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Dienstag, 9. August 2022

Lang, Bernhard - I hate Mozart

Mozart in der Warteschleife


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bernhard Lang erntete viel Lob für seine witzige und ebenso scharfsinnige Oper ‘I hate Mozart’. Nun liegt sein außergewöhnlicher Beitrag zum Mozartjahr in einer edlen Box bei Col Legno vor.

Was machen eigentlich Neue Musik-Komponisten im Mozart-Jahr? Eine Möglichkeit wäre auszuwandern, sich jedenfalls nicht in Salzburg oder Wien aufzuhalten, oder jedoch im Schatten vom Mozart fleißig mitmachen. Man könnte aber auch eine ‘Anti-Mozart-Oper’ komponieren und genau an ein solches Projekt hat sich Bernhard Lang im Mozartjahr 2006 gewagt. Mit I hate Mozart gelang ihm eine gewitzte, aber ebenso scharfsinnige Gesellschaftssatire, die in einem melancholischen Unterton auch über unser heutiges (Konzert-)Leben nachdenken lässt.

Kongenial spiegeln dabei das innovative Libretto und die hoch gelobte Inszenierung von Michael Sturminger die beißend ironische Musik von Bernhard Lang wieder. Bereits zu Beginn, als wohlgemerkt ein Tenor ‘Ich hasse Mozart’ intoniert, beginnt das neue Leitmotiv der Oper, welches sich in der Folge auf nahezu alle Charaktere überträgt. Dies handelt von der Frustration gegenüber der Musik Mozarts auf allen denkbaren Ebenen. Immer wieder schlägt die fragmentarische Handlung in neue, oft gesellschaftlich und individuell bedingte, Facetten um und beleuchtet in raffinierten Physiognomien die Beziehungen der Protagonisten zum ‘Übermusiker’. Mozart ist ‘deus in terris’ und die ganze Welt dreht sich – wie deutlich in Erinnerung vom Mozartjahr – um ihn. Dabei geraten alltägliche und persönliche Probleme in den Hintergrund, aber gerade durch diese Polarisierung, drängen diese auch wieder in den Vordergrund.

Bemerkenswert ist die Vielfalt der Alptraumszenarien, die Sturminger erfunden hat. Mit einer grenzenlosen Fantasie rührt er an zeitlos traumatische Erlebnisse im Umgang mit der Musik, welche hier stets eine der Vergangenheit ist. Das melancholische Grundgefühl ist bitterer als ehemals ein ‘momento mori’, da es sich schon nicht mal mehr in der Jetztzeit konstituiert. Der Bruch zur Gegenwart wird offensichtlich, ohne dass dabei eine wertende Note ins Werk getragen wurde.

Beispiellos ist sicher die szenische Idee, die Oper aus der Sicht der Theaterhinterbühne laufen zu lassen und so im Blick hinter die Kulissen auch einen Blick hinter den Zauber und die Magie zu gewähren, den die Oper bei Mozart stets vorgibt. Hinter der Märchenwelt lauert dort erbarmungslos das tägliche Leben.

Bernhard Langs Musik führt immer wieder in Endlosschleifen und ewigen Wiederholungen die eigene Musik und deren Pathos ad absurdum. Die repetitiven Strukturen und Textwiederholungen können aber auch hier und da stören und wirken nicht selten abgenutzt, da Lang den Effekt zu oft, ja fast penetrant nutzt, auch wenn er sicher eine ‘nervende’ Wirkung mitintendiert haben wollte.

Interessant sind besonders die Momente, in denen sich die Musik vom individuellen Gestus zum Beispiel einer Aria à la Mozart hin zu einem Mechanischen entwickelt, wie es im übrigen bereits die Einakter von Arnold Schönberg (Glückliche Hand, Erwartung) zur Karikatur der Gesellschaft nutzten. Die Musik Langs rastet dann ein, wiederholt immer wieder dieselbe Litanei oder erinnert an elektroakustische Loop-Effekte. Manchmal hört es sich gar an, als würde die CD im Player springen. Dahinter verbirgt sich aber eine geschickte Semantik, die genau hier auf den gesellschaftlichen Zwang anspielt, die Musik von Mozart, Beethoven & Co aufgrund ihrer Größe und historischen Gravität immer wieder zu spielen. Und dies gilt eben nicht nur für das Konzertrepertoire der Wiener Philharmoniker, sondern auch für das Provinzorchester im Sankt Nimmerleinsland.

Die verzweifelte Reaktion folgt prompt und entspricht durchaus der Realität an Konservatorien und in Orchestern. Lang und Sturminger drücken diese dann so simpel wie markant aus: ‘Warum soll ich immer Mozart singen, ich hasse Mozart.’ Doch der Teufelskreis ist nicht zu stoppen und der Musik Mozarts nicht zu entgehen. Dies weiß auch Lang und im Prinzip auch ein jeder seiner tragischen Protagonisten.

Stets blickt man mit einem weinenden und einem lachenden Auge auf diese Gestalten, die manchmal so wirken, als wären sie eben erst einem Woody Allen-Film entsprungen. Das Geschehen auf der Bühne ist jedenfalls ein großer inszenierter Reinfall. Das es sich dabei aber nicht nur um eine einfache Karikatur handelt, zeigen die Momente, in denen Lang der Musik eine Tiefendimension gibt, bei der einem das Lachen nur im Hals stecken bleiben kann. Man erkennt dann sofort den Wiener Humor eines Thomas Bernhard auch bei Bernhard Lang wieder. Hinter jeder Pointe lauert eben auch die bitterböse Wahrheit über die Realität der Lebensumstände, und die bleibt zurück, wenn das Lachen verstummt.

Das Wiener Label Col Legno hat seinem Steckenpferd Bernhard Lang und uns Hörern mal wieder mit einer wunderschönen Box ein großes Geschenk gemacht. Neben einer klanglich brillanten Aufnahme auf zwei CDs enthält sie auch den ORF- Mitschnitt der Oper als DVD, sowie ein 186 Seiten starkes Booklet mit sehr ansprechenden schwarz-weiß Photographien und dem gesamten Libretto. Dieses intensiv zu studieren lohnt durchaus, denn hinter der Fassade des ersten Hörens verbergen sich ein tiefsinniges Werk und ein bemerkenswerter Textentwurf. Wahrlich ein gelungener Beitrag zum Mozartjahr, und das sogar seitens der Neuen Musik.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lang, Bernhard: I hate Mozart

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
2
09.05.2008
Medium:
EAN:

SACD
9120031340171


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col legno

Welche Produktion von col legno Sie auch vor sich haben, eines ist gewiss: bunt wird sie sein und außergewöhnlich. Wir widmen uns herausragender Musik der Gegenwart und den Visionen ihrer Protagonisten.

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

col legno nutzt die jeweils für die Produktionen optimalen Tonträger und Formate - von der CD über Multichannel Medien bis hin zu gänzlich neuen Entwicklungen. Dabei bieten wir unseren Hörern immer "state-of-the-art" Technik und beste Audioqualität.

Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert. Seit 2015 ist Andreas Schett alleiniger Inhaber des Labels.

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