> > > Francesconi, Luca: Etymo
Montag, 15. Juli 2019

Francesconi, Luca - Etymo

Jenseits der Postmoderne


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vielleicht der bedeutendste italienische Komponist seit Luigi Nono? Das Ensemble intercontemporain, das Pariser IRCAM und das Wiener Label Kairos präsentieren vier Meisterwerke von Luca Francesconi.

Sirènes lautet der Titel einer sich seit kurzem etablierenden fantastischen Kooperation zwischen dem Ensemble intercontemporain, dem Pariser IRCAM und dem Wiener Label Kairos. Wie die Sirenen in Homers Odyssee verspricht das Projekt viel Neue Musik, der man sich nur schwer entziehen werden kann. Mit vier groß angelegten Kompositionen von Luca Francesconi präsentiert Kairos, begleitet von einem informativen Booklet, Schlüsselwerke der zeitgenössischen Musik.

Luca Francesconi (*1956)

Seit Anfang der 90er Jahre gehört der Italiener Luca Francesconi zu den interessantesten Stimmen der Neuen Musik in der Folge von Stockhausen, Nono und Boulez, wobei er die postserielle Sackgasse durch eine überschäumende Kreativität mit seinem beeindruckenden Werk schlichtweg zu ignorieren scheint. Francesconi ist sich der Idee der Moderne noch bewusst und knüpft, wie kaum ein anderer Komponist seiner Generation, an die Ideale seiner italienischen Vorgänger – Bruno Maderna, Luciano Berio und Luigi Nono – an. Jenseits der Postmoderne und jenseits von Komplexität erklingt seine Musik so frisch, wie zeitlos und entzündet so ein Licht im Dunkel des musikalischen ‘Anything goes’.

Luca Francesconi studierte Klavier in Mailand, später in Rom und Tanglewood Komposition bei Azio Corghi, Karlheinz Stockhausen und Luciano Berio. In Boston absolvierte er zudem ein Jazzstudium.

Etymo

Was ist (musikalischer) Sinn und wie manifestiert er sich? In unzähligen Anläufen hat sich Francesconi bisher dieser Frage gestellt und immer wieder kreativste Antworten gefunden, wo oft der Zeitgeist resigniert. Etymon (griech. der ursprüngliche Sinn) ist ein Werk, das in der Musik nach archaischen Ursprungsklängen sucht. Phoneme, Tongeburten, die Arché der Stimme. Die kontrapunktische Struktur ist dabei ebenso komplex wie schlüssig, wozu auch die Interpretation das Ihrige entscheidend beiträgt. Susanna Mälkki führt das Ensemble intercontemporain auf dem gewohnt hohen Niveau. Das IRCAM in Paris ist eben in Sachen Neuer und elektroakustischer Musik immer noch ein Garant für kompositorische Qualität.

Der Orchesterklang wird bei Francesconi durch die Elektronik gefühlvoll bereichert und integriert sich instrumental, ähnlich wie beim späten Stockhausen oder Boulez, in die Klangfarben des Orchesters. Die Sopranstimme (Barbara Hannigan) – das Subjekt jeglicher Sinnesdeutung – ergänzt die phänomenologische Ebene der Musik durch die linguistische der Sprache. Der Schlüsselsatz stammt hier von Charles Baudelaire und verkündet eine Weisheit, die auch von Frank Stella hätte kommen können: ‘Sagt, was ihr saht!’ (Baudelaire) – ‘What you see is what you see!’ (Stella) oder letztlich paraphrasiert als Frage Francesconis: ‘What you hear is what you hear? Der italienische Komponist reflektiert auf subtile Weise die grundlegenden Wesensunterschiede von Wort-Sprache-Semantik im Hinblick auf die lyrische Dimension ‘absoluter Musik’. Der Sinn (Etymon) kristallisiert sich dabei im Laufe des Werkes immer mehr hin zur Musik heraus. So entwirft Francesconi eine nicht wertende, aber doch gestaltete Wort-Ton-Paragone. Aus der Poetik Baudelaires ist am Ende die Poetik Luca Francesconis geworden.

Da Capo

Ein vielschichtiger Schlagimpuls eröffnet das Werk, gefolgt von einer Klarinettenlinie, die als ‘Inspiration’ dient, aber keine imitierenden Gesten provoziert. Die zögerliche Entwicklung des Stückes erfasst zunächst Flöte, danach Vibraphon und Violine bis Da Capo in voller Instrumentierung ertönt, in der Francesconi ein durchweg dissonanzarmes Material in allen erdenklichen Klangfarben badet, die man für ein neunstimmiges Kammerorchester imaginieren kann. Es kommt zu interessanten Verdichtungen, Färbungen und einer homogenen Steigerung, nach der das Stück sich ebenso behutsam wieder zurückschaukelt. Francesconi entwirft große Bögen, die Mälkki par Excellenze erkennt und zudem durch klangfarbliche Raumbrüche deutlich gliedert. In seiner Dichte und kompositorischen Brillanz ist Da Capo bereits nach dem ersten Hören überzeugend und für Neue Musik geradezu eingängig – in vielem durchaus vergleichbar mit Stockhausens Meisterwerk Gruppen.

A fuoco, 4. Studio sulla memoria

Gedächtnis (memoria) und Erinnerung, die alte ars memoria der Rhetorik und Mnemonik von Francesconis Landsmann Giordano Bruno, durchzieht nahezu das gesamte kompositorische Schaffen des italienischen Komponisten. Oft zeichnet bereits die Werkgenese einen Erinnerungsprozess vor. So erinnert sich Francesconi einst einiger Fragmente, die er unter Luciano Berio bereits 1982 in Tanglewood als Schüler komponiert hatte. Ziel seiner neuen Komposition war es nun, ähnlich wie es Pierre Boulez in seinen Notations verwirklichte, das größtmögliche Auffächern und Ausleuchten dieser Fragmente und Erinnerungen zu erreichen. Francesconi erzeugt so in seiner Musik eine Art ‘geschichtete Musikgeschichte’, die sich in subjektiver Schau auch auf sein eigenes Werk bezieht. Hier zeigt sich – durchaus entlehnt von Boulez – wie das produktive Potential eines musikalischen Gedankens als ‘work in progress’ weiter leben kann. Bei Boulez führte dieser zu einer Bereicherung seiner kompositorischen Gegenwart, wie Vergangenheit und auch bei Francesconi ist dies zu erahnen. Der großartige ausdifferenzierte Gitarrenpart (Pablo Marquez) gehört zu den seit langem wohl beeindruckendsten musikalischen Neuschöpfungen für das Instrument, ist dabei in einem nahezu konventionellen (dem Instrument gerecht werdenden!) Fingersatz geschrieben und wirkt nach all den Zerästelungen von Lachenmann & Co einfach nur befreiend schön und erleichternd.

Letztlich ist der groß angelegte Memoria-Zyklus auch eine Hommage an das kollektive kulturelle (Musik-) Gedächtnis, das niemand – auch nicht in der Neuen Musik – verloren geben will. Francesconi widmete Memoria Wolfgang AmadeusMozart und entnahm eine entscheidende winzige Zelle aus der Symphonia concertante für Violine und Viola, KV 364, um diese dann in seinem vierteiligen Werk aufzufächern. Francesconis Methode ist dabei nicht die der Collage, sondern entspricht eher dem, was Giorgio Agamben als das Weiterführen und Vollenden von Ideen ins Zentrum des modernen Denkens gerückt hat. Das Potential von musikalischen Ideen steigert sich in der Musik von Luca Francesconi zu einer erhofften, aber ungekannten Tiefe, die dennoch im Ganzen die Züge des Komponisten trägt.

Animus

Animus (lat. Seele, auch Geist) spitzt diese Selbstthematisierung nochmals zu. Wie bereits in Etymo polarisiert Francesconi ‘Geist und Natur’, sein subjektives, kompositorisches Eingreifen auf der einen Seite und den materiellen Abstraktionsgehalt der Instrumentierung auf der anderen. Bewusst hat er sich hier gegen die menschliche Stimme, und für ein Blechblasinstrument und die Elektronik entschieden. Nahezu bildlich, wie in Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle ist es der Künstler der dem Kunstwerk den Atem, und somit die Seele (Animus), einhaucht. Ein ganzer Klangkosmos entfaltet sich dabei in diesem elektronisch begleiteten Solo-Stück für eine Posaune (Benny Sluchin), die im Fortissimo imposanter als ein ganzes Orchester erdröhnt. Dies sind gleichzeitig die Momente in denen Francesconi die Musik (gewollt) aus der Kontrolle gerät. Die Kontrollinstanz seitens des Komponisten entfremdet sich in ‘technisierter’ Musik, elektronischer Bearbeitung und einem unmenschlichen Klangraum. Die Eigenlogik einer solchen Musik ist mit dem menschlichen Körper nicht zu vereinbaren.

Zeitlos

Luca Francesconis Kompositionen sind so großartig gestaltet, dass sich die Frage nach Werk- und Materialkritik gar nicht mehr stellt. Ihnen wohnt eine zeitlose Qualität inne, die schon die Werke von Schönberg völlig unabhängig von theoretischen Fragen nach Dodekaphonie und Atonalität, zu den größten Kompositionen seiner Zeit machte. Man wird von Francesconi noch viel hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Francesconi, Luca: Etymo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
13.06.2008
Medium:
EAN:

SACD
9120010281280


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Toni Hildebrandt:

  • Zur Kritik... Stockhausens 1970: Die Neueinspielung von Pestova/Meyer/Panis kann heute als ideale Einführung in den klanglichen Kosmos von 'Mantra' gelten. Weiter...
    (Toni Hildebrandt, )
  • Zur Kritik... Arvo Pärts missglückte Angelologie: Arvo Pärts Vierte Sinfonie trägt den Untertitel 'Los Angeles'. Sie wurde vom Los Angeles Philharmonic Orchestra uraufgeführt. Ergänzt um Fragmente des Kanon Pokajanen hat ECM Records nun die Premiere in der Reihe der New Series veröffentlicht. Weiter...
    (Toni Hildebrandt, )
  • Zur Kritik... Wolffs historische Perspektiven: Christoph Wolff stellt in seiner Werkeinführung von Bachs h-Moll-Messe historisch-philologische Aspekte in den Vordergrund und drängt wesentliche Dimensionen des Werks an den Rand. Weiter...
    (Toni Hildebrandt, )
blättern

Alle Kritiken von Toni Hildebrandt...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Schwabenbass-Legende: Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als wäre dieses Porträt Gottlob Fricks eine Wiederauflage der ewig gleichen Frick-Highlights, aber es gibt bei genauerem Hinsehen und Hinhören eben doch noch eine ganze Menge 'Neues' zu entdecken und zu genießen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Goldfisch in breitem, kühlem Fluss: Stephen Houghs Repertoirebreite erstaunt immer wieder, insbesondere aufgrund des ganz eigenen Tons, der auch dieser seiner ersten Debussy-Monographie den Wert manch neuer Perspektivik verleiht. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Meisterliche Mugge: Freunde der romantischen Kammermusik für Klavier und Streicher dürften mit dieser hybriden SACD ihre Freunde haben. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich