD
5029365894920


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Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


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