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Samstag, 7. Dezember 2019

Müthel, Johann Gottfried - Konzerte und Kammermusikwerke

Entdeckung eines vergessenen 'Originalgenies'


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit ihrer durchweg überzeugenden Interpretation ausgewählter Werke Müthels zeichnen Musica Alta Ripa ein facettenreiches Bild der aufkommenden Ästhetik des musikalischen Sturm und Drang.

"Seine Arbeiten sind so voller neuer Gedanken, so voller Geschmack, Anmut und Kunstfertigkeit, daß ich mich nicht scheuen würde, sie unter die größten Produkte unsrer Zeit zu rechnen ... Der Stil dieses Komponisten kommt dem Stile des Hamburgischen Bach näher als irgendein andrer. Die Gänge und Passagien aber sind ganz sein eigen und machen seiner Hand und seinem Kopfe viel Ehre“ lobt der Deutschlandreisende Charles Burney in seinem Musikalischen Reisetagebuch den zu seiner Zeit berühmten, heute jedoch weniger bekannten Johann Gottfried Müthel.

Ein geringer Bekanntheitsgrad zu Unrecht, wie sich durch die Einspielung von Kammermusik und Konzerten durch das Ensemble Musica Alta Ripa zeigt. Der in seiner Haltung an ein Originalgenie im romantischen Sinne erinnernde Komponist – er wartete beim Komponieren auf „eine glückliche Disposition des Geistes“, um den Geist nicht „müde, schläfrig und stumpf“ werden zu lassen – gehört zu den letzten Bach-Schülern und steht somit im Spannungsfeld des 18. Jahrhunderts zwischen Kontrapunktik des gelehrten Stils und einer Musikästhetik der „Schönen Kunst“, in der durch Musik die persönliche Gemütsbewegung des Komponierenden vermittelt und aufs Publikum übertragen werden sollte.

Gemäß der von C.P.E. Bach genannten Kompositionsanlässe – für die Menge und Werke, welche er „mit aller Freyheit und zu seinem eigenen Gebrauch“ verfasste – wurden aus Müthels vergleichsweise schmalem Oeuvre Werke ausgewählt, die, wie z.B. die Polonaisen, vorwiegend den Publikumsgeschmack bedienten, oder die, wie die Sonaten, möglicherweise zum eigenen Gebrauch komponiert wurden.

Die Interpretation folgt, historisch informiert, zeitgenössischen Quellen. In den Polonaisen werden die in Kochs Musiklexikon geforderten Merkmale (gravitätischer Charakter, Tempowahl zwischen Andante und Allegro, Heraushebung des ‚schlechten Takttheils durch Cadenzen’) differenziert herausgearbeitet, ohne dass ein eher volkstümlicher Tanzcharakter verloren geht. Exemplarisch für die beliebte Gattung der Sonate, die nach Sulzer am besten geeignet sei „heftige, stürmende, oder contrastirende, oder leicht und sanft fortfließende ergözende Gemüthsbewegungen zu schildern“ und „ohne Worte Empfindungen zu schildern“, findet sich die Sonate in D-Dur für Flöte und Basso continuo und eine Sonate in F-Dur für Cembalo, beide herausragend interpretiert mit dem von Sulzer geforderten „gefühlvollen Vortrag“. Auch die Konzerte für Cembalo in B-Dur, für zwei Fagotte in Es-Dur und für Cembalo, 2 Fagotte, Streicher und Continuo in d-Moll geben den „geschikten Spielern“ von Musica Alta Ripa die Gelegenheit, mit großer Virtuosität facettenreich die in ihrer Phrasenbildung bisweilen höchst eigenen Werke zu interpretieren.

Insgesamt wieder eine Einspielung, die dem audiophilen Label Dabringhaus und Grimm alle Ehre macht – mit ausgezeichneter Klangqualität und hochkarätigen Musikern zeichnen herausragende Interpretationen ein Bild der gefühlsbetonten, empfindsamen und expressiven Musik des frühen musikalischen Sturm und Drangs.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Meike Wiese Kritik von Meike Wiese,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Müthel, Johann Gottfried: Konzerte und Kammermusikwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
2
25.07.2008
Medium:
EAN:

CD
760623045221


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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