> > > Vasks, Peteris: Klaviertrio ´Episodi e Canto perpetuo´
Montag, 6. Dezember 2021

Vasks, Peteris - Klaviertrio ´Episodi e Canto perpetuo´

Zeitgenössisches aus Lettland


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Trio Parnassus und der Bratscher Avri Levitan überzeugen mit anspruchsvoller Kammermusik aus der Feder des lettischen Komponisten Peteris Vasks.

Schaut man sich die bisher zumeist mit Komponisten von Klassik, Romantik und klassischer Moderne befassten Aufnahmen des Trio Parnassus an, muss man konstatieren, dass Yamei Yu (Violine), Michael Groß (Violoncello) und Chai Chou (Klavier) mit ihrer neuesten SACD – wie die übrigen Platten bei der Musikproduktion Dabringhaus & Grimm veröffentlicht – einen ungewöhnlichen Ausflug ins zeitgenössische Repertoire unternommen haben. Denn zwei ausgedehnte Kammermusikwerke des Letten Peteris Vasks (*1946) stehen hier im Mittelpunkt: das Klaviertrio ‚Episodi e Canto perpetuo’ (1985) und – unter zusätzlicher Beteiligung von Avri Levitan (Viola) – das um 15 Jahre jüngere Klavierquartett (2000/01). Vasks pflegt einen Stil, der seine Verwurzelung in modalem und tonalem Denken ebenso wenig verleugnet wie die collagenartigen Techniken eines Alfred Schnittke, der aber dennoch zu einer sehr persönlichen, von mannigfaltigen Brüchen und Umschwüngen geprägten Sprache geführt hat. Hieraus entwickelt er eine Musik, die archaisierende Klanglichkeit ebenso zulässt wie die kontrapunktischen Konstruktionen von Fuge oder Passacaglia, exaltierte solistische Ausbrüche oder auch eine stark ins Geräuschhafte gewendete Tonerzeugung.

Der spannungsreiche Beginn des Klaviertrios ist ein exzellentes Beispiel für diesen dem Ausdruck verpflichteten Reichtum an Gegensätzen: Zunächst kommt die Musik in Gestalt schwebender Klänge aus dem Nichts und verdichtet sich zu einfachen Melodien, die nur wenig später mit dramatischer Intensität in den Raum gemeißelt werden; doch schon bald darauf werden die tonalen Grundlagen plötzlich an einer feinen, nur aus Geräuschklängen bestehenden Passage gebrochen, die das gerade Erklungene variierend aufgreift und weiter fortführt. Vergleichbar dieser Passage entwickeln sich beide Werke aus der Abfolge von Kontrasten. Vasks vermeidet jeglichen Bezug zu klassischen Satzschemata zugunsten einer mehrteiligen Abfolge aus ineinander übergehenden Werkteilen, die jeweils zu einem großen Spannungsbogen zusammengeschweißt sind. Das früher entstandene Klaviertrio ist allerdings wesentlich experimenteller und nähert sich absichtsvoll der Sprache von Olivier Messiaen an, dem das Stück auch gewidmet ist. Dies ist besonders im zweiten Satz (‚Misterioso’) hörbar, den die Musiker mit großer rhythmischer Prägnanz vortragen.

Die Interpretation gewinnt ihre Atmosphäre vor allem durch Elemente wie die Verdichtungen und gehämmerten Klänge mit bis ins Extrem gesteigerten Geräuschklängen sowie durch manche wunderbar einfach und sensibel vorgetragene Phrase. Nicht immer wirken die Musiker allerdings so sicher wie auf ihren sonstigen Platten: Manche dynamisch bis zur extremen Emphase hin übersteigerte Phrase im ‚Canto perpetuo’-Teil mit seinen einander ablösenden Melodielinien oder innerhalb der abschließenden Steigerung von ‚Apogeo e Coda’ lässt die bis in Letzte durchgehaltene Intensität vermissen. Und im Klavierquartett bleiben die rhythmisch verzahnten Texturen, die bisweilen an die vibrierenden klanglichen Vexierbilder eines John Adams denken lassen, eine Spur zu oberflächlich, da sich ihre klangräumliche Strukturierung trotz eines hervorragenden Klangbilds nicht so recht entfaltet. Manchmal könnte man sich zudem auch einen homogeneren Streicherklang wünschen, da sich Levitan als vierter Musiker nicht immer hundertprozentig ins Ensemble einpasst. Aber das sind Kleinigkeiten, die nichts daran ändern, dass den Musikern eine unbedingt empfehlenswerte Aufnahme auf sehr hohem Niveau geglückt ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vasks, Peteris: Klaviertrio ´Episodi e Canto perpetuo´

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
20.06.2008
Medium:
EAN:

SACD
760623151366


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Interpret(en):Yu, Yamei (Violine)


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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